Singin Circus im Theater Bielefeld © Stephan Drewianka
Singin Circus im Theater Bielefeld © Stephan Drewianka
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Premiere „Singin´ Circus – Songs und andere Verbrechen“ am Theater Bielefeld

Und nun etwas völlig anderes

Kein Musical, aber einen „Sketch- und Liederabend aus britischer Manufaktur“ mit viel Musik der 6-köpfigen Band unter der Leitung von William Ward Murta präsentiert das Theater Bielefeld mit Singin Circus seit dem 14.05.2022. Den fünfzig Jahre alten, schwarzen Humor aus 45 Episoden von „Monty Python´s Flying Circus“ nahm sich Michael Heicks zum Vorbild und inszenierte mit fünf Darstellern in unterschiedlichsten Rollen einige Highlights der Fernsehserie als knapp 2-stündiges Programm ohne Pause (es gibt eigentlich schon eine Pause, aber in der möchte jemand ganz groß rauskommen, also Entschuldigung, aber Pipi machen geht leider nicht!).

Die fünf Herren der damaligen Komikertruppe mit Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones und Michael Palin schlüpften nicht selten in Kleider, wenn sie Rollen des wirklich starken Geschlechts verkörpern wollten. Das haben die Protagonisten in Bielefeld nicht nötig, denn mit Susanne Schieffer und Carolin Soyka stehen neben Georg Böhm, Janis Kuhnt und John Wesley Zielmann auch zwei Damen auf der Bühne, die den Orchestergraben bis zur ersten Reihe des Zuschauerparketts überspannt. Entschuldigung, man will halt publikumsnah agieren und für die Band ist links und rechts in zwei Dreiergruppen inklusive diverser Instrumente von Piccoloflöte über Akkordeon, Bass, Klavier, Tuba und Synthesizer noch genug Platz!

Obrigkeiten im Visier

Der Humor von Monty Python nahm gerne Obrigkeiten ins Visier: Polizisten, Richter, Beamte und religiöse Oberhäupter wurden durch den Kakao gezogen. Deshalb begegnen wir Richtern, die bei Mord Milde walten lassen, während Falschparken unentschuldbar ist, Berufsberatern, die langweiligen Buchprüfern nicht den Wunsch zum Löwenbändiger erfüllen möchten, Polizisten, die nur auf bestimmten Frequenzen aufmerksam zuhören können, aber auch Bankräubern, die im Damenunterwäschegeschäft nicht den großen Coup landen und Einbrechern, die von der spanischen Inquisition als heimtückische Lexikonverkäufer enttarnt werden. Entschuldigung, wer ein Mittel gegen Furunkel oder Tripper braucht, kann sich gerne aus dem Publikum melden, auch der Katzenhuster!

Kulinarische Genüsse

Und was ist mit kulinarischen Genüssen? Wie die knackigen Schokofrösche, bei denen die Behörde feststellt, dass die aus dem Irak eingeflogenen Jungfrösche, die liebevoll mit acht Schichten feinster Sahneschokolade überzogen sind, nur deshalb so knusprig sind, weil die Knochen nicht entfernt wurden! Oder der Kunde, der an der Käsetheke unzählige bekannte und exotische Käsesorten verlangt, die alle nicht erhältlich sind. Und wo Loriot im Restaurant ein Problem mit einer Nudel hatte, gibt es bei Monty Python bei einer schmutzigen Gabel gleich Tote bis hinauf zur Geschäftsleitung, da reicht keine einfache Entschuldigung!

Wie britischer Humor und Slapstick genau funktionieren, erfahren wir bei der beindruckenden Demonstration des Stolperwitzes (Bein bis Bananenschale) über das geschwungene Brett vorm Kopf (Einzel und für Profis auch im Doppel) bis hin zum zielgerichteten Tortenwerfen (hier vorrangig Gesicht, nur im Extremfall andere Körperpartien). Und was passiert, wenn ein seniler Opa den Enkeln statt aus dem Märchenbuch aus einem Porno vorliest? Mal ehrlich, wir sind in den Weiten des Weltalls wirklich nicht die einzigen intelligenten Lebensformen…


Monty Python Songs

Bei Monty Python spielte Musik schon immer eine zentrale Rolle. „Spamalot“ als Musicalauskopplung recycelten Spielfilmmaterials aus „Der Ritter der Kokosnuss“ bis „Das Leben des Brian“ ist bestes Beispiel dafür. Und so trällern die Damen und Herren auf der Bielefelder Bühne gerne Songs, die bis auf den deutschsprachigen Holzfällersong alle im britischen Original präsentiert werden. Hier muss das deutsche Publikum schon fundierte Kenntnisse der englischen Sprache mitbringen, denn wenn eine Frau beim „The Penis Song“ die Vorteile der einäugigen Hosenschlange zelebriert, verpasst man leicht eines der zahlreichen Koseworte für den kleinen Unterschied (der Autor dieser Rezension möchte sich dafür entschuldigen, das männliche Genital hier so unverblümt in den Mund genommen zu haben!). Wer in Englisch ein „sehr gut“ in der Schule hatte, erfasst bei „Sit on My Face“ das gesamte „Meaning Of Life” bis nach „Finland“ (bei fremdsprachigen Opern gibt es im Theater doch Obertitel, aber vielleicht war der Projektor in Bielefeld auch defekt). Selbstverständlich darf der Welthit „Always Look On The Bright Side Of Life” nicht fehlen, der den vergnüglichen Abend des Singin Circus beschließt.

Die Darsteller überzeugen allesamt mit perfektem Timing, ausdrucksstarker Mimik, überschwänglicher Gestik und nicht zuletzt recht ansehnlichen Gesangsstimmen, die mit der abwechslungsreichen Instrumentierung der Musiker Arndt Hesse, Sigurd Müller, William Ward Murta, Ingo Otte, Michael Rossberg und Oliver Siegel (alle in Polizeiuniform) harmonieren. Alle Beteiligten haben sichtlich Spaß am Spiel (obwohl man das natürlich nicht in den Gesichtern erkennen darf, denn Darsteller und Orchester sind schließlich alle Profis!). Die Choreografie von Susanne Schieffer kann sich ebenfalls sehen lassen (Moment mal, spielt die nicht auch mit? Da war wohl bei den Kostümen von Jürgen Höth kein Geld mehr in der Portokasse und eine Schauspielerin musste ihren Kollegen die Tanzschritte zeigen, echt jetzt?).

Britischer Humor à la Monty Python, Entschuldigung!

Vielleicht ist britischer Humor à la Monty Python nicht jedermanns Sache und deshalb entschuldigt sich die Direktion des Theaters Bielefeld beim Publikum und wünscht eine schöne Vorstellung. Auch die Redaktion von www.musical-world.de möchte sich bei Ihren Lesern für die zahlreichen Entschuldigungen im abgedruckten Text entschuldigen und nicht zuletzt dafür, dass die Produktion Singin Circus strenggenommen gar kein Musical ist und deshalb nichts auf einer Musicalhomepage verloren hat (aber darauf hat der Autor ja bereits im ersten Satz hingewiesen, nicht aufgepasst?). Aber nicht ins Theater zu gehen, kann niemand entschuldigen!

Text © Stephan Drewianka, www.musical-world.de

Szenen-Fotos © Joseph Ruben // jr(at)josephruben(dot)com , Fotos Schlussapplaus © Stephan Drewianka

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