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Musical Joseph in Tecklenburg

Dreaming Joseph mit dem bunten Mantel bescherte den Tecklenburger Freilichtspielen 2003 ihren bislang größten Musical-Publikumserfolg

Seinen bunten Mantel hat Dreaming-Joe ja inzwischen wieder mottenfraß-sicher im Schrank auf dem Dachboden verstaut und gegen unauffälligere Zivilklamotten vertauscht. Das vielfarbige Kleidungsstück steht für und symbolisiert den größten Publikumserfolg, den die Freilichtspiele Tecklenburg in ihrer über 75-jährigen Geschichte bislang verbuchen konnten. Andrew Lloyd Webbers rasantes Bibel-Happening Joseph brach in der zu Ende gegangenen Saison 2003 alle Besucherrekorde. Zugleich sicherten sich die Veranstalter damit eine Fußnote in den musical-ischen Geschichtsbüchern. Sie können für sich reklamieren, die erste deutschsprachige Freiluft-Inszenierung dieses Werks auf die Bühne gebracht zu haben.

40 000 tanzten mit dem Pharao Rock ‘n’ Roll: Trotz der enormen Resonanz keine Wiederaufnahme des Musicals Joseph in der nächsten Saison 

Das rasante und schrill-bunte Musical Joseph aus der frühen Kreativphase des  geadelten britischen Erfolgs-Komponisten wurde unter dem freien und überwiegend trocken bleibenden Tecklenburger Himmel insgesamt 17 mal aufgeführt. 40.000 Besucher ließen sich in der 2300 Sitzplätze fassenden Open-Air Arena von Joseph verzaubern und mitreißen. Mathematisch ist das zwar zunächst ein Widerspruch, der sich allerdings auflöst, wenn man berücksichtigt, dass die Kapazitäten jedes Mal um zusätzliche Stuhl- und Bankreihen aufgestockt wurden, um dem Andrang einigermaßen entsprechen zu können. Sonst hätten die, die draußen bleiben sollten, vermutlich auch randaliert.

125 Mitwirkende agierten beim Musical Joseph auf der Bühne

Das Musical Joseph war den Worten von Geschäftsführer Fred Banse zufolge die bislang größte und aufwändigste Produktion der Freilichtspiele: 125 Mitwirkenden agierten auf der imposanten, mehr als 80 Meter breiten Naturbühne. Die Hinwendung zum modernen Musical hatte sich im laut Eigenwerbung „größten Freilicht-Musiktheater Deutschlands“ 1996 mit Hair vollzogen. Zuvor waren hier überwiegend Klassiker des Genres gespielt worden z.B. My Fair Lady, Kiss me Kate usw. Den Hippies folgte der skurrile Frank ‘n Furter und nach der Rocky Horror Show wurde dann zwei Jahre hintereinander ein Käfig voller Narren aufgeschlossen. Im Jahre 2000 begann dann mit Evita der Webber-Zyklus. 

Mut und Gespür

Das Musical Joseph kann natürlich schon in geschlossenen Spielstätten für Regisseur und Künstler zur Stolperfalle werden. Das Resultat ist dann in der Regel peinlich. Das fetzige Stück ist nicht ganz so regiefehler-resistent wie beispielsweise „J.C.“, Dazu, es open air zu präsentieren und obendrein auf einer so großen Spielfläche, erfordert schon etwas Mut, viel Gespür und inszenatorisches Geschick. Mit Dean Welterlen als Regisseur, der nebenbei in Personalunion auch als Hausherr der Pyramiden Rock ‘n’ Roll tanzte, hatte man da jedoch offenbar den richtigen Mann an den richtigen Platz gesetzt. Er lieferte einen sauberen Job ab und konnte sich in Annette Fischer (Choreografie) und Karin Alberti (Kostüme) auf ein ebenso erfahrenes, wie ideenreiches Team stützen. Die Musikalische Leitung  lag in den bewährten Händen von Klaus Hillebrecht, dessen instrumentale Streitmacht die Partitur frisch und mit viel Drive aus dem Orchesterbunker in den Zuschauerraum transportierte.

Himmelfahrtskommando

Der Verzicht auf (oft allenfalls verkrampft wirkenden) Ausstattungsbombast  oder anderweitigen technischen Schnickschnack war wohltuend. Weniger ist halt oft mehr. Eines der wenigen Zugeständnisse in dieser Richtung war das Hubpodium, mittels dessen sich der Held zum Finale hoch in den Himmel  „schraubte“.  Aber selbiges war auch keine Erfindung der Norddeutschen, sondern bereits im Colosseum eingesetzt worden. Der Effekt wirkte im Freien jedoch noch eindrucksvoller, zumal sich dazu lange Stoffbahnen in den Farben des Träumerkleides entfalteten und die „Himmelfahrtsszene“ einrahmten.

Schlichte Dekoration, prächtige Kostüme

Die Bühnendekoration selbst war schlicht, ja spärlich und wurde von dem  unverzichtbaren, grellbunt-schillernden, sonnenbrillen-tragenden Pharaokopf  als zentralem Element dominiert. Er war noch um einiges fantasievoller ausgefallen als weiland an der Ruhr. Das, und ein paar Rundzelte, war’s denn (fast) auch schon an Kulisse, den Rest überließ man den naturmäßigen Gegebenheiten der Burg. Die Kostüme hingegen waren eine Augenweide und zeugten von ungemein viel Detailverrücktheit und -liebe. Da hatten Karin Alberti und ihre Helfer in nachgerade opulenter Pracht  geschwelgt.

