Besuch der alten Dame Tecklenburg © Stephan Drewianka
Besuch der alten Dame Tecklenburg © Stephan Drewianka
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Theater
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Der Besuch der alten Dame in Tecklenburg

Handlung - Der Besuch der alten Dame

Die Milliardärin Claire Zachanassian kehrt nach 45 Jahren in ihr heruntergekommenes Heimatstädtchen Güllen zurück, in dem sie als Klärie Wäscher aufwuchs. Bürgermeister Matthias Richter erhofft sich eine Finanzspritze für sein Dorf, das seit Schließung der ansässigen Industrie immer weiter in den Ruin getrieben wird. Der Ladenbesitzer Alfred Ill, Jugendliebe von Klärie im zarten Alter von 17 Jahren, soll alte Erinnerungen nutzen und helfen, der alten Dame das Geld abzuluchsen. Und tatsächlich stellt Claire bei einem Bankett Dorf und Güllener Bürgern die immense Summe von zwei Milliarden in Aussicht. Aber das Angebot ist an eine Bedingung geknüpft: Alfed Ill soll sterben! Geschockt und angewidert lehnen die Bürger das unmoralische Angebot ab. Doch Claire will Gerechtigkeit für all das Leid, das ihr in Güllen in ihrer Jugend widerfahren ist. Denn verliebt in Alfred erwartete sie sein Kind, doch Alfred schwor vor Gericht mit seinen Freunden einen Meineid, der Klärie als Dorfhure hinstellte, die mit jedem ins Bett ging. Bei einer Konfrontation in einer Scheune stürzte Klärie und Alfred ließ sie einfach liegen. Klärie verlor ihr Kind und behielt vom Sturz eine lebenslange Gehbehinderung zurück, verließ Güllen, wurde Prostituierte und lernte so ihren ersten Mann kennen, einen wohlhabenden Ölmilliardär, dessen Vermögen sie nach seinem Tod weiter vermehrte.

Obwohl die Güllener Bürger hinter Ill stehen, beginnen sie mit Aussicht auf ein Vermögen und wieder kreditwürdig, teure Dinge auf Pump zu kaufen. Alfred Ill wundert sich mit Frau und Kindern darüber und sieht sein Leben bedroht. Er wendet sich an Bürgermeister, Polizei, Lehrer und Pfarrer, nur um feststellen zu müssen, dass jeder bereits Geld fest verplant oder ausgegeben hat. Die Bedrohung für Alfred wächst, als das Haustier der alten Dame, ein schwarzer Panther, vermisst wird und das ganze Dorf bewaffnet auf die Jagd geht. Als Alfred mit dem Zug fliehen will, versammeln sich die Güllener Bürger, um ihn zu verabschieden, doch Ill befürchtet, dass irgendjemand ihn vor den Zug stoßen wird, bis er den Zug schließlich verpasst. Alle Versuche, sich mit Claire zu versöhnen, scheinen aussichtslos, obwohl Alfred ihr gesteht, dass er seine jetzige Frau nicht aus Liebe, sondern des Geldes und ihres Ladens wegen geheiratet hat und er Claire immer noch liebt. Auch Claire hegt noch Gefühle für ihn, beharrt aber stur auf Gerechtigkeit. Alfred versteckt sich tagelang in seiner Wohnung und kommt dort zu der Einsicht, dass er das Recht auf Vergebung verloren hat, zumal ihn mittlerweile alle Güllener verurteilen. Sein bester Freund, Polizist Gerhard Lang, reicht ihm seine Waffe, damit er sich selbst richten kann. Doch Ill will es den Güllenern nicht so leicht machen. Obwohl seine Tat längst verjährt ist und gerichtlich nicht zur Verhandlung gebracht werden kann, stimmt er zu, sich einem öffentlichen Urteil des Dorfes zu stellen. Vor der Abstimmung gesteht er seiner Frau, dass er sie damals nur geheiratet hat, weil sie die bessere Partie war, so dass auch sie bei der finalen Verurteilung gegen ihren Mann stimmt…

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Tragische Komödie von Dürrenmatt

Das Theaterstück „Der Besuch der alten Dame“ des Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt ist eine tragische Komödie in drei Akten. Das Original von 1956 trägt viele skurrile Züge, die komische Momente auslösen. Da kein Schnellzug in Güllen hält, zieht die alte Dame kurzerhand die Notbremse, reist in Begleitung ihrer zahlreichen Ex-Ehemänner und blinden Kastraten, die sie in ihrer Jugend vor Gericht falsch beschuldigten, und bewegt sich in einer durch Gangster getragenen Sänfte durch Güllen. Da das Stück aber in der „Gegenwart“ spielt, setzten spätere Inszenierungen des Schauspiels und Verfilmungen, z.B. 1963 als „The Visit“ für das Kino mit Ingrid Bergman und Anthony Quinn oder 2008 mit Christiane Hörbiger für das Fernsehen auf modernere Themen.

