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Uraufführung des Musicals »Goethe!« bei den 70. Bad Hersfelder Festspielen

Es ist viel mehr als Wahrheit, es ist Dichtung!

Im April 2020 wurden die 70. Bad Hersfelder Festspiele wegen der Corona-Pandemie abgesagt. Für den Intendanten Joern Hinkel war die Absage gerade im Jubiläumsjahr ein Alptraum, da insbesondere zwei Uraufführungen um ein Jahr verschoben werden mussten. Und wie wir alle wissen, sah es im Frühjahr 2021 noch nicht viel besser aus. Doch während viele Produktionen wegen des hartnäckigen Virus# um ein weiteres Jahr verlegt wurden, hielt Bad Hersfeld mit reduzierten Besucherzahlen und einem guten Hygienekonzept am Open-Air-Spielplan 2021 fest und wurde mit sinkenden Inzidenzen belohnt, die einen Spielbetrieb ermöglichen, bei dem sich auch der Zuschauer sicher fühlen kann. Eine der verschobenen Uraufführungen ist das Musical »Goethe!« mit seiner Premiere am 3. Juli 2021.

Vom Tryout zur gefeierten Uraufführung

Eigentlich durfte das Musical Goethe bereits viel früher erste Bühnenluft schnuppern. Bereits am 4. April 2017 gab es in der Neuen Aula der Folkwang Universität in Essen-Werden eine Tryout-Premiere, damals noch mit dem Untertitel »Auf Liebe und Tod« (siehe blimu 03/2017). »Goethe!« war ursprünglich ein Auftragswerk der Stage Entertainment, die eigene Stoffe für ihre Theater suchte. Das Produktionsteam aus Martin Lingnau (Musik), Gil Mehmert (Buch) und Frank Ramond (Liedtexte), das zeitgleich auch das Fußball-Musical »Das Wunder von Bern « für das neu erbaute Theater an der Elbe in Hamburg umsetzten, nahmen den Kinofilm »Goethe!« von Philipp Stölzl aus dem Jahr 2010 als Grundlage für ihr Stück. Durch die Umstrukturierung der Stage Entertainment ebbte das Interesse an einem Musical über den bedeutendsten Repräsentanten deutschsprachiger Dichtung vollständig ab und es wurde auf Eis gelegt, bis Regisseur Gil Mehmert mit den Tryout Vorstellungen in Essen testete, wie das Musical vom Publikum angenommen wird. Trotz der positiven Resonanz dauerte es weitere 4 Jahre, bis das Werk endlich in der Stiftsruine seine gefeierte »Uraufführung« erleben durfte.

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Die Handlung - Liebe und Tod

In die Handlung führen uns zwei Silhouetten hinter einem Vorhang ein: eine Frau bietet einem Verleger ein Manuskript mit einer Liebesgeschichte an, die von Verrat, Verzicht, Freundschaft und Tod handelt, von Leidenschaft gegen Konventionen und dem Kampf von Gefühl gegen Verstand. Es ist die verarbeitete erste, aber unglückliche Liebe eines jungen, aufstrebenden Dichters, dessen Stern erst noch aufgehen muss. Denn Johann Wolfgang Goethe ist ein Rebell und Tagträumer, der den Wunsch seines Vaters nach einer anständigen Ausbildung zum Juristen in den Wind schlägt und wichtige Prüfungen verpasst. So schickt ihn sein Vater in die Provinz Wetzlar, wo er am Reichskammergericht als Advokat arbeiten soll. Doch die während des Prozesses aufgenommenen Zeugenaussagen schmückt Goethe mit poetischen Versen aus, zum Missfallen seines Vorgesetzten, Gerichtsrat Albert Kestner, der ihn danach nur noch Akten sortieren lässt. Hier trifft er auf Wilhelm Jerusalem und beide werden Freunde.

Auf einem Ball lernt Goethe Charlotte Buff kennen, während Wilhelm nur Augen für eine rothaarige Dame hat. Beide verlieben sich, doch das Schicksal meint es nicht gut, denn der Rotschopf namens Margarethe ist bereits verheiratet und Lottes alleinerziehender Vater hat für seine Tochter bereits einen finanziell abgesicherten Verlobten im Auge, da er für insgesamt acht Kinder aufkommen muss. Als Kestner bei Goethe literarischen Rat zur richtigen Wortwahl für seinen Heiratsantrag sucht, ahnt jener nicht, dass dieser Antrag seiner geliebten Lotte gilt, die ihn pflichtbewusst auf Drängen des fast mittellosen Vaters annimmt. Die frisch gebrochenen Herzen von Goethe und Wilhelm kann auch ein Rausch mit der Tollkirsche nicht heilen und Goethe muss mit ansehen, wie sich Wilhelm das Leben nimmt.