Die Erzählerin als Klettermaxe

Die 80 Meter breite Bühne zwingt der Regie eine ganz andere Herangehensweise als unter normalen Bedingungen auf. Die riesige Spielfläche mit ihren weitläufigen Seitenbereichen lässt sich eben nicht nur durch personelle Masse füllen, wenngleich man in Tecklenburg dahingehend ja aus dem Vollen schöpfen konnte. So mussten Szenen-Sequenzen räumlich mit viel Augenmaß gestreckt werden, und zwar so, dass es eben nicht so aussah, als würde das Geschehen im Zentrum ausfranzen und ausgedünnt, nur damit an der Peripherie auch etwas los ist. Welterlen hat dieses Problem recht geschickt gelöst, und zwar unaufdringlich und mit Augenmaß.

Darüber hinaus würzte er die Inszenierung mit einigen lustigen, originellen Einfällen. Bevor sich Potiphars Weib (Jessica Fendler), sexuell-umtriebig und nimmersatt, anschickte, dem Sklaven ihres dahingehend etwas, weil beruflich so angespannt, schlaff-schlappen Gatten im Schlafgemach die Unschuld zu rauben, wies ein Transparent darauf hin, dass diese Szene für jugendliche Besucher unter 16 nicht geeignet sei. Und da gab es, wenn auch nicht im Auftrag von Infas, Meinungsumfragen zur Situation des eingekerkerten Joseph, in deren Verlauf auch ein Kamel interviewt wurde. Dass sich die Erzählerin (bestechend: Jana Werner) in Netzstrümpfen und im bachfreien Topp auch mal von einer Steilmauer des Burgtheaters auf die Bühne abseilte, hatten die örtlichen Besonderheiten, die es schließlich zu nutzen galt, nahegelegt

Sven Olaf Denkinger als everybodys Darling

Den wesentlichsten Anteil am Erfolg hatte die ambitionierte Cast, bei deren Rekrutierung die Verantwortlichen einmal mehr ein glückliches Händchen bewiesen. Ganz große Namen hätten den Triumph der Inszenierung zwar von vornherein garantiert, aber es müssen ja nicht immer die Götter aus dem Musical-Olymp sein. Sven Olaf Denkinger als Titelheld erwies sich da als Glücksgriff. Der sympathische blonde Strahlemann, der zuletzt bei Elisabeth in Essen mitgewirkt und bei der deutschsprachigen Erstaufführung von The Who’s Flipper-Epos Tommy den Hauptpart gespielt hatte, avancierte schnell zum Publikumsliebling und bestach, wie auch  die meisten seiner Ensemblekollegen und -kolleginnen, durch einen entwaffnenden, erfrischenden Spielcharme.

Doppelte Sturmspitze

Mit viel Drive, Hingabe und vollem Körper- und Stimmeinsatz trieben  die Künstler sich und die turbulente Handlung nach vorne. Die Tecklenburger kannten den Protagonisten bereits vom „Narrenkäfig“ aus der Saison 98/99. Sie hatten sich bei ihrem „Onkel Joe“ nicht nur eine Erzählerin gegönnt, sondern ihr gleich auch noch einen männlichen Narrator gegenübergestellt. Neben Jana Werner kommentierte Stammgast Sascha Th. G. Krebs das Geschehen. Allerdings stellt sich die Frage, ob diese doppelte Sturmspitze tatsächlich nötig war . . .  Ex-Krolock Martin Berger als Bruder „Simeon“, Kevin Weatherspoon („Judah“) oder Lillemor Spitzer (Rubens Frau) waren weitere beliebte Namen auf der Besetzungsliste.

Fortsetzung des Musicals Joseph folgt (nicht)

Obwohl ein veritabler Kassenschlager, soll es im nächsten Jahr keine Wiederaufnahme von J. geben. Aus grundsätzlichen Überlegungen heraus , wie es heißt. Man wolle künftig, anders als noch bei Jesus Christ Superstar in 2001 und 2002, kein Stück zweimal hintereinander spielen, lautet die offizielle Version. Denkbar ist aber auch ein anderer Grund: Es gibt finanziell potentere Interessenten, bei denen (nicht nur) die Rechteinhaber eine noch schnellere und umfangreichere Mark machen können. Durchaus möglich also , dass der Pharao demnächst noch ganz woanders rockt. Das Beispiel im Kreis Steinfurt hat ja gezeigt, dass die peppig erzählte, alttestamentarische Story von Jakobs Lieblingssohn, den die neidischen Brüder nach Ägypten in die Sklaverei verticken, auch Jahre nach der Absetzung des Stücks in Essen immer noch bzw. wieder enorm zieht.

© by Jürgen Heimann; Fotos: Heiner Schäffer

Alles zum Musical Joseph bei Sound Of Music.

Hinweis: Im Jahr 2014 zeigen die Freilichtspiele Tecklenburg erneut die Geschichte von Joseph Open-Air mit Alexander Klaws in der Titelrolle, hier geht es zum Premierenbericht mit vielen Fotos!