Auch die Musical-Adaption von Christian Struppeck aus dem Jahre 2013 mit der Musik von Moritz Schneider und Michael Reed und den Songtexten von Wolfgang Hofer, die zunächst auf der Bühne der Thunerseespiele Premiere feierte und 2014 mit Pia Douwes und Uwe Kröger im Ronacher in Wien gezeigt wurde, ist eigentlich nur Tragödie ohne überspitzte und obskure Charaktere. Natürlich darf die alte Dame extravagante Züge einer Milliardärin haben, denn sie reist per Helikopter mit Unmengen von Koffern und hält sich neben einem schwarzen Panther ein „Trio Infernale“ an Bodyguards aus dem Gangster-Milieu. Und wenn Bürgermeister, Polizist und Lehrer eine Besprechung einberufen, tut man dies heute per Handy-Zoommeeting.

Deutsche Erstaufführung in Tecklenburg

Für 2020 sicherten sich die Freilichtspiele Tecklenburg die Rechte an der deutschen Erstaufführung des Musicals, bei dem nach Wien wieder Pia Douwes die alte Dame spielen sollte. Doch die zweimalige Verschiebung durch Corona bedingten eine Neubesetzung der Titelrolle mit Mascha Karell, die in Thun und Wien unter der Regie von Andreas Gergen Alfreds Ehefrau Mathilde Ill und als Cover bereits Claire Zachanassian spielte und in der aktuellen Spielzeit in Tecklenburg als Mutter Oberin in „Sister Act“ strenge Worte findet. Vom 22.07. bis 09.09.22 verkörpert Masha Karell in 17 Vorstellungen unter der Regie von Ulrich Wiggers stimmstark, würdevoll und mit unglaublicher Bühnenpräsenz den unnahbaren Racheengel, der für Geld Gerechtigkeit kaufen will und Güllen vor Augen führt, dass Gier und falsche Moral aus jedem rechtschaffenden Menschen einen Mörder machen können. Selbst Polizei, Politik, Bildung und Religion können dem Sog nach Wohlstand nicht widerstehen und laden die Schuld schließlich auf sich, die Claire bei Alfred gesühnt sehen wollte, wobei die augenscheinlich wiederhergestellte Gerechtigkeit schlussendlich hohl und bedeutungslos bleibt.

Die Inszenierung und Hauptdarsteller

Das ganze Drama inszeniert Ulrich Wiggers mit viel Feingefühl für unterschwellige Stimmungen und Moralvorstellungen, die sich glaubhaft und nachvollziehbar um 180 Grad drehen. Angelpunkt der Story ist die starke Interpretation der alten Dame von Masha Karell in Kombination mit einem von der stetig wachsenden Bedrohung und Angst um sein Leben völlig überforderten Alfred Ill. Thomas Borchert spielt ganz anders als seine bisherigen, starken Musicalrollen, z.B. die verführerischen Vampire Dracula und Krolock oder der rachsüchtige Graf von Monte Christo, einen aufgelösten, verzweifelten Mann mit übersteigertem Verfolgungswahn, den die innere Einsicht seines Handelns in der Vergangenheit schließlich zu einer entschlossenen und ruhigen Person transformiert, der sich seinem Schicksal entgegenstellt und es akzeptiert.
Eine wichtige Rolle bei diesem Erkenntnisprozess spielen dabei der junge Alfred (Fabio Diso) und die junge Claire (Katia Bischoff), mit denen die erwachsenen Alter-Egos wie in lebendigen Erinnerungen kommunizieren und im Hier und Jetzt interagieren, so wie im Selbstgespräch und nicht in Rückblenden aus einer starren Vergangenheit.

