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Theater
Musical Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär im Theater
Musical Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär bei Wikipedia

Interview mit dem Schauspieler, Comedian, Autor und Songtexter Heiko Wohlgemuth

Musical 13,5 Leben des Käpt'n Blaubär

3 ½ Jahre für die 13 ½ Leben des Käpt`n Blaubär

Der 34 jährige Heiko Wohlgemuth ist ein echtes Multitalent. Er ist als Schauspieler in Serien wie Doppelter Einsatz, Bianca Wege zum Glück oder Evelyn Hamanns Geschichten aus dem Leben zu sehen gewesen und beherrscht als waschechter Comedian das Singen, Zaubern, Stepptanzen, Fechten und Puppenspielen. Als Autor und Songtexter war er an den Produktionen Achtung. Selten. Die Comedian Harmonists, Swinging St. Pauli / Swinging Berlin, Heiße Ecke und Villa Sonnenschein beteiligt und bearbeitete nun den Roman Die 13 ½ Leben des Käpt´n Blaubär für die Musicalbühne. Kurz nach der Weltpremiere in Köln befragten wir Heiko Wohlgemuth über seinen Wagemut, ein solches Projekt umzusetzen.

Musical-World: Wie kommt man auf die Idee, das dicke Buch von Walter Moers zum Musical umzuschreiben?

Heiko Wohlgemuth: Bei diesem Projekt muss man immer vom Autorenteam sprechen, das sind Martin Lingnau als Komponist und ich als Texter und Autor. Wir haben vorher schon für das Hamburger Schmidt-Theater zusammengearbeitet und infolgedessen einen Verlag gefunden, der unsere Stücke verlegt. Diese Leute waren von dem Inhalt des familientauglichen Buches von Käpt´n Blaubär begeistert. Martin war sofort überzeugt, aber als ich es gelesen hatte, war ich sehr skeptisch, die 700 Seiten kürzen zu können. Wir wollten es trotzdem probieren. Nun ging es darum, ob Walter Moers die Rechte an seinem Roman frei gibt. Walter Moers hielt den Stoff für nicht aufführbar und hatte schon andere Anfragen diesbezüglich abgelehnt. Aber über den Verlag hat Martin die Chance erhalten, Walter Moers zu treffen, den Mann, der seit 12 Jahren schon ein großes Geheimnis um sich macht – wo er lebt und was er macht.
Martin und ich hatten bereits zwei Songs verfasst »Blau muss mein Geliebter sein« und »Das Zwergpiratenlied« und eine Szene geschrieben. Zusammen mit einem dramaturgischen Rezept hat sich Martin mit Walter getroffen. Nach drei Flaschen Rotwein hat ihn Martin davon überzeugt, wie sein Buch auf die Bühne gebracht werden kann.
Es gibt dreimal soviel Material als das, was jetzt zu sehen ist. Die Frage war, wie man 700 Seiten einkocht. Im Buch gibt es drei Wirbel und drei Labyrinthe, die Dopplungen haben wir größtenteils gestrichen. Ich habe mit Walter viel hin und her gemailt und nachgefragt, wie ich dieses und jenes erzählen soll. Schließlich gab er mir den Rat: »Weniger ist mehr«!

Musical-World: Was war zuerst da, die Musik oder der Text?

Heiko Wohlgemuth: Manchmal habe ich vier gute Zeilen Text, dann komponiert Martin die Strophe dazu und hat den Refrain schon im Kopf. Wir können in jede Richtung arbeiten. Bei der Nachtschule z.B. haben wir zu zweit eineinhalb Nächte am Klavier gesessen, wo mir die Worte fehlten und er dann nur Musik machte. Martin lebt in Hamburg und ich hauptsächlich in Österreich, deshalb war es ein Luxus, zusammen zu sitzen. Von der ersten Idee bis zum fertigen Stück hat dieser Prozess dreieinhalb Jahre gedauert. Zunächst hatten wir ein paar Szenen mit dem dramaturgischen Rahmen zusammengestellt, dann musste Walter überzeugt werden und da es eine Kooperation mit zwei weiteren Produzenten werden sollte, kam noch Zappo Schwalbe als dramaturgischer Berater hinzu. Folkert Koopmans von FKP Scorpio, der viele Konzerte von Robbie Williams und Tina Turner produziert hat und Erfahrung mit riesigen Festivalzelten hatte, wollte gerne in die Theatersparte. Wir sind mit ihm relativ schnell einig gewesen, doch die Pläne zerschlugen sich zwischenzeitlich immer wieder, bis ich selbst schon nicht mehr an eine Verwirklichung glauben wollte.

