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Musical-Star Thomas Borchert im Interview über Menschen, Musik und Musical

Thomas Borchert im Musical-Interview © Stephan Drewianka
Thomas Borchert im Musical-Interview © Stephan Drewianka
Thomas Borchert im Musical-Interview © Stephan Drewianka
Thomas Borchert im Musical-Interview © Stephan Drewianka
Thomas Borchert im Musical-Interview © Stephan Drewianka
Thomas Borchert im Musical-Interview © Stephan Drewianka
Thomas Borchert im Musical-Interview © Stephan Drewianka
Thomas Borchert im Musical-Interview © Stephan Drewianka
Thomas Borchert im Musical-Interview © Stephan Drewianka
Thomas Borchert im Musical-Interview © Stephan Drewianka
Thomas Borchert im Musical-Interview © Stephan Drewianka
Thomas Borchert im Musical-Interview © Stephan Drewianka
Thomas Borchert im Musical-Interview © Stephan Drewianka
Thomas Borchert im Musical-Interview © Stephan Drewianka
Thomas Borchert im Musical-Interview © Stephan Drewianka

Schon vor seinem Solo-Konzert gewährte uns Thomas Borchert einen tiefen Einblick in seine Welt. Wir begannen unser Interview mit der ganz simplen Frage: Wer ist Thomas Borchert?

Borchert: Musical Bühne und Musik sind meine Berufung

Thomas Borchert: Das ist eine sehr umfangreiche Frage. Wie die meisten Menschen bin ich sehr komplex. Wenn ich mich auf den Bereich Musical-Darsteller und Bühne stürze, muss ich sagen, dass in meiner Brust zwei Seelen wohnen, die doch miteinander umgehen können. Da ist die Bühne mit den verschiedensten Rollen, die einen großen Teil meines Lebens ausmacht. Und der andere Teil ist die Musik. Das ist der Teil von mir, der ganz kreativ selbst Songs schreibt und der schon von Kindesbeinen an Rockstar werden wollte. Wenn man die eigene Berufung erkennt und schließlich zum Beruf machen kann, ist das das schönste, was man sich vorstellen kann. Das traurige ist, dass viele Menschen ihre Berufung gar nicht erkennen wollen oder können, weil sie unter einem hohen gesellschaftlichen Druck stehen. Ich betrachte es als Privileg, dass ich meine Berufung zum Beruf machen durfte. Es war für mich ein großes Glück, schon sehr früh zu wissen, dass ich musizieren und singen möchte. Ich möchte darstellen und es macht mir viel Spaß, Menschen zu unterhalten und ihnen etwas zu geben, denn ich bekomme in jedem Fall etwas zurück. Das macht die Person Thomas Borchert aus: auf der einen Seite der Musiker und auf der anderen Seite der Bühnendarsteller, der in immer neue Rollen schlüpft. Ich könnte mittlerweile mit nur einem Teil nicht mehr auskommen und muss einfach beides machen. Das Glück, Menschen unterhalten zu können und ihnen den Moment zu schenken. Wir leben in einer sehr schnelllebigen Zeit und wir leben fast alle in der Zukunft oder in der Vergangenheit. Wer lebt schon im »Jetzt«, in diesem Moment? Wenn man auf der Bühne steht, kann man tatsächlich den Moment feiern, ihn spüren und ihn – gemeinsam mit dem Publikum – erleben. Wenn ich in einem Solokonzert auf die Bühne gehe, bin ich im Gegensatz zu meinen gespielten Rollen, tatsächlich Thomas Borchert, pur und ohne Maske. Als Schauspieler hat der Charakter, den ich verkörpere, manchmal nur sehr wenig mit mir selbst zu tun, doch auch damit kann ich viel transportieren. Das ist ebenfalls eine große Herausforderung, auch wenn sie ganz anders ist, als wenn ich ganz allein nur mit einem Flügel bewaffnet total pur vor das Publikum trete. Man kann sich hinter keiner Maske oder einem Orchester verstecken. Es ist niemand, der einen irgendwie auf der Bühne auffangen könnte, sondern man ist ganz auf sich allein gestellt. Das macht aber auch den großen Reiz aus.

Thomas Borchert über sein Konzert Borchert beflügelt

Musical-World: Das Konzert Borchert beflügelt ist ein Programm ohne festes Programm. Wie funktioniert das?

