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Großes Interview mit Patrick Stanke zum Thema: Wie werde ich Musical-Darsteller?

Patrick Stanke Interview © Stephan Drewianka

Von der Schulband zur Theaterakademie

Musical-World: Viele musicalbegeisterte  Leserinnen und Leser fragen sich: „Wie werde ich Musical-Darsteller?“  Wie war Dein Weg auf die Bühne?

Patrick Stanke: Ich habe mich schon sehr früh als Kind mit Singen beschäftigt. Dann haben meine Eltern irgendwann gesagt, der Junge braucht eine Förderung. Ich habe Gesangsunterricht bekommen, in der Schulband gesungen, Gitarre gelernt, habe eigene Songs geschrieben, bis ich mir gedacht habe, das, was die Leute im Radio können, das kann ich auch. Ich wollte unbedingt etwas mit Singen machen. Dann habe ich in Wuppertal im TiC-Theater in Cronenberg vier Jahre lang Musicals gespielt, bis ich mir dachte, das mache ich hauptberuflich. Ich bin zu der meines Erachtens besten Schule in München, der Bayerischen Theaterakademie, gegangen, habe dort vorgesungen und bin angenommen worden – der Rest ist Geschichte.

Aufnahmeprüfung und Auswahl für die Musical-Ausbildung

Die Aufnahmeprüfung für solch eine Schule ist ganz schön hart. Man muss drei Runden bestehen. Zunächst muss man fünf Songs vorbereiten: eine Schauspielszene, eine Musicalszene, zwei Klavierstücke und die Musiktheorie bestehen, bei der man Töne und Intervalle am Klavier erkennen muss, was für mich sehr schwierig war. Man wird im Singen und Tanzen geprüft und muss drei Runden überstehen. Dabei geht es gar nicht so sehr darum, festzustellen, wer bereits alles kann, sondern ob ein gewisses Talent vorhanden ist und wer in welchem Bereich gefördert werden muss. Die staatliche Schule, die ich besuchte, bekommt Gelder vom Staat, d.h. die Schüler mussten die Ausbildung nicht bezahlen. In Gegensatz zu einer Privatschule haben wir aber nicht 50 Schüler pro Jahr, sondern nur vier Jungs und vier Mädels. Das macht die Auswahl so schwierig, denn es singen 200-300 Leute für die acht Stellen vor. Deshalb muss richtig selektiert werden. Die Trittbrettfahrer müssen von denen, die wirklich reif für diese Ausbildung sind, getrennt werden. Vor diesem Vorsingen hatte ich nie einen Workshop belegt und hatte nur die Praxisjahre im Theater, was mir sehr viel mehr gebracht hat, denn ich wusste schon, wie ich mit Publikum umzugehen habe und wie ich auf die Leute einzugehen habe, wenn mal etwas nicht funktioniert.

Patrick Stanke zum Unterschied zwischen Großproduktion und One Man Show

So etwas wie damals im TiC-Theater gibt es heute nur noch sehr selten: Es gab über der Bühne ein Netz mit festen Vorgaben, in dem man sich trotzdem noch mit einem gewissen persönlichen Freiraum bewegen konnte. Heute ist alles sehr festgesetzt und man kann eigene Dinge kaum noch einbringen. Auf einer kleinen Bühne wie der in Wuppertal oder bei Stücken wie meiner ONE MAN SHOW darf auch mal etwas schief gehen, dann gibt es ein Augenzwinkern ins Publikum und jeder sieht, der Patrick ist auch nur ein Mensch.
Vor 2000 Menschen wie in AIDA zu spielen oder auf einer kleinen Bühne zu stehen sind zwei Paar Schuhe: Das eine ist Rollschuh fahren, das andere ist Skateboard fahren. Es hat beides seinen Reiz und kommt aus derselben Familie, aber wenn man alleine auf der Bühne ist und den ganzen Abend selber tragen muss, ist das nicht nur anstrengend, weil man so viel machen muss, sondern man muss sich selber, das Publikum und alles Drumherum organisieren. Man muss selbst, während man eine Rolle spielt, immer den Fokus behalten wie es weiter geht, darf den roten Faden nicht verlieren, muss den Bogen führen und die Spannung halten. Das ist das Schwierigste, wenn man allein auf der Bühne steht. Wenn man bei AIDA auf der Bühne steht, wird man getragen von so einen schönen Bühnenbild, von so schöner Musik und natürlich den Kollegen. Wenn da mal etwas nicht klappt, lehnt man sich zurück und kann darauf vertrauen, dass die anderen einen schon tragen. Das Gerüst einer Großproduktion ist so tragfähig, dass dir nichts passieren kann.
Und das ist es, was mich bei meiner ONE MAN SHOW so reizt: Die Frage, wie weit kann ich gehen und wie sehr kann ich die Zuschauer dazu bringen, mit mir in bestimmte Sphären einzutauchen. Auch bei meiner ONE MAN SHOW gibt es ein Grundgerüst, ich weiß, worum es geht, habe meinen Text und feste Lieder in einer bestimmten Reihenfolge. Doch wo ich während der Show gerade bin, ob ich noch Text hinzufüge, oder eine Kleinigkeit weglasse und wie ich etwas sage, das ist freie Interpretation. Ohne mich vorher fest inszeniert zu haben, kann ich auf das Publikum eingehen. Der Vorteil ist, dass ich auf die Bühne gehen kann und auf bestimmte Reaktionen immer neu reagieren kann, das ist der Vorteil der ONE MAN SHOW. Ich kann das machen, was ich gerade fühle und das ist jeden Tag anders.

