• Im weißen Rössl in Dortmund © Anke Sundermeier, Stage Picture
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Premiere der Operette „Im weißen Rössl“ an der Oper Dortmund

Im weißen Rössl in Dortmund © Anke Sundermeier, Stage Picture

Die rappende Operndiva mit Jodeldiplom

Die Geschichte hinter der Operette Im weißen Rössl“ ist genauso turbulent wie das Stück selbst. Der Intendant des Großen Schauspielhauses Berlin Erik Charell suchte 1930 für sein über 5000 Plätze fassendes Theater nach zwei erfolgreich aufgeführten Operetten einen neuen Hit und beauftragte den Dramaturgen der UFA Hans Müller, einen alten Schwank von Blumenthal und Kadelburg von 1898 über deren Aufenthalt in der Villa Blumenthal in der Nähe von Bad Ischel zu einer Operette umzuschreiben. In Kooperation mit Komponist Ralph Benatzky entstand ein Singspiel in drei Akten, doch kurz vor der Aufführung fügte Charell zum Ärger des Komponisten den Foxtrott „Die ganze Welt ist himmelblau“ und den Walzer „Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“ von Robert Stolz als Schlagertitel hinzu. Von Bruno Granichstaedten kam „Zuschaun kann i net“ und Robert Gilbert fügte „Was kann der Sigismund dafür“ hinzu, der in letzter Sekunde entgegen vertraglicher Vereinbarungen auch alle Liedtexte anstelle von Bednatzky neu verfasste.

Durch das große Haus war die Uraufführung spektakulär inszeniert mit echtem Wasserfall, Regen, Ziegen und einem Omnibus. Das Orchester umfasste eine Jazz-Combo, ein Zithertrio und Kuh- und Kirchenglocken. 1931 exportierte Charell das „White Horse Inn“ nach London (631 Aufführungen), 1932 nach Paris und für 233 Aufführungen 1936 an den Broadway. Die internationalen Fassungen des Rössls bekamen zwei weitere Songs spendiert, „Adieu, mein kleiner Gardeoffizier“ („Good Bye“) und „Auch du wirst mich einmal betrügen“ („You Too“), die in Deutschland aber aufgrund der Rechtsstreitigkeiten zwischen Stolz und Charell nicht eingefügt werden dürfen.

Wegen jüdischer Mitautoren, dem despektierlichen Umgang mit deutscher Folklore und der skandalösen Badeszenen war die Operette im nationalsozialistischen Deutschland verboten und das ursprüngliche Orchestermaterial war verschollen. Die Nachkriegsfassung wurde politisch in der Dialogfassung zu reiner Heimatseligkeit entschärft und die ausgedehnten Tanznummern inklusive der Jazzelemente gingen verloren.

7 Filme zwischen 1926 und 2013 nahmen sich des Stoffes an, wobei die Peter Alexander-Version von 1960 mit seinen Swing- und Schlager-Elementen die bekannteste ist. Erst 2006 startete eine verstärkte Suche nach der tatsächlichen Originalfassung, die mit Material aus Zagreb 2009 komplett wiederhergestellt werden konnte. Am 11.03.2017 zeigte das Kraftwerk Mitte der Staatsoperette Dresden mit 60 Aufführungen die Wiederaufführungspremiere vom weißen Rössl in der 1930er Ursprungsfassung.

Im weißen Rössl in Dortmund © Anke Sundermeier, Stage Picture

Im weißen Rössl - Dortmunder Inszenierung Rekonstruktion der Originalfassung

Das Theater Dortmund ist stolz darauf, diese „bühnenpraktische Rekonstruktion der Originalfassung“ unter der Regie von Thomas Enzinger ab dem 18.01.2020 ebenfalls zeigen zu dürfen. Drei Stunden trällert sich das hauseigene Opernensemble quietschvergnügt und mit sichtlichem Spielspaß durch die weltberühmten Evergreens mit den Dortmunder Philharmonikern unter musikalischer Leitung von Philipp Armbruster.

Sopranistin Irina Simmes verkörpert die Rössl-Wirtin Josepha Vogelhuber, die mit Hirn, Herz und strenger Hand ihr Hotel am Wörthersee leitet. Ihr Zahlkellner Leopold Brandmeyer (Matthias Störmer) kontrolliert mit innerer Ruhe und österreichischem Schmäh die hektischen Hotel- und Durchreisegäste, dass sein Untergebener Piccolo (Tomas Stitilis) nur bewundernd staunen kann. Leopold ist verliebt in seine Chefin, die jedoch nur Augen für ihren Stammgast Rechtsanwalt Dr. Otto Siedler (Fritz Steinbacher) hat, der in diesem Jahr aber die Rechtsstreitigkeiten zwischen seinem Mandanten Sülzheimer und dem Berliner Fabrikanten Wilhelm Giesecke (herrlich störrisch: Steffen Schortie Scheumann), der auf Drängen seiner Tochter Ottilie (Giulia Montanari) erstmals sein geliebtes Berlin gegen die österreichische Natur eingetauscht hat, klären soll.