Thomas Borchert: Das stimmt nicht ganz so, obwohl was Wahres dran ist. »Borchert beflügelt« ist in seiner Zweideutigkeit folgendermaßen gemeint: einerseits bin ich im wahrsten Sinne des Wortes beflügelt, weil ich die meiste Zeit an einem Flügel sitze und mich selbst begleite. »Beflügelt« soll aber auch bedeuten, dass ich mich von dem Moment beflügeln lasse. Ich versuche, mich total auf das Publikum und die Stimmung im Saal einzulassen. Das bedeutet, dass ich sehr viel offen lasse und kein Abend wird dem anderen gleichen.

Musical-World: Gibt man dabei mehr als sonst von sich persönlich preis?

Thomas Borchert: Auf jeden Fall! Aber das ist auch O.K., sonst würde ich es ja nicht tun. Ich gehe natürlich immer nur so weit, wie es für mich im grünen Bereich ist. Aber ich denke, das finden die Leute auch so schön an diesem Programm. Leute, die dieses Programm schon einmal gesehen haben und es sich noch mal ansehen, wissen, sie bekommen hier kein festes, gestyltes Programm, nichts aufgesetztes oder falsches: sie lernen tatsächlich den Menschen Thomas Borchert kennen. Es kann natürlich vorkommen, dass ich auf etwas zurückgreife, dass an einem vorherigen Abend sehr gut angekommen ist und dort einfach spontan entstanden war, was so klasse war und Spaß gemacht hat, dass es an einem anderen Abend wiederkommt. Es wird zwar aus der gleichen Idee entspringen, aber dann in einem anderen Zusammenhang stehen. Es ist maßgeschneidert auf die Gegebenheiten und das Publikum – wie sind die drauf und natürlich auch, wie bin ich drauf. Es gibt sicherlich Abende, die sind melancholischer, weil ich in dieser Stimmung bin. Dann spiele ich das eine oder andere Liebeslied mehr, oder auch mal eine Schnulze. Ich habe meine Songs im Gepäck, die meisten davon im Kopf und in den Fingern und das ist eigentlich alles, was ich brauche. Der Rest entsteht am Abend und ich möchte es auch gar nicht anders, so schwer es übrigens eigentlich fällt. Denn wer als Künstler in gelernten Rollen auf der Bühne steht, ist ja auch an Disziplin gewöhnt. Es ist manchmal gar nicht so einfach, da runter zu kommen und sich eben nicht auf einen Abend vorzubereiten. Du machst dich vorher leer und du gehst auf die Bühne ohne vorher zu wissen, was jetzt kommt und womit du anfängst. Meine Songs gibt es, doch welche ich in welcher Reihenfolge spiele, das wird sich dann spontan entscheiden, je nachdem, wie der Abend läuft. Sowohl das Publikum als auch ich werden sich überraschen lassen müssen.

Musicalstar Thomas Borchert mit Lampenfieber vor Konzert

Musical-World: Ist man vor einem solchen Konzert aufgeregter als bei geplanten Stücken?

Thomas Borchert: Oh ja, ich habe sehr viel Lampenfieber! Das geht manchmal sogar so weit, dass ich selbst daran zweifele und mir kurz vor Beginn noch denke: Was hast Du Dir damit nur angetan? Was passiert, wenn ich da raus gehe und mir fällt nichts ein? Aber das ist bisher noch nicht passiert und ich gehe stark davon aus, dass das auch nie passieren wird. Selbst wenn ich einmal wortlos auf der Bühne stehen würde, wäre das etwas Besonderes und daraus würde ja wieder etwas Neues entstehen. Trotzdem ist das Lampenfieber jedes Mal da. Ich bin froh, wenn ich die 88 Tasten unter meinen Fingern spüre und es endlich losgehen kann. Schon als kleines Kind hatten diese Tasten eine magische Anziehungskraft auf mich – wie ein Magnet. Ich musste sofort ans Klavier und spielen.

Musical-World: Woher kam diese Begeisterung? Wurden Sie als Kind von Ihren Eltern zur Musik gedrängt?

