Cabaret in Kassel © Nils Klinger
Cabaret in Kassel © Nils Klinger
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Premiere „Cabaret“ im Pandaemonium am Staatstheater Kassel

Theater neu erleben: Mittendrin statt nur dabei

Die Coronazeit vor der Wiedereröffnung des Staatstheaters unter der neuen Intendanz von Florian Lutz nutze der Hausszenograf Sebastian Hannak für ein ehrgeiziges Projekt und setzte im Opernhaus der Documenta-Stadt Kassel mit einer 60 Tonnen Stahlkonstruktion sein Pandaemonium um. Dazu wurden die Seitenbühnen des Theaters geöffnet und durch zwei extra Türen auf drei Ebenen in bis zu 8 Meter Höhe für insgesamt 150 weitere Zuschauer zugänglich gemacht. Da die Seitenbühnen vom normalen Zuschauerraum des Theaters nicht einsehbar sind, zieren mehrere riesige Monitore das Gerüst und drei Kameramitarbeiter filmen das Geschehen Live auf der Bühne und übertragen die Close-Ups auf die diversen Bildschirme. Nach den Opernpremieren „Wozzeck“ und „Tosca“ feierte das MusicalCabaret“ am 23.10.2021 Premiere in diesem ungewöhnlichen Sujet.

Florian Lutz war vier Jahre Intendant der Oper Halle und trat im August 2021 die Nachfolge von Thomas Bockelmann am Staatstheater Kassel an. Obwohl noch die Musicalpremiere von „Next To Normal“ anstand, setzte er zunächst „Cabaret“ als Weiterentwicklung der Produktion von 2019 der Oper Halle um, da sich das Bühnenbild von Claudia Charlotte Burchard und das Regiekonzept von Henriette Hörnigk optimal für das Pandaemonium adaptieren ließen. Da das Orchester unter der musikalischen Leitung von Peter Schedding im Hintergrund auf der Bühne platziert ist, findet sich im abgesenkten Orchestergraben Platz für 10 Tische mit Lämpchen für weitere Zuschauer, die die Illusion eines Berliner Nachtclubs im Jahre 1930 verstärken. Die Kostüme von Henrike Engel gendern die Kit Kat Boys und Girls zu erotischen androgynen Wesen in rosa Unterwäsche mit schwarzen Netzstrümpfen in High Heels, die ein Babylon Berlin skizzieren, in dem Beischlaf mit jeder Person praktiziert wird, egal welchem Geschlecht die Liebenden angehören.

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Darsteller und Ihre Rollen

Hahn/Henne im Korb ist Conférencier Florian Krannich, der die Revuenummern mit viel hessischem Lokalpatriotismus humorvoll anmoderiert. Und in diesen brodelnden Vulkan fällt Nils Thorben Bartling als erfolgloser Romanautor Clifford Bradshaw, der in Berlin schnell seine britische Reserviertheit aufgibt. Jasmin Eberl verkörpert eine ungewöhnlich verletzliche Nachtclubsängerin Sally Bowles (in Alternativbesetzung von Anastasia Troska gespielt), die ihren Rausschmiss als Showstar nur schwer verarbeitet und im Looser Bradshaw eine verwandte Seele entdeckt und sich in ihn verliebt, nur um festzustellen, dass ihr Karriere und Ruhm doch wichtiger sind als Mutter und Ehefrau zu sein. Nora Schulte wandelt sich von der Matrosen empfangenden Prostituierten Fräulein Kost im Kielwasser des Nazi-Sympathisanten Ernst Ludwig (Harald Höbinger) zur goldenen Galionsfigur der NSDAP, deren glanzvoll vorgetragene Hymne vom Kasseler Publikum ausnahmsweise, politisch völlig korrekt, keinen Szenenapplaus erhielt. Barbara Schnitzler spielt eine sehr sympathische Fräulein Schneider, die den jüdischen Obsthändler Herrn Schultz, auch gesanglich fantastisch interpretiert von Matthias Brenner (bekannt aus dem Bremer „Tatort“ und Intendant des neuen Theaters Halle), im aufkeimenden Nationalsozialismus nicht heiraten kann.

Gesamtkunstwerk im Pandaemonium

Als Gesamtkunstwerk überzeugt „Cabaret“ im Pandaemonium Kassel restlos. Selten fügen sich die überzogenen Revuenummern „Two Ladies“, „Money, Money“, „Mein Herr“ und „If You Could See Her Through My Eyes” nahtloser in die Haupthandlung des Stückes ein und Jasmin Eberl lässt ihr kraftvolles „Maybe This Time“ zum Showstopper werden. Die Videoeinblendungen des Live-Geschehens (Videoregie Konrad Kästner) katapultieren das Publikum nahe ans Geschehen, auch wenn die Darsteller nicht sichtbar auf den Seitenbühnen z.B. in der Wohnung von Fräulein Kost oder der Garderobe des Kit-Kat-Clubs agieren. Statt multimedialem Overkill entspricht das Gezeigte auf den Monitoren den Sehgewohnheiten unserer modernen Gesellschaft. Bedauerlich, dass die Produktion inklusive der inhaltlich passenden Silvester-Vorstellungen nur 6-mal in dieser Fassung gezeigt wird, da das Pandaemonium Anfang 2022 abgebaut wird und „Cabaret“ wieder in der klassischen Version der Guckkastenbühne präsentiert wird.

© Text & FotosSchlussapplaus: Stephan Drewianka, Musical-World.de, Szenenfotos: Nils Klinger, Sttatstheater Kassel, dieser Bericht erschien ebenfalls in der Musical Fachzeitschrift Blickpunkt Musical 05-21 - Ausgabe 114

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