Grundlage erste Ausbildung als Chemikant

Musical-World: Zurück zu Deiner Ausbildung. Du bist auch Chemikant...

Patrick Stanke: Ich war bis zu meinem 16. Lebensjahr in der Realschule und habe die 10. Klasse abgeschlossen. Dann habe ich in einer Chemiefirma eine Ausbildung gemacht und habe parallel dazu im Theater gespielt. Meine Eltern und ich dachten, ich sollte auch etwas solides machen, obwohl mir damals schon immer klar war, dass ich Schauspieler und Sänger werden möchte. Mit 16 war ich für eine Sängerkarriere noch viel zu jung und deshalb habe ich als Grundlage die Ausbildung zum Chemikanten gemacht. Denn wenn es nicht so gelaufen wäre, hätte ich immer noch in der Chemie arbeiten können.

Auswahl zwischen teuren Privatschulen und staatlichen Schulen

Viele meiner Kollegen sind nicht auf staatlich geförderte Schulen, sondern auf Privatschulen gegangen, für die man ca. 800 Euro im Monat bezahlen muss, was ich mir mit 16 gar nicht leisten konnte. Natürlich gibt es auch Stipendien, doch die sind wirklich selten. Auch die Stageschool von Joop van den Ende in Hamburg ist so teuer. Eine Alternative hätte die staatlich geförderte Folkwang Hochschule in Essen  sein können, doch ich habe es in München probiert, weil die mir nach einer Broschüre, die ich gelesen hatte, am kompetentesten erschien. Ich habe nur dort vorgesungen und wurde gleich genommen – es sollte wohl so sein. Normalerweise singt man an solchen Schulen jahrelang vor, bis man mal genommen wird. Vielleicht bin ich einfach ein Glückskind: Bei mir hat so vieles auf Anhieb geklappt, dass es mir langsam echt unheimlich wird.

Acht Semester Ausbildung zum Diplom-Musicaldarsteller

Die Ausbildung dauert acht Semester, d.h. vier Jahre und endet mit einer Diplom-Prüfung. Ich bin Diplom-Musicaldarsteller, da es eine Kooperation mit der Münchener Hochschule für Musik und Theater ist. Zum Stundenplan gehörten z.B. montags von 9-11 Uhr Jazz-Dance, um 12 Uhr gab es zweimal die Woche Einführungsfächer wie Sprechunterricht, Gesangsunterricht  jeweils einzeln und in der Gruppe, dann zweimal zweieinhalb Stunden Ballett, Jazz-Dance, einmal die Woche Afro-Tanz, Stretching, Musiktheorie, Musicalgeschichte, Klavierunterricht und vieles mehr. Und man muss alle Fächer belegen! Du hast quasi Schulpflicht bei der man auch in allen Fächern erscheinen muss.
Man kann nicht in allen Fächern perfekt sein. Auf meiner Schule gibt es ein Probejahr nach dem die Leistungsdefizite festgestellt werden und hat man in seinen Problemfächern keine Fortschritte erzielen können, wird einem nahe gelegt, das Studium zu beenden. Das ist tatsächlich in meiner Klasse passiert, da musste jemand gehen. Wenn man nicht gut tanzen kann, hat man andere Stärken und das weiß man. Man ist auf der Schule, um das auszugleichen und man wird immer wieder in Zwischenprüfungen geprüft, wo man sich beweisen muss. Es geht eigentlich um das Wollen, etwas zu erreichen.