Thomas Borchert: Bei uns zu Hause stand das Klavier meiner Großeltern. Das war mein großes Glück. Meine Mutter spielte ein bisschen Klavier für den Hausgebrauch. Vielleicht hatten meine Großeltern das Klavier in hoffungsvoller Erwartung bei meinen Eltern abgestellt, dass ein Kind – ich habe noch einen Bruder – mal darauf spielt. Und siehe da, es passierte, doch es passierte von alleine, ich wurde nicht gedrängt. Ich glaube, es gibt nichts Schlimmeres als Eltern, die ihrem Kind ein Instrument aufzwängen und sagen: Du lernst jetzt das. Das Kind muss in der Lage sein, es für sich selbst zu entdecken, d.h. es ist schön, wenn man die Möglichkeiten bietet, aber keinen Druck und Zwang am Anfang ausübt. Wenn man später das Talent entdeckt hat, müssen die Eltern selbstverständlich dafür sorgen, dass auch fleißig geübt wird. Bei mir stand da das Klavier und im zarten Alter von vier Jahren habe ich zur absolut großen Überraschung meiner Mutter »Freude schöner Götterfunken« mehr oder weniger richtig intoniert. Es schien zumindest erkennbar zu sein. Ich muss das mal irgendwo im Radio oder Fernsehen aufgeschnappt haben und die Melodie hat mich so gefangen genommen, dass ich mit diesem Instrument, auf dem ich schon mal herumgeklimpert habe, einen Zusammenhang hergestellt und sie irgendwie auf die Tasten umgesetzt habe. Bis heute mache ich unglaublich viel über das Gehör und nicht über Noten. Selbstverständlich kann ich Noten lesen und spielen, aber wenn mir jemand eine Melodie vorsingt, kann ich das relativ schnell nur über das Gehör auf das Klavier übertragen. Eigentlich sind die Musik und das Klavier zu mir gekommen.

Musical-World: Hatten Sie Idole?

Thomas Borchert: Idole hatte ich eigentlich nie. Ich habe entweder Interesse an Persönlichkeiten gezeigt oder nicht. Als Kind habe ich mir nie Poster an die Wand gehängt, keine Fußballstars oder Popidole. Wenn mir etwas oder jemand in der Musik gefallen hat, habe ich für Schallplatten damals sehr viel Geld ausgegeben, da ging mein ganzes Taschengeld für Musik drauf. Ich bin aber sicherlich von den verschiedensten Musikern beeinflusst worden, denn es gibt nichts, was ich nicht höre. Ich habe ein großes Interesse an jeder Form der Musik – aber sie muss beseelt sein, das ist das wichtigste. Wenn es für jemanden wichtig ist, sich auf diese Weise auszudrücken und er möchte mir damit auch etwas sagen, dann ist es gut. Das ist meine Beurteilung von Musik, egal welche Richtung es ist. Leblose Musik, die nur auf Kommerz ausgerichtet ist, spricht mich nicht an, z.B. der extrem technische Hardcore-Techno. Musik aus dem Computer muss nicht schlecht sein, wenn da noch jemand voll dahinter steht, es ist mir aber meist doch zu künstlich. Meine Musik muss leben und sie lebt bei jedem Abend, den ich auf der Bühne stehe, anders. Auch ein Song, den ich schon tausendmal gespielt habe, wird wieder anders klingen: ich werde ihn anders spielen und er wird anders eingefärbt sein – und das Live-Erlebnis kommt noch dazu.  Rein technisch gemachte Musik kann das nicht, warum sollte man sich ein Techno-Konzert live anhören?

Musical-World: Wie sind Sie dann zum Musical gekommen?