Musical-World: Wie funktionierte dann die Umsetzung auf der Bühne?

Heiko Wohlgemuth: Ich bin ja auch Schauspieler und habe mein Studium mit Zauberei verdient. Ich habe beim Schreiben gemerkt, dass ich eine Szene nicht zu Ende schreiben kann, wenn ich nicht weiß, wie man das szenisch auf der Bühne lösen soll. Ich hatte dann immer einen Theatertrick in petto. Da war noch gar nicht die Rede von Videoanimation und was diese Tricktechnik alles möglich machen würde. Aber im Grunde könnte man es auch mit drei Kartons spielen und erzählen. Das hat uns am Ende auch wieder geholfen hat, als wir einige Sachen auf die charmante kleine Theaterart gemacht haben. In der Premiere gab es riesigen Szenenapplaus für zwei Leute, die mit zwei Bauplanen im blauen Licht über die Bühne rennen und behaupten, es ist ein Wasserstrahl.

Musical-World: Wie kommt man auf die Idee, das Stück in einem Zelt aufzuführen?

Heiko Wohlgemuth: Es sollte erst in festen Häusern gespielt werden. Für die technische Umsetzung wäre es auf jeden Fall einfacher gewesen, doch für die spezielle Atmosphäre wäre es der Tod gewesen. Die erste Idee war, es auf einem Schiff während einer Kreuzfahrt aufzuführen – den Rhein immer rauf und runter. Folkert meinte, wir benötigen einen fliegenden Bau, das musste irgendwie eine bewegliche Immobilie sein, was dem Thema des Weltreisenden entgegenkommt. In einem Zelt hatten wir die Möglichkeit, eine offene Guckkastensituation, ganz dicht am Publikum, zu verwirklichen, die auf diese Art in einem festen Theater nicht möglich gewesen wäre.

Musical-World: Ist es ein Stück  für Erwachsene oder für Kinder geworden?
Heiko Wohlgemuth: Es wird oft mit dem »König der Löwen« verglichen, weil wir auch mit Masken und Puppen arbeiten. Der Puppenbauer Carsten Sommer ist mit Walter Moers eng befreundet und beide haben sich besprochen, wie man die Figuren dreidimensional hinbekommt und welche Farbe z.B. ein Stollentroll hat. Carsten hat uns wunderbare Figuren gemacht, sehr lebendig und ganz, ganz anders als die Masken vom »König der Löwen« von Julie Taymor. Es ist ein lebendig gewordener Comic.
Heute war die erste Vorstellung um 14 Uhr und ich habe mir sofort die Kinder rausgepickt und mir ihre ehrliche Meinung angehört. Die kleinen Fans waren absolut begeistert. Man bekommt kaum eine aufrichtigere Kritik, als die von Kindern. Wenn sie es langweilig finden, sagen sie es auch. Ich bin auch derjenige, der sich nach der Premiere auf der Toilette einschließt nur um auszuspionieren, was die Leute wirklich über das Stück zu sagen haben.

Musical-World: Also nimmst Du Dir Kritik zu Herzen und änderst auch im Nachhinein noch das Stück?