Als auch noch Sülzheimers Sohn Sigismund (Morgan Moody) eintrifft, bricht im Hotel ein Kleinkrieg los, den auch der reisebegeisterte Prof. Dr. Hinzelmann (Frank Voß) mit lispelnder Tochter Klärchen (Karen Müller) kaum schlichten kann. Die Eifersucht Leopolds auf Siedler lässt Josepha keine andere Wahl und zieht Leopolds Kündigung nach sich. Als sich Kaiser Franz Joseph (nach Rückzug in den Ruhestand ein gelungenes Comeback für Ks. Hannes Brock) für einen Besuch ankündigt, kommt Leopold gerne zurück. Zudem erkennt er, dass Dr Siedler in Ottilie verknallt ist und der schöne Sigismund Klärchen schöne Augen macht. Und so finden im kitschig unausweichlichen Happy-End-Finale endlich die drei füreinander bestimmten Paare in rosarotem Alpenglühen zueinander.

Im weißen Rössl in Dortmund © Anke Sundermeier, Stage Picture

Restaurierte Tanzszenen

Zwar besinnt sich Enzingers Dortmunder Rössl-Inszenierung auf die 90 Jahre alte Urfassung der Operette, doch bezieht sich dies nur auf die musikalische Umsetzung des Stückes durch klassischen Operngesang, aber eben auch mit den komplett restaurierten Tanznummern, die mit dem achtköpfigen Tanzensemble (Nicole Eckenigk, Selly Meier, Karen Müller, Anna Pinter, James Atkins, Stephen Dole, Erik van Hoof, Torben Rose) in der flotten Choreografie von Ramesh Nair, bei der auch die Hauptdarsteller beachtlich gut mithalten, auch für Musicalfans viel zu bieten haben: es wird gesteppt wie in „42nd Street“ und die Badegäste tragen zu Schwan-Schwimmreifen „Mamma Mia“-like Schwimmflossen. Dabei gibt die ausladende, aber bis auf einige mobil schwebende Requisitenfenster recht statische Bühne von Toto mit überdimensionalem Rössl-Kopf, gemalten Kühen und 3 Etagen-Hotel-Spielfläche, fast zu wenig Raum für die Tänzer, die deshalb gerne auf den umlaufenden Orchestersteg ausweichen.

Dieser Steg ist auch Bühne für den heimlichen Liebling des Dortmunder Theaterpublikums. Wie ein Nummerngirl im Boxring erscheint regelmäßig Johanna Schoppa als dralle Dirndl-Kathi und gibt ihren zeitgenössischen Senf zum Bühnengeschehen ab. Zunächst jodelnd, dann aber politisch rappend gibt es Side-Kicks auf Merkel, den Fußball Kaiser Franz, Meghan & Harry und die wichtigste Frage der Zukunft, aus welchem Material wohl demnächst Strohhalme bestehen werden.

Publikum intoniert österreichische Hymne

Und Publikumsbeteiligung darf auch nicht fehlen. Doch die charmante Art, mit der Matthias Störmer die Zuschauer dazu animiert, die österreichische Hymne stehend zum Empfang von Kaiser Franz Joseph lautstark zu intonieren, passt fantastisch ins Konzept der zuckersüßen Boulevard-Komödie. Besinnliche Zwischentöne, wie sie Kaiser Franz Joseph zu Josepha bei „s ist einmal im Leben so“ anklingen lässt, stören beinahe den flotten Spielfluss.

Wer sich nicht daran stört, die typischen Peter Alexander Schlager-Ohrwürmer der 60er Jahre in klassischem Operngesang interpretiert zu hören, dem kann das Einchecken „Im weißen Rössl“ in Dortmund als Musical-ischen Ausflug ins Operettenfach durchaus ans Herz gelegt werden.

© Text: Stephan Drewianka, Bühnenfotos: Anke Sundermeier, Stage Picture, Foto Premierenfeier: Stephan Drewianka

Alles zur Operette Im weißen Rössl bei Sound Of Music.

Im weißen Rössl in Dortmund - Premierenfeier © Stephan Drewianka
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