Thomas Borchert: Wo ich doch immer Rockstar werden wollte? Das mit dem Rockstar ist natürlich nur in Anführungszeichen zu sehen. Aber es passt zu dem Bild eines Jugendlichen, der schon seine eigenen Songs schreibt und seine Band hat. Natürlich will man sich mit einer Band in den Rock-Olymp spielen. Ich hatte verschiedene Bands mit denen ich live aufgetreten bin und wir hatten in Hamburg und Umgebung ziemlich viel Erfolg in allen großen und kleinen Clubs. In der Schule hatte ich schon viel Theater in einer Theatergruppe gespielt, in der ich ein fester Bestandteil war und habe für manche Aufführung die Musik komponiert. Auch diese Ausflüge als Schauspieler haben mir viel Spaß gemacht. Mir wurde klar: ich möchte Schauspielen und ich möchte Musik machen. Aber das war damals immer getrennt voneinander. Dann las ich von der »Stage School of Music, Dance and Drama« in Hamburg, die eine Allroundausbildung anbot und bei mir entstand die Idee, dass ich diese Interessen zusammenbringen könnte. Ich war noch recht unentschlossen nachdem ich das Abitur und den Zivildienst gemacht hatte und wollte vielleicht Musik studieren, was mir aber doch nicht lag – zuviel Theorie ohne Bezug zur realen Welt. Da flatterte der Zeitungsartikel von dieser Schule bei mir auf den Tisch und ich habe gesehen, was die so alles machen – Schauspiel, Tanz und Musik – und es war für mich Unentschlossenen genau das Richtige, weil mich genau das alles interessierte (der Tanz vielleicht so ein ganz kleines bisschen weniger). Ich habe die Aufnahmeprüfung gemacht und dann ging’s los. An das Musical habe ich gar nicht gedacht, ich kannte gerade mal »My Fair Lady« und die »West Side Story« aus dem Fernsehen. Eigentlich kam das Musical durch einen Zufall zu mir. Ein befreundeter Saxophonist, der hin und wieder bei »Cats« in Hamburg im Orchester spielte, hatte kurzfristig eine Freikarte übrig, weil jemand anderes abgesprungen war. Ich hatte noch nichts Besseres vor und habe mir die Show angeguckt und als ich dann den »Rum Tum Tugger« sah, habe ich Blut geleckt. Das war ne coole Rolle, für die ich vielleicht irgendwann mal vorsingen könnte, was dann viel schneller passierte, als ich dachte. Schon wenige Wochen nach meinem Theaterbesuch fand ich mich im Operettenhaus wieder und tanzte und sang für diese Rolle vor. Die Rückmeldung kam dann sehr schnell und ich hatte den Rum Tum Tugger als Erstbesetzung für ein Jahr. Trotzdem war mir meine Band sehr wichtig – ich habe »Cats« als Ausflug betrachtet. Ich hätte nie im Leben damit gerechnet, mal auf eine 16 jährige Karriere als Musicaldarsteller zurückzublicken. Mein Leben ist dadurch bestimmt worden, die Dinge einfach auf mich zukommen zu lassen und dafür offen zu sein, diese Dinge dann auch anzunehmen. Wenn mich eine neue Idee mitreißt und mich anspricht, könnte es noch heute passieren, dass ich alles stehen und liegen lasse und diesen neuen Weg gehe. Selbstverständlich lebe ich heute mittlerweile wie jeder Mensch in gewissen Umständen, die man nicht komplett ändern kann oder will. Aber eine gewisse Beweglichkeit ist sehr wichtig und ich bin, um es mal direkt zu sagen, immer noch für jede Schandtat zu haben. Solange es etwas in mir auslöst, bin ich dabei, wann immer ich es möglich machen kann.

Musical-World: Angenommen, Sie bekommen zeitgleich die Angebote, für ein Jahr Les Miserables in Wien, Jekyll & Hyde in Stuttgart,Tanz der Vampire in Berlin oder Phantom der Oper in Bremen zu spielen. Wofür würden Sie sich entscheiden?

Thomas Borchert: Wenn es der Javert in Les Miserables wäre, würde ich diese Rolle sofort annehmen, den habe ich noch nicht gespielt! Für mich als Künstler ist es immer viel interessanter, eine neue Herausforderung zu haben. Die neue Rolle ist also immer die Interessantere, es sei denn es ist eine bescheuerte Rolle in einem schlechten Stück, dann greift man lieber auf Altbewährtes zurück. Was bei Les Miserables aber nicht der Fall es, das ist eins der schönsten Stücke, die es überhaupt gibt. Den Valjean habe ich ja schon gespielt und der Javert wäre natürlich absolut interessant. Für eine neue Rolle, die ich gerne spielen möchte, würde ich auch bis ans Ende der Welt fahren. Natürlich sind neue Rollen ein Risiko, aber das ist auch spannend, selbst wenn es dann in die Hose geht. Ginge es um Rollen, die ich schon gespielt habe, ist es mittlerweile so: natürlich hat man seine Lieblingsstädte und auch die Stadt, in der man gerne lebt. Das ist in meinem Fall Hamburg. Ich muss auch ganz ehrlich sagen, diese ganze Rumzigeunerei in den letzten 16 Jahren, in denen ich 27 verschiedene Wohnungen bewohnt habe, ist grauenhaft. Am Anfang macht dir das noch nicht so viel aus. Jetzt komme ich in ein Alter, wo es schön wäre, irgendwo ein festes Zuhause zu haben. Dieses Zuhause habe ich zusammen mit meiner Frau in Hamburg. Und das macht inzwischen zumindest einen kleinen Teil bei der Rollenauswahl aus – sofern man eine Wahl hat. Es ist ja nicht so, dass man sich einfach mal etwas aussuchen kann. Ich bin gerade aktuell wieder dabei, überall vorzusingen. Um dieses Vorurteil mal abzubauen: es ist nicht so, dass jemand wie ich angerufen wird und mir einfach so etwas angeboten wird. Wenn mich eine Rolle interessiert, muss ich mich nach wie vor bei einer Audition anmelden. Für eine Rolle habe ich mittlerweile den dritten Durchgang geschafft. Die Fans stellen sich das immer ganz einfach vor. Auch namhafte Musicaldarsteller werden nicht so gehandelt wie Hollywoodstars und selbst Tom Cruise wird noch mit einigen Produzenten Essen gehen müssen, bevor er eine Rolle bekommt. In der Musicalszene müssen sich die Darsteller immer wieder aufs Neue beweisen. Das ist manchmal wirklich anstrengend und man wünscht sich, es ginge auch anders, dass jemand sagt: »Herr Borchert, ich habe Sie in den und den Rollen gesehen und ich weiß, dass Sie für diese Rolle gut sind und deshalb biete ich sie Ihnen an.« Das ist nach wie vor eher ein Traum.