Musical-World: Mich hat überrascht, dass Du in der Oper als Tenor gesungen hast

Patrick Stanke: Ich habe nur im Ensemble gesungen – ich habe eher getanzt. Tatsächlich entwickelt sich meine Stimme aber gerade in diese Richtung, dass ich viele verschiedene Sachen singen kann: Musical, was Rock bedeutet, aber auch klassisches Musical und ich singe gerade Pucchini. Meine Stimme gibt das gerade her und AIDA in der Opernfassung wäre mal eine Abwechslung.

Musical-World: Einige Leser kennen das Leben auf einer Schule aus der ZDF-Fernsehserie STAGE FEVER...

Patrick Stanke: Das ist die Joop-Schule in Hamburg. Aber ich habe leider nie eine Folge gesehen. Eigentlich würde ich jedem diese Schule empfehlen, weil ich einige der Dozenten dort kenne. Aber während seines ersten Jahres, das ich für das wichtigste halte, von Fernsehkameras begleitet zu werden, finde ich gar nicht gut. Wie junge Menschen z.B. bei DEUTSCHLAND SUCHT DEN SUPERSTAR gedrillt werden, das passt nicht in mein Verständnis von dem, was man während der ersten Zeit lernen sollte. Das erste Jahr ist für einen Schüler so persönlich und wichtig,  wo man sich öffnet und zum ersten mal sagt: O.K., ich bin bereit, all das wegzulegen, meinen Brustkorb zu öffnen, mein Herz heraus zu nehmen und zu sagen, hier bitte, arbeite damit, aber geh vorsichtig damit um. Und wenn dann jemand sagt: „Du kannst das nicht, stell Dich nicht so an, sonst fliegst Du raus“, dann ist das nicht die Art von Unterricht, die ich erhalten habe und die wichtig ist für junge Schüler. Vom Fernsehen begleitet ist es eine ganz andere Arbeit, als wenn ich alleine mit meiner Sprecherzieherin lerne. Ich habe als Kind gestottert und ich habe mit meiner Sprecherzieherin über meine schlimmsten Stottererfahrungen meiner Kindheit geredet, die noch nicht einmal mein Vater kennt. Mein Schauspiellehrer kennt mich besser als meine Familie, er muss meine Fehler kennen, damit er genau dort ansetzten kann. Ich würde es niemandem zumuten wollen, das am Fernsehschirm zu zeigen und deshalb bin ich gegen diese Sachen.
Wenn man Schauspieler werden will geht es darum, sich selber kennen zu lernen. Wenn dich deine Lehrerin fragt, wie du dich fühlst, will sie kein einfaches „Gut!“ hören, sie will wissen, wie du dich FÜHLST. Kann man sich von innen fühlen? Man schließt die Augen, geht in seinen Körper hinein und legt die Hand an die Außenseite seines Körpers – das heißt, sich fühlen! Ist man bereit, sich zu fühlen? Das war für mich wichtig, dieses Gefühl für mich kennen zu lernen. Es gibt so viele Floskeln, die man an einem Tag einfach so sagt... Es ist wichtig, zu dem Gefühl zurückzufinden, wie es für ein Kind ist, das völlig nackt an einem Strand spielt und dem es egal ist, ob es gerade in den Sand pinkelt. Dieses Gefühl der Reinheit und der Ursprünglichkeit ist wichtig, das man sich nicht schämen muss, irgendetwas darzustellen. Wenn man sich selber kennt und weiß, wo seine Schwächen und seine Stärken sind, kann ich sagen, das ist Patrick und darauf lege ich den Radames. Dabei stellt sich die Frage, ob dann noch Patrick auf der Bühne steht und nicht zwei Stunden nur Radames. Dazu muss ich mich organisieren, d.h. ich führe keine andere Person und ich bin auch keine andere Person – ich bin ja nicht schizophren. Es gibt eine Grenze und ich weiß, wo ich stehe. Als Radames kann ich AIDA verachten, ich sehe in diesem Moment aber immer noch meine Kollegin, die ich sehr schätze. Es mag sein, dass andere Schauspieler sagen, sie „sind“ die Rolle, die sie gerade spielen. Das geht mir nicht so und ich habe das nicht so gelernt. Ich weiß, wie ich funktioniere und setzte darauf die Rolle auf und spiele sie mit meinen Erfahrungen und meinem Wissen. Es soll ja wirklich Kollegen geben, die nach einem Abend Mephisto erst mal zwei Stunden brauchen, bis sie wieder sie selbst sind, die ganze Zeit rumheulen und nicht Auto fahren können. Das wäre echt schlimm für mich, da ich bei Titanic und AIDA immer am Ende tot bin – ich freue mich wirklich auf ein Musical, bei dem ich zum Schluss nicht sterbe!
Ich habe die erste Staffel DEUTSCHLAND SUCHT DEN SUPERSTAR schon verfolgt. Die ganze Cast von TITANIC hat hinter der Bühne im Greenroom die Serie geguckt, wenn sie nicht auf der Bühne waren. Judith Lefeber ist jetzt meine neue Kollegin, aber ich kenne sie noch nicht wirklich. Wir werden erst in der nächsten Woche gemeinsam proben. Momentan proben Bernhard Focher und Judith gemeinsam, sie sind das Hauptpaar und müssen miteinander klarkommen. In der nächsten Woche arbeite ich zum ersten Mal überhaupt mit dem Regisseur zusammen! Ich spiele jetzt seit einem Jahr den Radames und habe noch nie mit dem Regisseur zusammen gearbeitet. Mir wurde nur gezeigt, wo ich stehen muss und was ich wann sagen muss. Der gesamte schauspielerische Bogen, den ich mache, stammt von mir. Das kommt daher, dass ich zu Probezeiten von AIDA noch bei TITANIC auf der Bühne stand. AIDA hatte am 5. Oktober Premiere und ich habe bis zum 4. Oktober noch TITANIC gespielt. Als ich anfing zu proben, war der Regisseur nicht mehr da.

