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Premiere der Neuinszenierung von „Die Päpstin“ am Schlosstheater Fulda 2024

So viel mehr…

Die Spotlight Musicalproduktion feiert am 16.08.2024 mit einer Jubiläumsgala Open-Air auf dem Domplatz das 20-jährige Bestehen der erfolgreichen Musicalschmiede, die mit acht Weltpremieren über 750.000 begeisterte Zuschauer begrüßen durfte. Im Musicalsommer Fulda 2024 steht im Schlosstheater Fulda seit dem 31. Mai die erfolgreichste Musicalproduktion wieder auf dem Programm. „Die Päpstin“ nach dem Weltbestseller der US-amerikanischen Autorin Donna W. Cross mit der Musik von Dennis Martin begann ihren Siegeszug mit der Weltpremiere am 03.06.2011 in Fulda und wurde in den Folgejahren auch in Hameln, München, Ingolstadt, Nordhausen, Neuenkirchen (Saar), Stuttgart, Füssen, Schwäbisch Gmünd, Lahnstein, sowie in tschechischer Sprache in Brünn und als ungarische Version in Budapest aufgeführt.



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Neuinszenierung mit neuen Songs

Regisseur Gil Mehmert schwebte eine straffere Inszenierung mit schnellerem Tempo fokussiert auf die Hauptcharaktere vor. Dennis Martin schrieb nicht nur drei neue Songs, sondern arrangierte unter der musikalischen Leitung von Marcel Jahn seine „alten“ Stücke komplett neu, die wie üblich im Schlosstheater Fulda als hochwertiges Musik-Playback eingespielt werden. Das Buch von Dennis Martin und Christoph Jilo wurde mit Kevin Schroeder und Björn Herrmann in der Szenenfolge überarbeitet und mit neuen Themen auf den aktuellen Zeitgeist modernisiert. Das Bühnenbild von Christopher Barreca beschränkt sich nicht mehr auf eine gelbe Treppe, sondern lässt mit fahrbaren Treppengerüsten immer wieder neue Bilder entstehen, die auch die komplette Tiefe der Bühne des Schlosstheaters nutzen. Das Kostümbild von Claudio Pohle folgt ebenfalls einem moderneren Stil, wobei zumindest die kirchlichen Gewänder an Prunk und Strahlkraft zugelegt haben. Das Lichtdesign von Michael Grundner ist düsterer, wie im Mittelalter gehalten, während die Choreografie von Andrea Kingston in den wenigen Tanzszenen ausgefeilter wirkt. Produzent Peter Scholz verkündete dem Premierenpublikum vor Vorstellungsbeginn stolz, dass sich mit all diesen Änderungen „Die Päpstin“ in ihrem neuen (einsamen) Gewand fast wie eine Weltpremiere anfühlt.

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Star-Besetzung mit Sabrina Weckerlin

Eines wollte man bei der Wiederaufnahme jedoch wie im Jahr 2011 beibehalten, und das war die Besetzung der Titelrollen mit Sabrina Weckerlin als Päpstin Johanna und Mathias Edenborn als Gerold (alternierend Dennis Henschel und Sascha Kurth, die beide ebenfalls bereits in mehreren Spielzeiten diese Rolle spielten). Während die Rolle des Gerold trotz Edenborns Highlights „Wehrlos“ und „Ein Traum ohne Anfang und Ende“ fast auf eine Nebenrolle als Geliebter der Päpstin reduziert zu sein scheint, kann Sabrina Weckerlin in der Titelrolle erneut strahlen und ihr herausragendes Gesangstalent in den Klassikern „Wer bin ich, Gott“, „Einsames Gewand“ und „Das bin ich“ bis an die Grenzen auskosten. Ihr neuer Song „So viel mehr“ charakterisiert Johanna bereits in ihrer ersten Szene als junge Klosterschülerin als eine wissbegierige, emanzipierte Frau, die es allein mit ihrer Willenskraft schafft, sich an die Spitze der rein von Männern dominierten Welt der römisch-katholischen Kirche zu kämpfen. Sehr gelungen ist auch die Reprise des Songs, in der Johanna als guter Geist und Vorbild über die erste Schule für Mädchen wacht.

