





Best of Spotlight-Gala zum Auftakt des Hessentags in Fulda mit Mini-Musical Der allmächtige Handkäs
Zurück aus der Zukunft schnell die Welt retten
Wenn ein Bundesland seinen 80. Geburtstag feiert, greift es üblicherweise zu Festschrift, Empfang und wohltemperierter Rede. Hessen schickt sich selbst am 12. Juni 2026 (und am Vortag bereits mit einer Preview) als Musical auf die große Bühne vor der barocken Kulisse des Fuldaer Doms. Zum Auftakt des Hessentags 2026 verwandelt sich der Domplatz in eine gewaltige Open-Air-Arena, auf der rund 7.000 Zuschauer drei Stunden lang in die Klangwelten von „spotlight musicals“ eintauchen.
Rückschau und Liebeserklärung
Die Best of Spotlight-Gala 2026 ist Rückschau und Liebeserklärung zugleich. Aus 22 Jahren Firmengeschichte und neun in Fulda entstandenen Welturaufführungen – von „Bonifatius“ über „Elisabeth, Legende einer Heiligen“, „Die Päpstin“, „Friedrich“, „Die Schatzinsel“, „Kolpings Traum“, „Der Medicus“ und „Robin Hood“ bis zum jüngsten „Schimmelreiter“ – haben Produzent Peter Scholz und Komponist Dennis Martin ein Best-of destilliert, das die schönsten Melodien noch einmal aufleben lässt, ohne dabei die noch bestens in Erinnerung gebliebene „20 Jahre Spotlight Musical-Gala“ von vor zwei Jahren an gleicher Stelle zu kopieren. Scholz führt mit Witz und sichtbarer Passion durch den Abend, erläutert die Hintergründe seiner Stücke und übergibt dann an ein Star-Aufgebot gerngesehener Musical Darsteller. Für den sinfonischen Glanz sorgen die Kölner Symphoniker unter der schwungvollen Leitung von Inga Hilsberg, dazu ein großer Konzertchor, an der Gitarre Rodgau-Monotones-Legende Ali Neander, am Piano Dennis Martin höchstpersönlich. Michael Balgavys Videodesign holt die Künstler in Großaufnahme auf zwei Leinwände und lässt das Publikum bis in die hinterste Reihe an jeder Geste teilhaben.
Star-Ensemble präsentiert Best of Spotlight 2026
Schon die Bonifatius“-Ouvertüre weckt vor der Domkulisse Erinnerungen an den Musical Sommer 2024 und entfaltet jene Wucht, die nur ein Live-Orchester an diesem Ort erzeugen kann. Danach reiht sich Höhepunkt an Höhepunkt: Chris Murray lässt mit „Hinter hohen Klostermauern“ aus „Die Päpstin“ verdienten Applaus aufbranden. Ethan Freeman gibt ein finster-opulentes „Heihoo“ aus „Die Schatzinsel“, ehe André Haedicke (Bruder Tuck) und Dennis Henschel mit dem „Robin Hood“-Ohrwurm „Komm, wir lassen Fünfe gerade sein“ die Stimmung ins Heitere kippen lassen. Auf der Damenseite glänzen Femke Soetenga mit einem kraftvollen „Starke Frauen“ aus „Bonifatius“ und Verena Mackenberg, deren „Das bin ich“ aus „Die Päpstin“ unter die Haut geht. Philipp Büttner, Sascha Kurth und Tobias Bieri runden ein Ensemble ab, das den Begriff Gala mit Leben füllt. Zuschauer, die besonders aufmerksam die Titelabfolge beachtet haben, werden das Musical „Kolpings Traum“ während dieser Gala vermisst haben.
Welt-Uraufführung von Badesalz Comedy-Legende
Doch der eigentliche Coup des Abends ist ein anderer. Nach rund zwei Stunden kündigt Scholz die vierzigminütige Welturaufführung „Der allmächtige Handkäs“ an, ein eigens zum Landesjubiläum geschriebenes Mini-Musical. Ziel war es, Hessens „Identität und Innovation, Bembel und Bitcoin, Ahle Wurscht und AI“ miteinander zu verbinden. Buch und Texte stammen aus der Feder der hessischen Comedy-Legende Henni Nachtsheim (Badesalz) und Christoph Jilos, die musikalische Einrichtung verantwortet Ali Neander gemeinsam mit Dennis Martin und dem Kreativteam von „spotlight musicals“.