Musical-World: Schon während Deiner Ausbildung hast Du in TITANIC gespielt. Wie ist es dazu gekommen?

Patrick Stanke: Wir haben in unserem ersten Schuljahr striktes Aufführungsverbot und man darf nicht zu einem Vorsingen. Aber ich bin ja total frech und habe einfach für TITANIC vorgesungen. Ich wollte einfach wissen, wie weit ich schon bin und wie weit ich es schaffe. Mir war einfach langweilig. Ich wusste, was die Lehrer von mir wollten und mir war klar, dass diese Periode, in der man auf vieles verzichten muss, für mich wichtig war. Aber ich war so bereit, ich hatte Pfeffer im Arsch, ich wollte einfach raus, um herauszufinden, wo ich stehe. Und dann war ich im Final Callback für den Barrett und dachte mir, jetzt wird es aber wirklich ernst! Ich bin dorthin gegangen und habe all die großen Musicaldarsteller gesehen, die da waren – alle super wichtig und der kleine Patrick aus Wuppertal mitten drin. Dann dachte ich mir, jetzt bin ich hier, jetzt nehme ich die Schale mit nach Hause. Dann habe ich das Angebot bekommen und musste meiner Schulleitung beichten, dass ich vorgesungen habe. Nach langem Hin und Her habe ich mir ein Freijahr genommen. Danach sollte ich das Jahr wiederholen, was ich völlig schwachsinnig fand, da ich in meinem TITANIC Jahr mehr gelernt habe, was ich je auf der Schule hätte lernen können. Schließlich wurde mir das Jahr doch angerechnet und ich musste nur noch mein letztes Jahr absolvieren, was ich parallel zu AIDA gemacht habe und im Mai 2004 war ich dann fertig. Während der Zeit bei TITANIC hatte ich eine Aufgabe und nie das Gefühl, noch nicht fertig ausgebildet zu sein. Ich hatte ein Ziel und viele Leute, die mich dahin begleitet haben. Dadurch habe ich mich sicher und „berichtigt“ fühlen können, d.h. es gab immer jemanden, der mir zeigte, wo es langging. Die Verantwortung, in einer solchen Show zu spielen, ist enorm hoch. Und jemanden aus der Schule herauszuholen und zu sagen, hey, spiel mal hier eine Hauptrolle mit all den Plakaten mit deinem Körper, die überall in Hamburg herumhingen, damit muss man umzugehen lernen. Da ist es wichtig, jemanden zu haben, der Dir sagt, wenn Du jetzt hier abdrehst, kannst Du morgen nach Hause gehen. Und genauso wichtig für die künstlerische Seite ist es, jemanden zu haben, der Dir sagt, das geht schauspielerisch in die richtige Richtung und das ist falsch.
Im Nachhinein merke ich doch, dass mir ein Jahr in meiner Ausbildung fehlt! Ich habe im Schauspielunterricht nur eine einzige Rolle erarbeitet. Ich habe in meinem ganzen Leben nur einmal Tschechow gespielt, d.h. mir fehlt das schauspielerische Training. Deshalb arbeite ich jetzt nebenbei mit Schauspielern, die mir dabei helfen, diese Lücken zu füllen. Ich mache viel aus Instinkt aus dem Bauch heraus. Die meisten Entscheidungen, die ich treffe, schauspielerisch auf der Bühne, sind meistens richtig, aber es fehlt dem noch an Spitze, an Genauigkeit, wo ich mich darauf verlassen kann. Wenn ich mich mal nicht so wohl fühle, dann fühle ich mich in der Rolle auch anders, was mich leicht irritiert.