Trennung von Privatleben und Beruf

Wenn ich zwischen mehreren Rollenangeboten, die ich bereits gespielt habe, die Wahl hätte, fließt in die Entscheidung schon der Standort des Theaters mit hinein, da haben sich bei mir nach der Geburt meines Sohnes die Prioritäten geändert. Mein Privatleben war mir schon immer sehr wichtig und ich habe früh Beruf und Privatleben getrennt. In einem Solokonzert gebe ich etwas von diesem Privatleben ganz bewusst und gesteuert weiter. Es ist aber etwas völlig anderes wenn man in der Klatschpresse auseinander genommen wird. Oft ist man daran unschuldig, aber man kann es schon ein bisschen lenken. Ich gehe nicht zu einer Zeitschrift um eine Exklusivstory über mein Liebesleben zu machen. Ich bin kein Freund von solchen Dingen, man gibt den kleinen Finger und es wird die ganze Hand genommen. Bei meinen Soloabenden und in meinen Songs gebe ich nur das preis, was ich möchte. Ich schreibe jedoch nicht direkt, dass ich meine Frau Rebecca vermisse und sie gerne kurzfristig treffen möchte. Solch ein Thema bekommt in einem Song etwas Poetisches, einen festen Rahmen und besitzt auch eine Allgemeingültigkeit. Es entstammt meiner Gefühlswelt, aber ich transportiere etwas, mit dem sich die Zuhörer identifizieren können, weil sie ähnliche Gefühlssituationen kennen. Durch die Songs kann man etwas transportieren, ohne dass es zu intim wird, denn sonst wäre es auch gar nicht interessant, sondern ein eher komisch, peinlicher Moment, wenn jemand in einem Song total die Hosen herunterlässt und nur über sich selbst schreibt. Ich möchte nicht nur bei mir bleiben, sondern auch unterhalten und den Menschen etwas geben. So kitschig das klingen mag, in meinen Rollen möchte ich den Menschen etwas geben. Beim Jean Valjean im Musical Les Miserables haben mich Menschen in Briefen oder auch direkt angesprochen und gemeint, dass es etwas in ihnen bewirkt habe. Vielleicht waren sie gerade in einer schwierigen Lebenssituation und der Valjean hat ihnen irgendwie Mut gemacht. So etwas ist doch phantastisch!

Mit meinen Songs möchte ich niemanden bekehren oder den Leuten mit erhobenem Zeigefinger etwas vorleben – das ist nicht meine Art. Ich kann mich nur als einen Leiter sehen. Als Jugendlicher war mir eindeutig die Musik wichtiger als der Text. Es war zunächst die Musik da und als ich der englischen Sprache noch nicht so mächtig war, habe ich einfach den Sound der Sprache nachgeahmt und einige sinnlose Wortfetzen und englisch klingende Worte, die nicht mal welche waren, dazu gesungen. Das ist mir selbst später noch in Live-Konzerten passiert, wenn ich so heiß auf einen neuen Song war, der noch keinen Text hatte, dann habe ich den mit einem unzusammenhängenden Nonsensetext präsentiert. Ich habe sehr viel improvisiert und es ist nicht mal Engländern oder Amerikanern aufgefallen. Später wurde mir der Text immer wichtiger und ich befasste mich viel mehr damit. Ich habe viel selbst geschrieben, habe aber auch schreiben lassen. Ein sehr guter Freund mit dem ich lange Zeit zusammengearbeitet habe und sicher auch wieder zusammenarbeiten werde, John Middleton, kann sehr gut Ideen von mir in englische Texte transportieren. Aber unsere Zusammenarbeit verlief immer wieder anders: manchmal habe ich die Texte selber geschrieben und sie ihm nur gegeben, um zu kontrollieren, ob alles sprachlich stimmig ist, manchmal kam der Text komplett von ihm und ich habe dazu die Melodie gemacht oder wir haben uns zusammengesetzt, ich habe ihm was vorgespielt und ihm erzählt, was ich mir textlich dazu vorstelle und dann haben wir gemeinsam daran geschrieben. Ich habe mich lange gesträubt, Deutsch zu singen und zu schreiben. Ich habe großen Respekt davor gehabt, denn viele fallen damit auf die Schnauze. Irgendwann habe ich mich dann doch getraut und siehe da, es hat funktioniert. Bei den deutschen Songs ist übrigens zumeist zuerst der Text da. Ich musste aber zunächst diese Barriere überwinden, Deutsch zu singen. Deutsch ist meine Muttersprache und die meines Publikums und die Aussage wird viel besser verstanden, da wird viel genauer hingehört, während das Englische mehr an einem vorbeirieselt. Wenn man auf Deutsch singt, kann man sich gar nicht mehr verstecken und das Publikum auch nicht. Es ist schwer, da nicht wirklich hinzuhören.