Der Allmächtige Handkäs - Die Handlung
Die Geschichte ist so überdreht, wie es der Titel verspricht. Wir schreiben das Jahr 2126. Die Menschheit steht vor dem Kollaps. Ausgerechnet Hessen besitzt jene nahezu unerschöpfliche Energiequelle, die die ganze Welt versorgt. Doch der sagenhafte Reaktor, der „allmächtige Handkäs“, verliert plötzlich an Kraft. Die letzte Hoffnung für Herrscherin Sandiana (Sandy Mölling) und Commander Cora (Tina Haas) heißt Doc Bembel (Henni Nachtsheim), ein ebenso exzentrischer wie genialer Tüftler, der mit einer selbstgebauten Zeitmaschine mit der künstlichen Intelligenz Ursula (Pamina Lenn) in die Vergangenheit reist, um eine illustre Runde weltberühmter Hessen zusammenzutrommeln. Gemeinsam sollen sie das schwächelnde Kraftwerk neu entfachen und dem Käse zu alter Strahlkraft verhelfen. Die Rettungsmission verbindet Historie, Gegenwart und Zukunft munter mit einer Zeitmaschine.
Goethe, Brüder Grimm, Rudi Völler und Elvis Presley
Wer da alles aufmarschiert, ist das eigentliche Vergnügen: Volker Metzger gibt einen schwärmerischen J. W. von Goethe, der mit „Ich will dir die Sterne vom Himmel schreiben“ einen heimlichen Ohrwurm beisteuert. Die Gebrüder Grimm treten als Familie auf mit André Haedicke (Wilhelm), Samuel Jonathan Bertz (Jakob) und Alida Will (Charlotte). Radio-Moderator Johannes Scherer schlüpft in die Rolle der hessischen Fernsehlegende Heinz Schenk, Tobias Farnung mimt Sportreporter-Ikone Waldemar Hartmann, der Rudi Völler (Jogi Kaiser) interviewt und Maja Dickmann hält als Technikerin Justine die Zeitreise-Mechanik am Laufen. Selbst Bonifatius (Ethan Freeman) tritt aus seiner Gruft. Den größten Jubel aber erntet Dennis Henschel als Elvis Presley, der „King“ war zwar kein Hesse, aber zumindest einige Jahre in Hessen stationiert. Mit „You ain’t nothing but a Handkäs“ feiert ihn das Publikum.
Heimatgefühl, Fortschrittslust und Geschichtsstunde - Hessisches Mini-Musical in 40 Minuten
„Der allmächtige Handkäs“ als Klamauknummer in eine Gala zu betten, deren Stücke von gewichtigen historischen Stoffen leben, war ein Experiment, das vielleicht einige Zuschauer verwirrt zurücklässt. Die Hessen nehmen sich mit Selbstironie selbst aufs Korn, ohne die Achtung vor ihrem Land zu verlieren. Musikalisch hört man in jedem Takt, dass hier Profis am Werk waren. Das Titelmotiv „Allmächtiger Handkäs“ kehrt als Reprise immer wieder, hält das kurze Stück zusammen und macht aus einer Bierdeckel-Idee ein erstaunlich rundes Bühnenereignis. Heimatgefühl, Fortschrittslust und augenzwinkernde Geschichtsstunde in vierzig vergnüglichen Minuten. Dass die Kölner Symphoniker und der Konzertchor auch diese Klamotte mit vollem orchestralem Ernst tragen, macht den Handkäs zum Edel-Milchprodukt. Und das HR-Fernsehen filme fleißig mit und wer das Ereignis live verpasst hat (oder sich aus nächster Nähe noch einmal ansehen möchte), findet das Comedy-Musical zum Streamen gratis online in der ARD-Mediathek bis zum 20.06.2028.
Großes FInale mit Familienbild
Zum Finale verschmelzen Gala und „Handkäs“ zu einem einzigen großen Familienbild: Henschel, Kurth und Büttner liefern als Zugabe eine mitreißende Version von „Freiheit für Nottingham“, ehe das komplette Ensemble mit „Es fühlt sich nach Heimat an“ aus „Der Medicus“ den Abend beschließt. Wenn ein Land sich selbst feiert und dabei Herz, Humor und handwerkliche Klasse aufbietet, hat der Hessentag seinen Glanzpunkt schon am ersten Abend gefunden. Und der allmächtige Handkäs darf sich rühmen, das ungewöhnlichste Geburtstagsgeschenk zu sein, das sich ein Bundesland je gemacht hat.
© Text und Fotos: Stephan Drewianka








