• Knockin On Heavens Door © Stephan Drewianka
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Theater
Knocking on Heavens Door im Theater
Musical Kein Pardon bei Wikipedia

Try-Out-Premiere „Knockin´ On Heaven´s Door“ an der Folkwang Universität der Künste in Essen

Knockin On Heavens Door © Stephan Drewianka
Knockin On Heavens Door © Stephan Drewianka
Knockin On Heavens Door © Stephan Drewianka
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Knockin On Heavens Door © Stephan Drewianka
Knockin On Heavens Door © Stephan Drewianka
Knockin On Heavens Door © Stephan Drewianka

Einmal die Ostsee sehen und dann sterben…

Bei Professor Gil Mehmert, der schon das Fußball-„Wunder von Bern“ in Hamburg heraufbeschwor oder die Stiftsruine Bad Hersfeld in ein „Cabaret“ verwandelte, sollen die Studenten der Folkwang Universität in ihren letzten Studienjahren im Fach Musical viel praktische Erfahrung auf der Bühne vor Publikum sammeln. Dabei setzt Mehmert in jüngster Zeit nicht mehr auf altbekannte Stücke, sondern versucht neue Werke in Try-Outs auf die Bretter zu schicken. Im letzten Jahr führten seine Studenten das Musical „Goethe – Auf Liebe und Tod“ basierend auf einem Kinofilm auf. Für dieses Jahr stand der Film-Klassiker „Knockin´ on Heaven´s Door“ von Thomas Jahn und Till Schweiger aus dem Jahr 1997, der damals 3,7 Mio. Zuschauer in die Kinos zog, als Musicalvorlage auf dem Spielplan des intimen Pina Bausch Theaters in Essen-Werden. 

Warum aus diesem Stoff kein Musical machen, zumal der Titelsong von Bob Dylan ein absoluter Welthit ist, der zu den meist gecoverten Songs der Welt gehört? Zum Kreativteam der Produktion gehörten neben Gil Mehmert und Grimme-Preisträger Chris Silver („Good Bye Lenin“), die Buch und Libretto schrieben, die Komponisten Alex Geringas (15 Nr.1 Hits, zweifacher Echo Gewinner) und Joachim Schlüter (dreifacher Echo-Gewinner). Aus der innovativen Zusammenarbeit ist ein Rock´n´Road Musical entstanden, das am 28. Mai 2018 am Häbse-Theater in Basel und am 21. Juni 2018 in Essen als Schweizer und Deutsche Try-Out-Premiere für mehrere ausverkaufte Vorstellungen zu sehen war.

Rudi Wurlitzer hat Krebs, Martin Brest einen inoperablen Hirntumor. Die beiden völlig unterschiedlichen Charaktere treffen im Krankenhaus aufeinander und begießen ihr Schicksal mit reichlich Tequila. Rudi gesteht Martin, dass er noch nie das Meer gesehen hat und für Martin, der nicht im Krankenhaus „abnippeln“ will, steht ihre Mission fest: beide klauen in der Tiefgarage ein Auto und fahren Richtung Küste los. Doch sie ahnen nicht, dass im Kofferraum 1 Million Euro von Gangster Frankie liegen und überfallen eine Bank, da sie ja blank sind. Schnell werden die beiden Todkranken nicht nur von der Polizei, sondern auch von Frankies Handlangern Abdul und Henk verfolgt. Nach einer Nacht im Luxushotel wollen sich beide einen Wunsch erfüllen. Martin schenkt seiner unter Demenz leidenden Mutter einen Wagen, der wie der von Elvis Presley aussieht und Rudi wünscht sich einen flotten Dreier – ausgerechnet im Nachtklub von Frankie. Bevor alles im Chaos versinkt, löst sich die kuriose Komödie doch noch im Happy End am Strand der Ostsee auf, bei der beide Kranke ihren letzten Sonnenuntergang erleben.