Heiko Wohlgemuth: Ich habe noch nie ein Ensemble so hart arbeiten sehen wie an diesem Stück. Es gab immer wieder Umstellungen, Sachen die sich nicht erzählen ließen, neue Choreographien und Szenen sind immer wieder rausgeflogen und wieder neu eingebaut worden. Steven Soundheim hat einmal gesagt: »Musicals werden nicht geschrieben, Musicals werden umgeschrieben« -  irgendwie trifft es hundertprozentig auf Käpt´n Blaubär zu. Leider hängt an jeder Änderung immer ein Rattenschwanz. Wenn man eine Szene modifiziert, hat das Einfluss auf Technik, Umbauten und Einrichtzeiten, die während der Vorstellung laufen. Wir werden auf jeden Fall noch etwas im zweiten Teil verändern.
Ich habe z.B. die erste Lügenduellszene drei oder viermal geschrieben und es hat nie funktioniert. Uns ist eigentlich erst letzte Woche aufgefallen: wir erzählen das ganze doppelt. Wir haben radikal gekürzt und es fehlt nicht ein Wort. Im Gegenteil, es wird dadurch kompakter. Andererseits wird im Buch eine Evolutionsgeschichte erzählt, zu der es auch einen wunderbaren Song gibt, doch der ist leider nicht mehr im Stück drin. Man darf es nicht überfrachten.

Musical-World: Warum wurde die Premiere um 14 Tage verschoben?

Heiko Wohlgemuth: Wir sind nicht richtig fertig geworden. Es ist ein unglaublicher Aufwand, was da an Logistik und Ausstattung anfiel. Es hatte fünf Tage länger gedauert, die Bühne komplett in das Zelt einzubauen als geplant war. Die anderen Abteilungen kamen anschießend nicht mehr hinterher. Und Kleinigkeiten halten auch auf: so wollten wir plötzlich noch drei singende Pizza-Schachteln oder einen Akrobaten, der statt mit Keulen mit Fischen jongliert. Hier haben alle bis zuletzt mit der heißen Nadel gearbeitet. Aber das hat sich absolut gelohnt.
Einmal fällt der Blaubär durch ein Dimensionsloch auf die Bühne. Damit der Dummy durch den Schauspieler ausgetauscht werden kann, sollte es einen Blackout in völliger Dunkelheit geben. Das funktionierte mit den Projektoren aber nur, wenn man etwas vor das Objektiv hält, was mit nur vier Technikern nicht klappte. Es ist also nur dämmerig auf der Bühne, man sieht den Dummy runterfallen, der viel zu langsam fällt, weil er nicht schwer genug ist. Ein Techniker schnappt sich rennend den Dummy und dann sieht man den Schauspieler reinkommen, der sich hinlegt: das Publikum hat spontan applaudiert und sich totgelacht. Die Leute wissen eh, dass er nicht vom Himmel fällt und haben Spaß daran, den Trick zu entlarven.
So wie beim Roman gibt dieses Stück viel Raum für die eigene Phantasie und so soll es auch sein. Und es ist toll, wenn die Leute nach zwei Monaten immer noch ihre Lieblingsmelodie aus dem Stück pfeifen.

Musical-World: Sollte man das Buch gelesen haben, bevor  man sich das Musical ansieht?

Heiko Wohlgemuth: Nein, das muss man absolut nicht gelesen haben. Ich hatte unheimliche Angst in der Premiere, weil ein großer Fan-Club, die Nachtschüler, die jedes Detail aus dem Roman kennen, direkt hinter uns saßen. Als die Zwergpiraten die Bühne betraten, waren die Fans Feuer und Flamme, das hat mich sehr erleichtert. Ich finde es toll, dass es auch die eingefleischten Fans angesprochen hat. Mit offenem Herzen kann man das Musical mit 6 oder 60 genießen, das ist völlig egal. Ich bin ein großer Jim Hanson-Fan, der sich auch nicht gefragt hat, für welche Zielgruppe die »Muppet-Show« gemacht wurde. Das war eine Show mit Puppen für jedes Alter – wie die »Sesamstrasse«, bei der es auch nichts bringt, die Kinder vor die Glotze zu setzen, wenn die Eltern keinen Bock haben, dabeizusitzen und ihnen zu erklären, warum das B nach dem A kommt. Deshalb gibt es in der »Sesamstraße« zwei Ebenen mit Witzen, die definitiv nichts für Kinder sind. Hier lernen die Kinder etwas und die Erwachsenen lernen vor allem mal wieder die Augen und Herzen aufzumachen und ihre Phantasie anzustrengen und sich daran zu freuen.