Musical-World: Wie läuft ein großes Casting ab? Ist das so wie bei A CHORUS LINE?

Patrick Stanke: Es ist nicht so unfair wie im Film. Im Film werden 1000 Leute eingeladen, die dann alle warten müssen. In Deutschland ist alles sehr koordiniert. Man hat einen Vorsing-Termin, wie ich vor kurzem für DIE 3 MUSKETIERE, da fährt man für einen Tag hin, muss um 16:00 Uhr da sein, sieht, wer vor einem gerade dran war und gerade herauskommt oder wer nach Dir dran ist und schon wartet. Du gehst rein, singst Deinen Song und gehst wieder. Und dann bekommt man ein Callback mit einem Termin von 13:00 bis 17:00 Uhr. Dann gibt es Wartezeiten, in denen verschiedene Leute ausprobiert werden und wo mit Leuten gearbeitet wird. Und es werden Kombinationen erstellt, um zu sehen, wer mit wem am besten harmoniert – das kann schon ziemlich lange dauern. Beim letzten Final Callback sind schließlich alle da, die ausgewählt wurden. Aus drei bis vier Personen für eine Rolle wird dann die Hauptbesetzung und der alternierende Cast gewählt und der vierte kann dann meist gehen, weil er nicht gebraucht wird...

Musical-World: Was tut man, wenn man bei einem Casting durchfällt?

Patrick Stanke: Dann gibt es so Sprüche wie: „man kann nicht immer gewinnen!“. Es gibt auch Alternativen. Ich gebe z.B. auch Gesangsunterricht, obwohl ich kein Gesangslehrer bin. Ich bin Sänger und ich zeige den Leuten, wie ich es machen würde. Seit langer Zeit schon bereite ich junge Solotalente für die Aufnahmeprüfung an Musicalschulen vor. Ich singe mit denen ein paar Songs und sehe mir an, welche Schauspielszenen die machen könnten. Ich habe einige Gesangsschüler und gebe Musical-Workshops in Schulen in Wuppertal und Umgebung. In Schwelm in einer Schule unterrichte ich ein halbes Jahr lang dreimal die Woche zwölf Jungs und Mädels und mache das ebenfalls an einer Wuppertaler Gesamtschule der siebten bis zehnten Klasse. In Schwelm hatte ich 15 Interessenten, doch ich brauchte nur acht. Ich habe sie getestet, wir haben zusammen etwas gesungen und wenn ich merke, dass da jemand einfach null Bock hat und einfach nur dem Mathematik-Unterricht fernbleiben will, sage ich schon, dass er gehen muss. Dieser Unterricht wird von der Schule organisiert, auf die ich früher gegangen bin mit demselben Direktor und Klassenlehrer, die ich damals hatte und die sind sogar richtig stolz.

Musical-World: Auf der Titanic-CD bist Du auch vertreten. Wie war die Arbeit im Tonstudio?

