Technische Daten:
Starlight Express Theater Bochum; Musik: Andrew Lloyd Webber; Texte: Richard Stilgoe
Aufführungsdauer: 145 min; Uraufführung: 12. Juni 1988
30-jähriges Musical-Jubiläum mit einer neuen Version des Starlight Express
Papa auf dem Abstellgleis: Generalüberholung des Rollschuh-Dauerbrenners
In der 30-jährigen Erfolgsgeschichte des Bochumer „Starlight Express“ erlebte das Musical seit der Deutschlandpremiere am 12. Juni 1988 schon einige Überarbeitungen, um nach so vielen Jahren immer modern und auf dem neusten Stand der Technik zu bleiben. Mit den Jahren wurden die Kostüme von Electra immer imposanter, Greaseball bekam Raketenantrieb, Pearls rosa Haare wuchsen wie Zuckerwatte immer länger weit unter die Po-Linie und die Show wurde mit zwei Stunt-Skatern noch spektakulärer und rasanter. Seit 2010 gibt es Rollschuhbahnen direkt an den 360° Panorama-Sesseln vorbei quer durchs Parkett und die Show wurde von der Hauptbühne weg mitten ins Publikum verlagert. Musikalisch mussten einige sehr beliebte Songs weichen und wurden durch neue ersetzt, z.B. wechselte das Liebesduett zwischen Rusty und Pearl von „Du Allein“ zu „Allein im Licht der Sterne“ über „Nur mit ihm“ bis zum immer noch aktuellen Song „Für immer“, das Sir Andrew Lloyd Webbers Sohn Alastair 2013 zum 25. Jubiläum beisteuern durfte.
Make-Overs sind also nichts Neues für den betagten Musical-Klassiker. Im Frühjahr begann das ehemalige Kreativteam mit Andrew Lloyd Webber (Musik), Richard Stilgoe (Texte), John Napier (Kostüme, Maske, Bühnenbild) und Arlene Phillips (Regie, Choreografie) das Musical komplett umzukrempeln und neu zu definieren. Denn im Jahr 2018 fiel den Schöpfern des Musicals auf, dass der „Starlight Express“ ein unzeitgemäßes Frauenbild zeichnet: es gibt nur starke männliche Zugmaschinen, die den schwachen, weiblichen Waggons zeigen, wo es lang geht. Ein Waggon ohne Zug war praktisch dazu verdammt, nur dumm rumzustehen ohne Ziel und Sinn im Leben. Textzeilen wie „Ich bin nicht G.E.K.U.P.P.E.L.T. – kann nicht kreisen auf den Gleisen“ waren nach 30 Dienstjahren plötzlich sexistisch und „political incorrect“. Das Rollenprofil bestehender Charaktere sollte grundlegend überarbeitet werden und weibliche Figuren eine selbstbewusste und emanzipierte Stärkung erhalten. Mit einem Wort: Frauen sollen Züge sein und Männer dürfen sich als Waggons auch mal ziehen lassen! Soweit O.K. Doch als in der Presse durchsickerte, dass die zentrale Rolle des Papas als Vaterfigur Rustys durch eine „Mama“ ersetzt werden sollte, war die Empörung der eingefleischten Musical-Fans gewaltig. Egal ob Männlein oder Weiblein: kein Starlight-Fan wollte auf „Papa“ verzichten und Äußerungen wie „dann ist Starlight für mich gestorben“ waren in den sozialen Medien an der Tagesordnung. Als verkündet wurde, dass weitere Rollen gestrichen werden, zweifelten die Fans ernsthaft daran, ob der „Starlight Express“ wirklich noch „ihr“ Musical sein würde. In der Abschiedsvorstellung am 13. Mai 2018 flossen zahlreiche Tränen, denn neben Dampflok Papa landeten Rauchwaggon Ashley, Buffetwagen Buffy, Electras Geldtransporter Purse und Waffenwaggon Krupp, die Hip-Hopper Frachtwagen, der Japan-Express Hashamoto und der französische TGV Bobo endgültig auf dem Abstellgleis. Schlechte Presse bekam die neue Version weiterhin durch die Verkleinerung des Orchesters, das von über 30 Musikern im Jahr 1988 über 11 Mitglieder 2013 auf jetzt 9 Live-Künstler rationiert wurde. Ein nach 30 Jahren gekündigter Trompeter wollte nun auf Keyboard umschulen. Das Sternenlicht in Bochum flackerte bedenklich.