Musical-World: Ist dem Publikum bewusst, dass dieser Blaubär ein ganz anderer als der im Fernsehen ist?

Heiko Wohlgemuth: Ich glaube, das ist einer der Gründe warum es funktioniert. Wir haben z.B. lange darüber diskutiert, wie sieht denn der Blaubär aus. Wir wollten zunächst eine Kopfschalenlösung für ihn machen. Dann war die aber zu groß und zu schwer. Und wenn man den ganzen Abend mit so einer Schale auf dem Kopf spielen muss, dann bekommt man Muskelprobleme im Hals. Dann wurde mit einer kleineren Schale probiert und eine Woche lang gab es Pudelnasen – das war grauenhaft. Es ist ein anderer Blaubär, als der, den wir aus dem WDR kennen. Die eine Hälfte der Geschichte ist, wie er der Blaubär geworden ist. Käpt`n ist er nach diesem Abend immer noch nicht. Wann er der Käpt`n wird, wird uns Herr Moers vielleicht im fünfzehnten Leben erzählen. Ich hatte unheimliche Panik davor, das die Kinder fragen: »Wo ist Hein Blöd und wo sind die Neffen?« Die Frage ist nicht gekommen. Zur Premiere kam eine Limousine vorgefahren und da stieg Hein Blöd aus und setzte sich ins Publikum. Es ist einfach die Vorgeschichte des Käpt`n Blaubär. Wir haben einen Rahmen im Musical, der der WDR-Geschichte sehr ähnlich ist (mit der Kopfschale) und wenn er die Kopfschale absetzt ist es eigentlich ein Mensch mit blauen Haaren, blauen Ohren und einer aufgemalten blauen Nase. Er ist nicht überschminkt, es ist alles nur angedeutet und die Leute wissen was gemeint ist. Du bist viel mehr an der Mimik dran, wenn du seine Augen siehst. Wenn du dem Schauspieler die Augen nimmst, nimmst du ihm die Möglichkeit, sich auszudrücken. Ich hatte etwas Angst davor, wie ein Kind das übersetzt, wenn der Blaubär seinen Kopf abnimmt, aber ich hatte die Kinder einfach unterschätzt.

Musical-World: Und Kinder haben auch keine Probleme, 2 ½ Stunden aufmerksam zuzuhören?

Heiko Wohlgemuth: Heute konnte ich zum ersten Mal in der Nachmittagsvorstellung beurteilen, wie das mit Kindern funktioniert, wann die unruhig werden oder ihre Pinkelpause haben müssen. Erstaunlich, dass sich Kinder 70 Minuten bis zur Pause konzentrieren können und dann gespannt warten wie es weitergeht. Und das in dem Zeitalter, wo eigentlich nach 10 Minuten die erste Werbepause dran ist. Kompliment, Kinder können so viel mehr als wir denken.

Musical-World: Hat der Schauspieler in Dir nicht auch Lust, selbst in Deinem Stück mitzuwirken?

Heiko Wohlgemuth: Ich wünschte, ich hätte Zeit dazu. Es kann gut passieren, dass man mich im nächsten Jahr mal als Stollentroll zu sehen bekommt. Das möchte ich gerne mal machen. Aber an diesem Stück hängt nicht nur mein Herzblut. Dieses Musical ist von vielen Leuten auf Kurs gehalten worden. Das Ensemble muss nicht nur tanzen, singen und spielen können, sondern sie müssen in der Maske der Puppen agieren. Man muss den Schauspielern so viel Vertrauen einflößen, dass sie die Maske vergessen, auch wenn den ganzen Abend die Person versteckt bleibt. Das macht den Zauber des Maskenspiels aus.

Musical-World: Vielen Dank für dieses Gespräch und alles Gute für die Tournee.

© Interview: Stephan Drewianka, Fotos: www.blaubaer-musical.de, dieser Artikel ist ebenfalls in der Fachzeitschrift Blickpunkt Musical, Ausgabe01/07, Januar-Februar 2007 erschienen

Alles zu Heiko Wohlgemuth bei Sound of Music!