Patrick Stanke: Das war für mich nichts Neues. Zuhause habe ich selber ein kleines Tonstudio. Das kam ganz automatisch, wenn man wie ich bereits mit acht Jahren beginnt zu singen und obendrein noch einen musikalischen Bruder hat, der mit dir Gitarre spielt und eigene Songs schreibt. Ich habe in mindestens fünf verschiedenen Bands gesungen, in eigenen Bands und Schulbands. Dadurch sammeln sich einfach Sachen an. Ich habe drei E-Gitarren, zwei akustische Gitarren, Aufnahmegeräte, eben solche Sachen, die man sich anstatt Playmobil-Sachen mal gewünscht hat.
Eine CD-Aufnahme hat immer zwei Seiten. Es muss alles sehr schnell gehen und es ist nur für den Moment. Außerdem wird es vor der Premiere aufgenommen, d.h. der gesamte Entwicklungsprozess zu Deiner Rolle, die dir mit der Zeit immer klarer wird, immer echter und realer, hat zu dem Zeitpunkt der CD-Aufnahme noch gar nicht stattgefunden. Viele Sachen, die man erst mit der Zeit entwickelt, kommen da noch gar nicht rüber und im nachhinein sagt man sich, so war das eigentlich gar nicht gemeint. Der Vorteil an einem Long-Run-Musical ist, dass du die Zeit hast, immer mehr über deine Rolle zu erfahren und dieser Person immer näher kommst. Einen Film dreht man ab und dann ist er fertig...
Eine Rolle kann mit der Zeit schon langweilig werden, dann muss man sich zusammen reißen. Aber der Reiz ist, dass du durch Prozesse gehst und denkst: wie kriege ich das hin und plötzlich spielst du acht Shows pro Woche und dir wird klar, was du erreichen kannst, wenn die Rolle sitzt.

Musical-World: Aber Musical ist schon Deine große Leidenschaft? Oder könntest Du Dir auch vorstellen, eine Band zu gründen?

Patrick Stanke: Musik ist meine Leidenschaft, würde ich sagen. Eigentlich bin ich ein Rocker. Es gibt momentan Pläne, dass für mich ein bekannter Mensch Songs schreibt. Wir haben überlegt, ob es bei einem Album schon wieder eine CD von einem Musicaldarsteller sein soll, der schon wieder Musicalsongs aus JEKYLL & HYDE singt, schon wieder die gleichen Arrangements, nur mit einer anderen Stimme, und das fanden wir langweilig. Entweder wir machen tatsächlich Musical, aber dann mit neuem Arrangement in Jazz oder Rock, oder wir machen komplett etwas Neues mit eigenen Songs. Und in diesem Stadium sind wir jetzt. Es ist schon eine wichtige Entscheidung, ob Musicalalbum oder komplett etwas Neues. Aber die große Masse kennt Patrick Stanke doch gar nicht. Es wird immer alles so hochgespielt im Musicalbusiness, aber im Endeffekt sind wir alle nur Menschen, die Theater spielen. Schon hundert Metern vom Theater kennt mich keiner mehr... Bei TITANIC war es in Hamburg etwas anders, da war ich überall mit freiem Oberkörper als Heizer Barrett plakatiert. Es gab echt Momente, da konnte ich nicht mehr bei H&M einkaufen, da kamen die Mädels und haben Autogramme gewollt. Da halfen dann nur noch Cappi und Brille.

Musical-World: Warum gibt es in Deutschland nicht mehr deutsche Musicaldarsteller? Ist es nicht auch ein Qualitätsmerkmal, die Sänger auf der Bühne perfekt verstehen zu können?

Patrick Stanke: Natürlich ist das ein Zeichen von Qualität. Wenn man sich Starlight Express anhört, hört man genau, wo etwas fehlt. Wenn ein deutscher Darsteller in Amerika so arbeiten würde, würde er nie einen Job bekommen. Es liegt daran, dass das Musical aus dem fremdsprachigen Raum kommt, ursprünglich aus Amerika, und wir in Deutschland hinken da mit unserer eigenen Ausbildung noch etwas hinterher. Deswegen sind die Schulen auch so wichtig. An unserer Schule hatten wir 2004 nach acht Semestern erst den fünften Abgängerjahrgang, was ungefähr erst 40 Darstellern entspricht. Wir sind noch gar nicht soweit.
Bei unseren Nachbarn, den Holländern ist das etwas anders. Wenn du dort Musicaldarsteller bist, bist du gleich ein Star, vergleichbar mit einem Star aus „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. „Caught In The Act“ ist eine holländische Pop-Gruppe, die in Holland niemand kennt. Nur Bastian Raagas ist durch seine TV-Auftritte berühmt geworden und ist gleich der Musicalstar Nummer 1 in Holland geworden. Ich sehe in Bastian aber keinen Radames für AIDA – ich hätte ihn niemals für diese Rolle besetzt. Seine Stimme hat unter dieser Rolle auch sehr gelitten. Wenn man nicht genau weiß, was man tut, kann man sich sehr schnell seine Stimme ruinieren. Wenn man die 4 cm Schleimhaut falsch belastet, ist die schnell kaputt.