Musical-World: Sie haben schon häufiger einzelne Songs für Musicals geschrieben. Wann gibt es das erste komplette Musical von Thomas Borchert?

Thomas Borchert: Die Idee, selbst ein Musical zu schreiben, gibt es schon lange! Die Umsetzung erfolgte bisher noch nicht, vor allen Dingen auch, weil ich sehr viel Respekt davor habe. Ich möchte nicht noch einer von denen sein, die glauben, nur weil sie ein paar gute Popsongs schreiben können, können sie auch gleich ein ganzes Musical schreiben. Ohne konkret werden zu wollen, das grassiert ja zur Zeit extrem in der Branche mit vielen Stücken, die sich meiner Meinung nach gar nicht als Musical bezeichnen dürften. Das sind eher Revueformen mit einem Popsong nach dem anderen, die durch eine an den Haaren herbeigezogene, hanebüchene  Handlung verknüpft werden. Das ist nicht mein Bestreben und das ist für mich nicht Musical! Ich habe großen Respekt vor Autoren und Musikern, die qualitativ hochwertige Musicals geschrieben haben. Viele von den Klassikern wie »West Side Story« oder »Les Miserables« sind so gut geschrieben worden, da stimmt einfach alles. Bei der klassischen Form des Musicals geht das gesprochene Wort fließend in Gesang über und als Zuschauer kommt einem gar nicht der Gedanke, dass es eigentlich komisch ist, dass da plötzlich gesungen wird. Es ist eine verwobene Einheit – das ist die Kunst. Und das auch noch toll zu arrangieren für ein Orchester. Deshalb glaube ich, es gehört mehr dazu, ein gutes Musical zu schreiben als nur einige gute Popsongs zu haben. Deshalb ist es bei mir noch nicht passiert, obwohl ich mich damit beschäftige und schon einige konkrete Ideen habe. Vielleicht werde ich es eines Tages wirklich tun, aber ich habe sehr hohe Ansprüche an mich und dann soll es ein gutes Musical werden und nicht, um es einfach mal gemacht zu haben, um damit möglichst schnell Geld zu verdienen. Ich möchte schon einmal mein eigenes Musical schreiben, dann aber in jedem Fall nicht ganz alleine, das traue ich mir nicht zu, dazu würde ich mir ein Team zusammensuchen.

Musical-World: Können Sie sich als ein berühmter Graf Krolock erklären, warum alle Vampir-Musicals – egal ob »Dance Of The Vampires«, »Dracula« oder »Lestat« – am Broadway totale Flops waren?

