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Ludwig2 – Backstage im Musicaltheater in Füssen

Musical Ludwig2 Backstage © Stephan Drewianka
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Seit März 2005 regiert Musical-König Ludwig2 wieder in Füssen. Ich habe mich für Sie beim Märchenkönig bei der wöchentlich am Sonntagvormittag stattfindenden Backstageführung hinter die Kulissen der aufwendigen Neuproduktion umgesehen.

Ein Haus für den König

Das Thema Ludwig2 ist bereits die zweite Umsetzung des Stoffes über den bayerischen Märchenkönig für die Musicalbühne. Die Standortwahl für dieses Musical war relativ schwierig. Das Stück sollte ursprünglich direkt in München aufgeführt werden, doch dies scheiterte an dem finanziellen Risiko einer Long-Run-Produktion und der Notwendigkeit, bauliche Veränderungen in den denkmalgeschützten Theatern vornehmen zu müssen. Die Produzenten schauten sich für eine neue Spielstätte im Ludwig-Land um und hatten mehrere Standorte ins Auge gefasst. Der eine war unterhalb von Schloss Neuschwanstein, jedoch war die Gemeinde gegen einen Theaterbau und zudem gibt es dort Landschaftsschutzgebiete. Ein weiterer Standort war links vom Säuling, dem grössten Berg neben dem Tegelberg, jedoch wurden dort bei Grabungen Römerfunde entdeckt, die Archäologen auf den Plan riefen und dieses Gebiet zunächst auf unbestimmte Zeit für sich beanspruchten.

Man entschied sich schliesslich für ein Areal am Forggensee, das der Stadt Füssen gehörte und wo ursprünglich ein Kultur- und Sportzentrum errichtet werden sollte. Der Forggensee ist ein Stau- und Rückhaltebecken für das Lechhochwasser, damit durch die Schneeschmelze in den angrenzenden Bergen das Lechtal nicht bis nach Augsburg überschwemmt wird. Die Idee für den Stausee mit kleinem Kraftwerk entstand schon 1897 von der Firma Siemens. Zwei Weltkriege durchkreuzten die Baupläne, so dass man erst Anfang der fünfziger Jahre an die Verwirklichung gehen konnte. Der See wurde 1954 zum ersten Mal aufgestaut, was die Umsiedlung  mehrerer Bauern mit sich zog. Der See wird im Oktober komplett abgelassen, was auf der nördlichen Seite die Reste der alten Römerstrasse Via Romana Claudia, die von Italien nach Augsburg führte, freigibt. Im April wird der See wieder aufgestaut, so dass er Ende Mai bis Anfang Juni dann seine volle Höhe erreicht hat. Die Forggenseeschifffahrt ist in dieser Zeit mit einem grossen Freizeitangebot mit Surfen und Segeln in vollem Gange. Man kann Rundfahrten auf dem See machen und direkt die Anlegestelle des Theaters nutzen.

Am Standort des jetzigen Festspielhauses Neuschwanstein mit der passenden Adresse „Im See“ war zunächst alles Seegebiet. Im Zeitraum eines Vierteljahres fuhren täglich 500 LKWs, um eine Fläche von 50.000 qm mit Kies aufzuschütten, auf der das Gelände errichtet wurde. Im Gegensatz zu den klassischen Theatern wurde in Füssen nach der Architektin Barbarino ganz anders und modern mit einer riesigen Glasfront auf der Südseite gebaut. Die Betonfertigteile sind sandgestrahlt worden, so dass der Steincharakter besser zum Ausdruck kommt. Das Haus ist in einer Rekordzeit von 19 Monaten errichtet worden. Das Haus hat eine Ausrichtung zum anderen Seeufer und die Mittelachse des Hauses ist genau auf das Schloss  Neuschwanstein gerichtet, woher es auch seinen Namen hat. Zum Haus gehören mehrere gastronomische Betriebe: das Café im Festspielhaus, die mit 22 m längste Bar Deutschlands in einem Rundgang, ein Wirtshaus mit Biergarten sowie ein Romantik- und ein Panorama-Restaurant mit einem herrlichen Blick auf den See und die Schlösser. 

Das Theater besitzt im rückwärtigen Teil ein Aggregathaus. In der gewitterträchtigen Landschaft kommt es häufig zu kurzfristigen Stromausfällen. Bei Bedarf springt sofort das Aggregat an und liefert für etwa 30 Minuten Strom im Zuschauerraum, jedoch muss die Show sofort unterbrochen werden, denn soviel Strom liefert das Aggregat nicht. Der Stromverbrauch des Festspielhauses an einem ganz normalen Arbeitstag von 11-23 Uhr entspricht dem Verbrauch eines Einfamilienhauses in einem ganzen Jahr. Neben dem Aggregathaus im rückwärtigen Teil ist ein Glockenstuhl mit der König Ludwig-Glocke. Ein grossindustrieller Ludwig-Verehrer wollte zur Jahrtausendwende König Ludwig eine Glocke widmen. Die 2,38 m hohe Glocke wurde im November 1999 aus 9,7 t Bronze gegossen. Zum einjährigen Geburtstag des Festspielhauses ist sie in einen 13 t schweren Glockenstuhl aus Holz neben dem Theater transferiert worden. Auf dieser Glocke ist mit zwölftausend Buchstaben eine Kurz-Biographie über Ludwig II eingraviert. Die Glocke ertönt mit dem Ton E mittags um 12 Uhr und abends um 18 Uhr.