Einen eskalierten Streit zwischen Goethe und Kestner kann nur ein Duell aus der Welt räumen, doch bevor es zum finalen Schusswechsel kommt, hat Kestner dafür gesorgt, dass Goethe wegen des illegalen Duells  verhaftet und eingekerkert wird. In der Zelle schreibt sich Goethe den Frust von der Seele und nennt sein halb autobiografisches Werk »Die Leiden des jungen Werther«, den er als Briefroman der mittlerweile verheirateten Lotte schickt. Sie ist es, die das Potenzial des Romans erkennt und einem Verleger anbietet. Auf die Frage, ob der Inhalt Fiktion oder Realität sei, antwortet Lotte: »Es ist viel mehr als Wahrheit, es ist Dichtung!«. Als Goethe nach seiner Freilassung zurück zum Vater nach Frankfurt kommt, wird die Kutsche von einer Menschenmenge aufgehalten, die der Auslieferung einer neuen Auflage von Goethes Roman entgegenfiebert und selbst der Vater rühmt sich mit der Genialität seines Sohnes.


Durchkomponierte Musik und großes Orchester

Seit dem Tryout in Essen ist das Musical gewachsen. Waren es im Ruhrgebiet noch eine achtköpfige Band, die den Stilmix aus gefühlvollen Balladen, packenden Hymnen, großen Ensemble-Nummern und kraftvollen Rockeinlagen präsentierten, erschallt in der Stiftsruine ein 21 Musiker/innen starkes Orchester unter der druckvollen Leitung von Christoph Wohlleben. Martin Lingnaus Musik ist durchkomponiert, und es gibt keine Minute, die nicht wie Filmmusik die Handlung unterstützt und begleitet. Dadurch entsteht ein unglaubliches Tempo, das während der gesamten Spielzeit (ohne Pause) über 130 Minuten nicht nachlässt und keine Langeweile aufkommen lässt. Die Songtexte von Frank Ramond unterstützen die Einheit von Handlung und Musik mit lyrischen Reimen, die nicht aufgesetzt und allzu künstlich wirken und es dabei auch noch problemlos schaffen, zahlreiche Originalzitate aus Goethes Werken geschickt einzubinden. Viele Songs haben Ohrwurmcharakter und werden im Stück in Reprisen geschickt wieder aufgenommen und weiterentwickelt. Aus Goethes Hoffnungen in ›Träume sind wie Wasser‹ werden später die Belehrungen von Lottes Vater mit ›Liebe ist wie Wasser‹. Das Ensemble fragt im Titelthema der Show zunächst wer ist ›Goethe?‹ und fordert am Ende mit ›Goethe!‹ nach einer literarischen Zugabe. Bei ›Carpe Diem‹ verliebt sich Wilhelm erst in den Rotschopf und zieht schließlich die Konsequenzen seiner unerfüllten Liebe. ›Es lebe das Leben‹ zeigt zunächst die Unbekümmertheit der Jugend und im Finale den Triumph Goethes über das Schicksal seines Freundes. Und über allem erstrahlen Goethes und Lottes Liebeshymnen ›Hier und jetzt‹ und ›Irgendwann‹, die eine Veröffentlichung auf CD, am besten als Gesamtaufnahme fordern.

Figuren, Darsteller und Ensemble

Schon während der Tryout-Vorstellungen spielte neben Folkwang-Absolvent Merlin Fargel auch Philipp Büttner (Disneys »Aladdin«, »Das Wunder von Bern«) die Titelrolle des Johann Wolfgang Goethe. Auch in Bad Hersfeld verkörpert er eindrucksvoll den Dichter in seiner »Sturm und Drang«- Zeit. An seiner Seite steht Abla Alaoui (»Mozart!«, »Tanz der Vampire«) als  bezaubernde Lotte, und wie schon 2014 in der deutschsprachigen Erstaufführung von Frank Wildhorns »Bonnie und Clyde« am Theater Bielefeld spielen beide erneut ein tragisches Liebespaar mit einer harmonischen Verbindung aus Sopran und Tenor. Das zweite tragische Pärchen wird eindrucksvoll von Thomas Hohler als Wilhelm Jerusalem und, leider nur als Nebenfigur, Karen Müller als Margarethe verkörpert. Christoph Messner überzeugt als Antagonist mit zunächst gar nicht bösen Absichten, bevor er tatsächlich zum handfesten Rivalen mutiert, der mit allen Wassern gewaschen ist. Ebenfalls Gegner der unbefangenen Lebensart, einfach in den Tag zu leben, sind die beiden Väter Rob Pelzer (Goethes Vater) und Detlef Leistenschneider (Lottes Vater), die natürlich nur das Beste für ihren Nachwuchs wünschen, nur dass berufliches Weiterkommen oder finanzielle Absicherung nicht zu den Zielen der jungen Wilden passen. Ebenfalls erwähnenswert sind Inga Krischke als wohlwollende Anne und Mischa Mang, von dessen vielen kleinen Rollen insbesondere der Mephisto als Puppenspieler, der alle Fäden in der Hand hält, in Erinnerung bleibt.