Thomas Borchert: Schwere Frage. Ich habe weder »Lestat« und »Dracula« noch die amerikanische Tanz der Vampire Version am Broadway gesehen. Da drängt sich schon die Frage auf, ob die Amerikaner mit dieser Thematik nichts anfangen können. Ich kann darüber auch nur mutmaßen. Vielleicht ist es ein europäisches Thema. Aber ich weiß, dass »Tanz der Vampire« in Amerika wirklich vermurkst wurde. Angeblich wurde das Stück an den Broadway angepasst, so wie die Leute es angeblich sehen wollten. Vielleicht liegt darin aber die Krux und es ist ein Fehler, dass man meint, man müsste etwas für das amerikanische Publikum anpassen. Eventuell hätte man »Tanz der Vampire« genauso lassen sollen, wie es war, denn es ist eine funktionierende Show, die man nur hätte übersetzten müssen – vielleicht wäre es dann ein Knaller geworden. Beim Musical Dracula war, das weiß ich, einfach das Problem, dass der Komponist Frank Wildhorn froh war, einen Aufführungsort für sein neues Musical gefunden zu haben, was heute sehr schwierig sein kann. Die Produzenten hatten freie Hand bei der Umsetzung des Musicals, wodurch das Stück leider völlig zerstört wurde. Es vielen Songs gegen den Willen des Autoren raus, es wurden neue Sachen auf der Bühne gemacht, die nicht sein sollten und so wurde Dracula ein völlig anderes Stück. Zudem wurde auf viele Live-Instrumente verzichtet und es gab nur noch Technik und Keyboards im Orchestergraben. Der Stoff ist eigentlich gut und auch die Umsetzung von Frank Wildhorn mit den Texten von Don Black war gut. Ich denke, dass wir in St. Gallen bewiesen haben, dass man daraus ein funktionierendes Stück machen kann, auch wenn man an dieser Aufführung sicherlich einige Kritikpunkte anmerken kann. Dazu müssen aber auch alle wichtigen Songs im Stück bleiben… Die Broadway-Flops haben deshalb vielleicht doch nichts mit dem Vampirstoff an sich zu tun, sondern nur mit einer sehr unglücklichen Folge von Produktionen, die nicht richtig angepackt und umgesetzt wurden. Als Darsteller einer solchen Produktion ist man natürlich dann sehr verärgert, denn eine falsche Umsetzung verhindert eventuell, dass das Stück noch einmal eine zweite Chance erhält. »Dracula« lief am Broadway doch eine Weile, es war nur ein mittelmäßiger Flop und deshalb wurde diesem Stück in Deutschland dann noch eine Chance gegeben. Bei »Lestat« und insbesondere bei »Dance Of The Vampires« tut es mir aber ungeheuer leid – für alle Darsteller und alle Leute, die ihr Herzblut in diese Produktionen investiert haben und dann mit so einem Stück untergehen müssen, denn nur die wenigsten können etwas dafür. Die Darsteller sind diejenigen, die das Stück auf der Bühne verkaufen müssen und auf ihren Schultern tragen und gerade die kommen bei einem Flop besonders schlecht weg. Den Produzenten, die die eigentlichen Hauptverantwortlichen sind, kommen meist gar nicht so schlecht davon.

Thomas Borchert über seine Kritiker

Musical-World: Sind Sie denn manchmal wütend auf Kritiker?

Thomas Borchert: Ich hatte bisher eigentlich wenig Grund dazu. Ich fühlte mich selten ungerecht behandelt. Jeder soll sagen, was er meint. Letztendlich zählt nur die Meinung des Publikums. Das hat man bei Stücken wie Elisabeth in Wien gesehen, das war ein totaler Verriss bei den Kritikern, aber das gibt es immer noch und es ist das erfolgreichste deutschsprachige Musical aller Zeiten. Kritiker sollten nicht eine zu große Macht haben. Bei manchen Kritikern merkt man, dass es ihnen nur darum geht, etwas oder jemanden nieder zu machen – und da hört es natürlich auf. Wenn mir so etwas passiert, habe ich mit der Zeit gelernt, cool zu bleiben, denn es lässt sich nichts ändern. Ich kann nicht verleugnen, dass ich mich in so einem Moment ärgere. Ich habe nichts gegen konstruktive Kritik, wenn ich merke, der versteht etwas davon und ich dann merke, dass er vielleicht sogar Recht hat. Das finde ich in Ordnung. Aber eine vernichtende Rundumkritik, wo jemand einen persönlichen Rachefeldzug führt, ist nicht in Ordnung. Zum Glück bin ich mit so etwas noch nie so stark konfrontiert worden. Es gab zu mir eine klasse Kritik als Phantom der Oper, die verdammt hart war, aber die war so gut geschrieben, da konnte ich gar nicht böse sein, obwohl er direkt einige Kritikpunkte zu meiner Darstellung angesprochen hatte. Ich respektiere dann so eine Meinung und es macht mir sogar dann noch Spaß, etwas so gut geschriebenes zu lesen.