Die erste Preview der „neuen Version“ war für den 06.06.18 geplant, musste aber wegen technischer Sicherheitsmängel kurzfristig abgesagt werden. Einen Tag später rollte der Starlight Express wieder und gleich hagelte es wieder Kritik bei den Fans über die stark vereinfachten Kostüme, insbesondere bei Electra und Pearl. Und was sind denn das für neue Züge? Coco, der schnellste Unterwasserzug der Welt mit der klassischen Nummer 5, dazu ein italienischer Pizza-Express und der Zug nach Nirgendwo – Brexit. Das sind also die innovativen Neuerungen?
Gala-Premiere des neuen Starlight Express nach 30 Jahren in Bochum
Die Gala-Premiere am 12. Juni 2018, exakt 30 Jahre nach der Deutschlandpremiere, sollte dann beweisen, ob der neue „Starlight Express“ eine lahme Bummellok oder ein crazy High-Tech-Spektakel erster Klasse mit Pfiff sein sollte. VIP-Sternchen sollten schon auf dem roten Teppich für Glanz und Gloria sorgen. So flanierten u.a. Ross Antony mit Gatte Paul Reeves, Dieter Falk mit Sohn Paul („Luther“), Uwe Hübner, Günter Irmler, Sarah Lombardi, Hans Meiser und Daniela Katzenberger neben einer ganzen Riege an Vorabend-Serien-Stars vor dem „Starlight“ Logo im Blitzlichtgewitter von Presse und Fernsehen und verewigten sich mit Autogramm auf einem großen Jubiläums-Poster. Ehrengast und just in time kurz vor Vorstellungsbeginn um 19:00 Uhr huschte noch medienscheu Musical-König Sir Andrew Lloyd Webber vorbei, der noch Sonntagnacht bei der Tony-Verleihung in New York mit seinen 70 Jahren einen Ehren-Tony für sein Lebenswerk abholte, danach aber alle Interview-Anfragen sausen ließ und sofort den Flieger nach Germany bestieg, um bei seinem „neuen“ Musical am Dienstagabend persönlich anwesend zu sein. Kaum verwunderlich also, dass Produzent und Geschäftsführer der Mehr! Entertainment Maik Klokow vor Showbeginn verkündete, dass die neue „Mama“ Reva Rice, die erste Pearl am Broadway 1986, einen bedauerlichen Unfall während der letzten Preview-Show am Sonntag hatte, Ihren Fuß einen Tag permanent auf Eis gekühlt hatte, eigentlich nicht spielen sollte, es sich aber nicht nehmen ließ, vor Komponist Webber auftreten zu wollen. Um es Mama etwas einfacher zu machen, sei das Rennen mit ihr choreografisch etwas umgestaltet worden, um Reva Rice ihren Auftritt zu ermöglichen.
Und dann startete der neue Starlight Express zu den neu eingespielten Dialogen eines kleinen Jungen, der von seiner Mutter ermahnt wird, die Eisenbahnen wegzulegen und endlich zu schlafen. „Control“ beginnt zu träumen, die Ouvertüre in neuer Orchestrierung beginnt mit der weltberühmten Titelmelodie, die aber von den rüden Worten unterbrochen wird „Jetzt ist Schluss mit dieser langweiligen Musik!“. Da soll doch mal jemand behaupten, britische Komponisten hätten keinen Humor. Und schon geht es fetzig los mit der Vorstellung der internationalen Züge, die längst nicht mehr den Hauptteil des ersten Aktes einnimmt. Es stehen jetzt die Charaktere fokussierter im Vordergrund.
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