Wichtig für Ill ist die Unterstützung durch seine Ehefrau Mathilde, gespielt von der Real-Life Ehegattin Navina Heyne („Dracula“, „Othello darf nicht platzen“). Hier stimmt die Chemie zwischen wahrem Leben und Theater eines Paares, das durch Dick und Dünn geht.
Umso bestürzender wirkt ein einfaches Handheben von Mathilde bei der finalen Urteilsabstimmung, wenn aus dem anfänglich bedingungslosen Beistand für ihren Mann dieselbe Ablehnung eines vormals geliebten Menschen wird, die alle Bürger Güllens erfasst. Repräsentiert werden die Güllener vorrangig durch Bürgermeister Richter (Martin Pasching), der als Politiker wortgewandt jedes Fettnäpfchen umschifft, Polizist Lang (Andreas Goebel), der die Bürger vor Unheil bewahren sollte, Pfarrer Reitenberg (Benjamin Eberling), der Schuld vergeben und göttlichen Beistand geben sollte, und Lehrer Brandstetter (Alexander Di Capri), der die Zukunft der ihm anvertrauten Kinder durch Wertevermittlung maßgeblich formen kann.
Doch alle diese Grundpfeiler jeder Gesellschaft versagen kläglich, wenn der Mammon lockt, und es ist interessant, welche Rechtfertigungen Legislative, Exekutive und Judikative für ihr Todesurteil finden.

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Ensemble, Choreografie, Bühne und Songs

Als Kontrapunkt dieser recht düsteren Handlungsstränge setzt das Gangster-„Trio Infernal“ mit Jochen Schmidtke als Loby, Michael B. Sattler als Toby und Andrew Chadwick als Roby ein erotisches Highlight mit ihrem Tango-Samba-Gute-Laune-Showstopper-Song. Auch die restliche Choreografie von Bart De Clercq weiß bei den stampfenden Rhythmen von „Ungeheuerlich!“ die erste Ablehnung von Claires Milliarden-Angebot oder dem überschäumenden „Tempel der Moral“, bei dem sich die Güllener Bürger vor der angereisten Regenbogenpresse möglichst unschuldig präsentieren wollen, bestens zu unterstützen. Hier wird in Tecklenburg mit imposanter Größe des Ensembles aus Darstellern, Tänzern und Statisten nicht gekleckert, sondern geklotzt, dass es einer Zachanassian würdig ist. Das Bühnenbild von Jens Janke wandelt sich vom heruntergekommenen Armuts-Dörfchen zum exklusiven Vorzeige-Städtchen, genauso wie gelbe Accessoires wie Schuhe, Tücher und Halsketten den steigenden Wohlstand auch im Kostümbild von Karin Alberti repräsentieren. Die abwechslungsreiche Musical-Partitur, die neben den bereits erwähnten Up-Tempo Kompositionen alle Sänger mit beindruckenden Soli „Ich schütze dich“ und „Ich wein um dich“ (Navina Heyne), „Gerechtigkeit“ und „Die Welt gehört mir“ (Mascha Karell), „Das Böse wird siegen“ (Alexander Di Capri), „Ich hab die Angst besiegt“ (Thomas Borchert) und im Duett „Liebe endet nie“ (Borchert und Karell) zu Höchstleistungen anspornen, ist unter der musikalischen Leitung von Tjaard Kirsch in besten Händen. Eine Sonderstellung nehmen die wunderbaren vierstimmigen Songs „Weisst du noch?“, „Im Sturm der Liebe“ und „Freunde fürs Leben“ ein, die unglaublich harmonisch von den „jungen“ und „alten“ Charakteren Claire und Alfred, bzw. Alfred und Gerhard Lang interpretiert werden.

Neben „Gute-Laune“-Musicals wie „Sister Act“ beweist die deutsche Erstaufführung von „Der Besuch der alten Dame“ in Tecklenburg, wie perfekt auch ein Drama-Musical unterhalten kann, wenn man sich als Zuschauer darauf einlassen möchte. Der brandende Beifall des Premierenpublikums bewies völlig zurecht, dass der Mut, einen „schweren“ Stoff auf die Bühne zu bringen, immer noch hoch geschätzt wird.

© Text & Fotos Stephan Drewianka; dieser Bericht erschien als Titelstory in der Musical-Fachzeitschrift Blickpunkt Musical 05-22 - Ausgabe 119

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