Das weitere Ensemble kommt permanent als Chor zum Einsatz, hat aber gleichzeitig eine ausgefeilte und auf den Punkt gebrachte Choreographie unter der Leitung von Kim Duddy zu absolvieren. Im modernen Musical vermisst man leider häufig den Tanz als zentralen Bestandteil, »Goethe!« dagegen sprüht nur so von fulminanten Tanzsequenzen, die kokett klassisches Menuett mit Madonnas ›Vogue‹ kombinieren und so präsent wie MTV-Videos daherkommen. Fast unglaublich, dass Tänzer und Hauptdarsteller dabei noch genug Luft zum Singen aufbringen.

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Welcome to the Show - temporeiches Musical

Die unbeschwerte Verbindung von Moderne mit der Mode von vor 250 Jahren findet sich auch in den Kostümen von Claudio Pohle wieder. Goethe hebt sich wie ein bunter Pfau mit seinem gelb-blauen Outfit von den grauen Mäusen der Professoren und Gerichtsdiener ab, die ihm auch prompt seine Turnschuhe gegen schwarze Stiefel eintauschen. Auch Lotte trägt zu Beginn unter ihrem gerafften Kleid lässige Jeans, die nach ihrer Verlobung mit Kestner unsichtbar werden und schließlich durch ihr überdimensionales Hochzeitskleid ersetzt werden, auf das Goethe sein Meisterwerk kritzelt. In der Tryout-Fassung erinnerte diese Szene noch an die ›Frei und Schwerelos‹-Sequenz aus »Wicked«, in Bad Hersfeld kommen diese Assoziationen nicht mehr auf.

Auch andere Parallelen zu bekannten Musicals kann man nicht mehr ziehen: erinnerten die Pferde von Goethe und Wilhelm früher noch an »War Horse«, reiten die Darsteller nun auf Fahrrädern mit Pferdekopf und -Schweif in Form von Scherenschnitt-Silhouetten. Und wenn Mephisto zu ›Welcome to the Show‹ einlädt, zieht kein Zuschauer mehr Parallelen zu der Alptraum-Sequenz aus »Tanz der Vampire« oder dem Puppet Master aus »Gaudi«. Diese neue Eigenständigkeit tut der Inszenierung sehr gut, auch wenn für Bad Hersfeld als zentrales Element der Show die Guckkastenbühne, die als Miniatur nachgebaut in einer Schlüsselszene als Goethes Geschenk für Lotte eine zentrale Rolle spielt, erhalten geblieben ist. Bedauerlicherweise kann durch diesen räumlichen Beschnitt nicht die imposante Tiefe der Stiftsruine genutzt werden, trotzdem zeigt die Bühne von Jens Kilian immer wieder neue und abwechslungsreiche Bilder.

»Goethe!« ist temporeich leicht erzählt und ein akustisches und optisches Kunstwerk, wie man es in heutigen Musicalproduktionen leider viel zu selten zu sehen bekommt. Vielleicht hätte die Stage Entertainment für das Münchener Musicalpublikum 2018 besser dieses Stück für das Werk 7 wählen sollen als »Fack ju Göhte – Das Musical«, das eher im Ruhrpott auf mehr Resonanz gestoßen wäre? Umso erfreulicher, dass Bad Hersfeld auf den jungen, sexy und wilden Goethe setzt, auch wenn die Handlung viel mehr der Dichtung statt historisch korrekter Wahrheit entspricht. 

© Text & Fotos: Stephan Drewianka; dieser Bericht erschien als Titelstory in der Musical Fachzeitschrift BLICKPUNKT MUSICAL, Ausgabe 112, 03-21

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