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Weitere Darsteller und ihre Rollen

Als zweite starke Frau, wenn auch im entgegengesetzten Milieu der käuflichen Liebe, spielt Femke Soetenga grandios die Bordellbesitzerin Marioza, die sich machthungrig ebenfalls einen festen Platz in der Männerwelt erkämpft hat. Zunächst als Gegnerin der Päpstin erkennt sie beinahe zu spät, dass auch sie nur ein Spielball des „Parasits der Macht“ Anastasius ist. Christof Messner zeigt einen Anastasius, der zwar nicht mehr „Zum Ruhme der Familie“ seinen Vater Arsenius (Livio Cecini) ersticht, aber immer noch als Erzbösewicht den regierenden Papst eigenhändig vergiftet. Sein neuer Song „Ein Paradies auf Erden“ ist ein Seitenhieb auf die Doppelmoral der Kirche. Die Rolle des Rabanus als Gelehrter und Lehrer wurde in der neuen Fassung aufgewertet, so dass André Bauer fast als Erzähler durch die Handlung führt und bei seiner Hymne „Hinter hohen Klostermauern“, die nun auch am Ende des Stückes erklingt, viel Applaus ernten darf. Aufgewertet wurde ebenfalls die Nebenrolle der Wahrsagerin, düster-mysteriös verkörpert von Lee Anne Hierzer, die durch ihre vorausschauenden Prophezeiungen Wendepunkte in der Handlung setzt. Lea-Katharina Krebs (ebenfalls Cover Johanna) setzt als Johannas Mutter Gudrun Akzente mit der Neufassung von „Boten der Nacht“, die jetzt die „Wächter der Nacht sind“. Ihre heidnischen Wurzeln sind ihrem Mann genauso ein Dorn im Auge wie die Wissbegierde seines „Wechselbalgs“ Johanna. Rudi Reschke spielt diesen Vater im ersten Akt mit an Wahnsinn grenzendem Enthusiasmus genauso überzeugend wie im zweiten Akt den gütigen Papst Sergius, der Johanna fast väterlich unter seine Fittiche nimmt. Tobias Korinth spielt in der Rolle des Kaisers Lothar den Vertreter der weltlichen Männer-Macht, der bei den Ränkeschmieden des Adels und des Klerus aber den Kürzeren zieht.

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Erfolgsklassiker mit neuem Fokus

„Die Päpstin“ bleibt trotz neuem Fokus auf Frauenrechte in dieser inhaltlich gestrafften Version Spotlights Erfolgsklassiker, der neuen Zuschauern auf jeden Fall gefallen wird. Eingefleischte Fans der Originalfassung haben trotzdem einige Kritikpunkte an der Neufassung geäußert. Ihnen fehlt die gestrichene Figur des Aeskulapius, der als Erzähler fungierte, obwohl der Mönch Rabanus die Aufgabe von Johannes Mentor ebenfalls sehr gut übernimmt. Sie vermissen die auflockernden Szenen vom „Jahrmarkt in Saint Denis“, der komplett gestrichen nun durch die Erfindung der Pizza schwach ersetzt wurde. Ein weiterer Kritikpunkt sind einige „unpassende“ Kostüme, z.B. die schwarzen Springerstiefel des Ensembles, das rote Kleid-Gewand von Anastasius oder das Glitzeroutfit mit Michael Jackson-Schulterpolstern von Marioza. Bedauerlich sei auch, dass das getanzte Ballett der menschlichen Raben bei „Boten der Nacht“ nun durch mechanische Metallpuppen ersetzt wurde. Doch das ist Meckern auf hohem Niveau, denn auch die alten Fans werden an der Neuinszenierung, insbesondere an den neuen Songs, ihre Freude finden. Nach Fulda zieht „Die Päpstin“ noch in diesem Winter nach Hameln und ich bin überzeugt, 2024 ist noch lange nicht die letzte Amtszeit dieses Spotlight-Musicals.

© Stephan Drewianka

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