Thomas Borcherts Engagement für soziale Projekte

Musical-World: Sie engagieren sich sehr für soziale Projekte…

Thomas Borchert: Ich engagiere mich in vielfältiger Form, insbesondere für Kinder, denn Kinder sind unsere Zukunft und wir müssen ihnen den Weg bereiten, denn damit bereiten wir uns den Weg. Es ist wichtig, dass wir unseren Kindern nicht das absolute Chaos hinterlassen, wo es fast schon soweit ist. Ich tue in verschiedener Hinsicht etwas. Ich engagiere mich für misshandelte Kinder. Ich bin mit dieser Problematik durch andere konfrontiert worden, sogar schon im Kindesalter mit ca. fünf Jahren. Eine Sandkastenbekanntschaft von mir ließ immer ihr T-Shirt an, egal wie heiß es war, doch einmal zog sie es doch aus und ihr ganzer Rücken war mit roten Striemen übersät, was fürchterlich aussah. Es kam schließlich heraus, dass sie regelmäßig von ihrem Vater mit der Reitgerte ausgepeitscht wurde. Kindermisshandlung hat leider viele Facetten und so viele Gesichter, vom Schlagen über schlimmste sexuelle Misshandlungen bis dahin, dass Eltern in der Lage sind, ihre Kinder als Prostituierte im eigenen Hause quasi zu verkaufen. Da muss etwas getan werden, aber das ist schwer, da die Dunkelziffer unglaublich hoch ist. Es passiert innerhalb der Familie und die Eltern lieben ihre Kinder trotzdem, sie wissen es nur nicht besser. Wir alle müssen wach sein, um so etwas zu erkennen und wenn man meint, dass da irgendetwas nicht stimmt, muss man der Sache vorsichtig nachgehen. Es gibt inzwischen Organisationen, die diesen Kindern helfen. In Österreich gibt es z.B. Activa, die sich für misshandelte Kinder einsetzen. Die Kinder werden seelisch unterstützt, dafür benötigt man Gelder und da setze ich mich mit finanzieller Unterstützung regelmäßig ein. Ein anderes Feld ist die weltweite »Make A Wisch Foundation«, bei denen schwerstkranken Kindern ihr sehnlichster Wunsch erfüllt wird. Ich habe für diese Organisation einen Song geschrieben und ihn der Foundation geschenkt. Auch von meiner letzten CD, auf der dieser Song zu hören ist, gehen die Einnahmen dieses Liedes direkt an diese Organisation, daran verdiene ich nichts. Ich finde die Idee, Kindern einen Wunsch zu erfüllen, wunderschön und da können viele etwas tun, gerade auch Künstler, denn es gibt viele Kinder, die einen Musicaldarsteller bewundern und mit demjenigen einen Tag verbringen möchten. Aber auch ganz andere Sachen: ob da einer mal im Rennwagen bei Michael Schuhmacher sitzen möchte, ob er einmal in seinem Leben eine Ballonfahrt macht oder einfach mal Afrika sehen will. Zur Erfüllung dieser Wünsche benötigt man natürlich viel Geld und da helfe ich regelmäßig, entweder durch Spenden oder auch aktiv als Künstler. Ich habe ganze Konzerte gegeben, bei denen der Reinerlös gespendet wurde. Das ist mir ein großes Bedürfnis, denn es gibt nichts Wichtigeres als die Kinder.

Musical-World: Sie haben einen Sohn. Was würden Sie sagen, wenn er mit 16 Jahren auf die Idee kommt, Musical-Darsteller werden zu wollen?

Thomas Borchert: Nur zu! Ich gehöre nicht zu den Elternteilen, die ihr Kind schon früh in eine Karriere drängen wollen, das finde ich schlimm. Aber ich bin auch nicht jemand, der seinem Kind den Beruf der Eltern ausreden würde. Wenn mein Sohn sich aus eigenem Antrieb für so einen Beruf entscheiden würde, dann soll er es machen, dann muss er es sogar machen. Das war ja bei mir auch nicht anders. Deshalb wäre meine Antwort: Nur zu! Denn ich finde es schön, wenn sich jemand entscheiden kann, was ja oft sehr schwer sein kann. Es gibt viele Alltagssituationen, in denen ich mich nicht entscheiden kann. Meine Frau kann das ganz schön nerven, wenn ich mich bei den kleinsten Dingen nicht entscheiden kann. Das schlimmste, was uns bei einem Restaurantbesuch passieren kann ist, das noch viele Plätze frei sind und ich mich nicht entscheiden kann, wohin wir uns setzen. In den Alltagsentscheidungen bin ich meist nicht so gut, aber dafür bin ich in meinen Lebensentscheidungen bisher ganz gut gewesen und dazu gehört mit Sicherheit auch mein Beruf! Ich bereue nichts!

© Text & Fotos: Stephan Drewianka

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