Neben den vielen rockigen Songs, die bestens unterhalten und unter der Leitung von Patrica Martin wummernd aus den Lautsprechern hallen, gefällt auch die Choreografie von Yara Hassan ausgesprochen gut, denn zumindest bei der Ausbildung sollen die Studenten des 3. und 4. Jahres nicht nur in Gesang und Schauspiel, sondern auch beim Tanz zeigen dürfen, was sie gelernt haben. Da tritt die Ausstattung von Britta Tönne eigentlich in den Hintergrund. Doch was hier mit einfachsten Mitteln gezaubert wird, hat besonderen Charme und Charakter. Das beginnt bei den verschiedenen Autos, die sich aus drei Ensemble-Mitgliedern pfiffig zusammenbauen und so immer ein kurioses Eigenleben führen und endet in einem genialen Videodesign (Lisa-Marie Kuntze, Benjamin Geipel), das Comic-haft gezeichnete Hintergründe für alle Lebenslagen bereithält, die eben auch verblüffend mit den Darstellern interagieren, wenn z.B. Martin aus einem geöffneten Kühlschrank eine Flasche holt und mit lautem Knall die Türe zuwirft, perfekt animiert auf einer Leinwand. Einzelne Szenen erinnern optisch bewusst mit einem Augenzwinkern an andere Musicalvorbilder ohne sie musikalisch zu zitieren. Wenn z.B. im Restaurant französische Gerichte, von denen unsere Helden nur vage ahnen können, was sich dahinter versteckt (u.a. Stierhoden) getanzt serviert bekommen, möchte man fast ein „Sei hier Gast“ („Die Schöne und das Biest“) erwarten, wenn beim Herrenausstatter von schwulen Schneidern das Innenmaß der Hosenbeine genommen wird, vermutet der Musical-Fan „die Rechnung zahlt die Dame“(„Sunset Blvd.“) oder wenn die Todkranken am Meer den Mond bestaunen „trägt sie ihr Traum“ („Mamma Mia!“). 

Die gesamte Inszenierung legt den Fokus aber auf die zukünftigen Absolventen im Studiengang Musical und auch in diesem Jahr muss sich der deutsche Nachwuchs nicht verstecken. Florian Minnerop (Wilhelm in „Goethe – auf Liebe und Tod“, Cliff in „Sunset Blvd.“ in Dortmund) verkörpert die Rolle des lebenslustigen Martin mit viel Energie, schlägt aber bei seiner Mutter (Esther Conter) auch die leisen Töne gekonnt an. Seinen verklemmten Partner Rudi spielt Tomas Stitilis („Der kleine Horrorladen an der Musikschule des Emslandes) mit besonnener und zurückhaltender Art. Pascal Cremer („Alles was zählt“, „Wahnsinn!“ in Duisburg) als ständig verletzter Möchtegern-Schmalspurgangster Henk harmoniert im Duo mit seinem typisch türkischen Proll-Partner Abdul, perfekt umgesetzt von Alejandro Nicolás Firlei Fernández. Boss der beiden ist Frankie, interpretiert als Kill Bill-Verschnitt mit Augenklappe und Samurai-Schwert von der phantastischen Charlotte Katzer („Superhero“ in Wiesbaden, Pop-Oratorium „Luther“). In weiteren Rollen vom Kommissar über Krankenschwester, Reporter, Autohändler bis zu Barfrauen und Kellnern sind Florian Sigmund, Aline Bucher, Nico Hartwig, Jessica Trocha und Lara Hofmann zu bestaunen.

Auch wenn „Knockin´ on Heaven´s Door“ hauptsächlich mit leichtem Humor und vermeintlich wenig Tiefgang daher poltert, wird doch eine ergreifende Geschichte über wahre Freundschaft und den Mut zum Leben erzählt, die in einigen Szenen wirklich zu Rühren vermag. Fast befremdlich, dass der englische Welthit am Ende der Show der musikalisch schwächste Titel des Musicals ist – eigentlich ein Kompliment für die Komponisten. Wie es nach diesen Try-Outs weitergeht, steht wohl noch in den Sternen, laut Musikverlag soll 2019 die Weltpremiere stattfinden. Ob diese dann noch den unvergleichlichen Charme dieser Studentenaufführung haben wird?

Text & Fotos © Stephan Drewianka; dieser Bericht erschien ebenfalls in der Fachzeitschrift Blickpunkt Musical, Ausgabe 95 (4/18), Juni-September 2018