Der zweite Start mit König Technik

Am 07.04.2000 wurde das Haus mit der ersten Musical-Produktion Ludwig II – Sehnsucht nach dem Paradies eingeweiht - nach einer Laufzeit von drei Jahren war am 31.12.2003 der Traum des bayerischen Musicals zunächst ausgeträumt. Doch am 11. März 2005 feierte die komplett umgearbeitete Musicalversion Ludwig2 seine Weltpremiere an gleicher Stelle. Die neue Fassung definiert Ludwigs Charakterzüge als einen der Kunst zugeneigten jugendlichen König genauer, der im späteren Alter von seinen Politikern und Gegenspielern enttäuscht wurde.

Konstantin Wecker aus München und der in Amerika lebende Christopher Franke komponierten unabhängig voneinander die monumentale Musik des Stückes und lernten sich in Füssen erst drei Tage vor der Premiere kennen. Selbstverständlich singen auf der Bühne alle Darsteller unterstützt durch 15 Musiker aus dem Orchestergraben live. Um jedoch die Musik in ihrer vollen Pracht präsentieren zu können, werden in den grossen Orchesterszenen instrumentale Teilplaybacks, die mit dem City Of Prague Philharmonic Orchestra eingespielt wurden, eingemischt.

Das Festspielhaus Neuschwanstein besitzt nach Frankfurt die grösste bespielbare Drehbühne Deutschlands, die mit 23 Metern Durchmesser den Hauptteil der 40 x 32 m grossen Hauptbühne einnimmt. Zwei Elektromotoren betreiben Europas grösste funktionelle Drehscheibe mit einer maximalen Geschwindigkeit von 1,20 m/sec am äusseren Rand. Das Einstiegs- und Finalbild besteht aus einem echten See, dessen Becken 90.000 l Wasser fasst und bei einer Tiefe von bis zu 1.5 Metern 120 t wiegt. Im Sommer kommt es vor allem durch die Scheinwerfer zu so starker Verdunstung, dass mehrere tausend Liter Wasser während der Vorstellung nachgefüllt werden müssen. Der See kann mechanisch abgesenkt werden und komplett unter der Drehbühne verschwinden.

Das Theater verfügt über alle erdenklichen bühnentechnischen Möglichkeiten: die einzelnen Bühnenbilder werden über 46 einzelne Prospektzüge, an denen Dekorationsteile befestigt sind, von der Decke herabgelassen. Passepartoutwände werden von den Seitenbühnen hereingefahren und können in beliebiger Art und Weise aufgestellt und kombiniert werden. Im Eingangsbühnenbild – ein Waldsee mit echtem Wasserfall, der durch einen Pumpenkreislauf aus dem künstlichen See gespeist wird – werden die Bäume an separat steuerbaren Zugstangen, die mit 750 kg belastbar sind, individuell in verschiedenen Geschwindigkeiten und Höhen herauf gefahren. Natürlich darf auch der Schwan nicht fehlen, dessen Hals und Flügelbewegungen ein Taucher mit einer Stabmechanik bedient.

Die wechselnden Farbstimmungen der Show werden mit konventionellem Theaterlicht und unzähligen Farbfiltern durch Kopfscheinwerfer auf die Bühne gezaubert, während Moving-Lights die Darsteller verfolgen oder weitere stimmungsvolle Lichteffekte zaubern.
Eine halbtransparente Sonne kann für die Zuschauer unsichtbar herunter gelassen werden, so dass von hinten die Darstellerin der Fee einsteigen kann. Erst in ihrer endgültigen Position in 10 Metern Höhe wird die Fee für Ludwig und die Zuschauer durch eine sanfte Beleuchtung in der Sonne sichtbar. Beim Bau von Schloss Neuschwanstein herrscht auf der Bühne durch die Vielzahl an einzelnen Elementen, aus denen sich schliesslich das fertige Schloss zusammensetzt, ein nahezu unüberschaubares und doch sehr geordnetes Chaos. Trotz Hightech mit ausgeklügelter Steuerungstechnik wird in dieser Szene noch viel in Handarbeit durch Bühnentechniker manuell bis zu den beleuchteten Klebebandmarkierungen auf dem Bühnenboden herein gefahren.

In einer weiteren eindrucksvollen Schlüsselszene während des Krieges kommen überdimensionale Skelette zum Einsatz, die von Puppenspielern bereits während der Pause angelegt werden. Das Puppenspiel der in drei Grössen vertretenen Skelette ist Schwerstarbeit für die Darsteller, denn die Marionetten wiegen zwischen 35 und 70 kg. Das grösste Skelett wird mit einer Zugstange nach oben gezogen, Arme und Beine werden von einem weiteren Bühnentechniker separat über eine Seilwinde gesteuert. Wenn der junge Ludwig am Esstisch seiner Eltern von Lohengrin träumt, der sich auf einem Gemälde vom Ritter in den Schwan verwandelt, kommt im Wesentlichen ein computergesteuerter Diaprojektor zum Einsatz. Diese Rückprojektionstechnik lässt auch die Zahlen auf Ludwigs Schultafel tanzen oder zeigt seine Handschrift beim Verfassen eines Briefes an Wagner.

Doch lassen Sie sich durch einen zu ausführlichen Backstage-Bericht nicht vom Zauber des Theaters desillusionieren: träumen Sie mit Ludwig und Sissi auf der Roseninsel in einem künstlichen, aber eindrucksvollen roten Blumenmeer vom Sieg der Kunst über ignorante Politiker und bauen auch Sie sich Ihr eigenes Musical-Traumschloss!

©Text & Fotos by Stephan Drewianka; dieser Bericht erschien ebenfalls in leicht gekürzter Form in der Zeitschrift Blickpunkt Musical, Ausgabe Juli/August 2005

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