Musical-World: Du bist momentan sehr erkältet, was man Dir auf der Bühne aber nicht angemerkt hat!

Patrick Stanke: Man lernt, mit solchen Situationen umzugehen. Meine Nase ist total zu, aber ich habe Glück, dass die Erkältung nicht auf der Stimme sitzt. Meine Stimme ist frei, obwohl meine Nase die ganze Zeit auf der Bühne lief. Wenn es nicht mehr geht, spricht man mit dem Menschen am Ton und bittet ihn, das Mirko abzuziehen, wenn ich nicht rede, damit ich die Nase hochziehen kann. Ich hatte mal Durchfall, vor der Vorstellung und danach – aber auf der Bühne ist der einfach weg. Da werden Energien umgeleitet und plötzlich kann man ganz normal spielen, als wäre alles in Ordnung. Das kann man nicht lernen, das ist einfach so. 

Musical-World: Sind Engagements in Grosstädten für Dich als Musicaldarsteller wichtig, oder würdest Du auch eine kleine Produktion auf dem Lande machen?

Patrick Stanke: Nun, da gibt es auch zwei Seiten. Grosse Produktionen bringen Dir immer ein großes Gehalt. Und je mehr Geld Du verdienst, umso mehr musst Du arbeiten. Andererseits: je kleiner, desto schöner. Weil Du dann immer mehr der eigene Organisator wirst und auch eine Menge von Dir persönlich einbringen kannst. Ich komme vom kleinen Theater und will da auch gerne wieder hin – in welcher Form auch immer.

Musical-World: In Deiner Soloshow CODA spielst Du einen Mann, der sich viele Gedanken macht. Diese One-Man-Show hast Du als Diplomprüfung selbstständig erarbeitet. Um was geht es da genau?

Patrick Stanke: Coda ist der Schlussteil eines Musikstückes; nach allen Strophen und Refrain steht in den Noten schließlich „to coda“ und das ist der letzte Schlussteil, der einen Song beendet. Es geht um einen Mann, der nicht mehr schlafen kann, seit sein Freund Jack gestorben ist. Und er geht zum Arzt und erklärt, wie er Jack kennen gelernt hat, was sie gemeinsam erlebt haben und wie schließlich alles aus dem Ruder gelaufen ist, als er erkennt, dass Jack ein kleines Mädchen vergewaltigt hat. Er hält ihm eine Waffe an den Kopf und erkennt im letzten Augenblick, dass er die Waffe an seinen eigenen Kopf hält. Er merkt, dass er selber Jack ist und sich selbst erschossen hat – er leidet nicht unter Schlaflosigkeit, sondern ist tot...
Inspiriert dazu haben mich Filme wie „Fight Club“ und „The 6th sense“. Ich liebe Filme mit überraschendem Ende, die nicht gradlinig erzählt werden und die durch die Zeiten springen. Filme, bei denen man nachdenken muss und die den Zuschauer total überraschen, weil der Regisseur es schafft, den Betrachter in die Irre zu leiten und auf eine Lösung führt, die aber dann noch viel, viel weiter geht! So etwas finde ich toll. Ich würde auch sehr gerne mal Regie führen – daher auch die Projekte, die ich mache mit den Schülern. Ich habe für das TiC-Theater in Cronenberg in Wuppertal den Auftrag bekommen, ein Queen-Musical zu schreiben. Es gibt ja schon ein Queen-Musical mit einer fiktiven Geschichte, das die Queen-Songs beinhaltet. Ich schreibe an einer Autobiographie über Freddy Mercury und seiner Musik und das werden wir auch 2005 oder 2006 inszenieren. Es wird keine Großproduktion wie in Köln, sondern nur etwas Kleines für 100 Zuschauer pro Abend.

Musical-World: Wie wichtig ist die Unterstützung durch die Familie?

Patrick Stanke: Ohne Familie würde es mich als Musicaldarsteller gar nicht geben! Was nicht bedeutet, dass meine Familie immer bei allem dabei ist und alles für mich tut; das war, auch finanziell, gar nicht möglich. Es gibt nicht viele Freunde in dem Business, man hat zwei Fans und zehn Feinde, das ist die Relation und da ist die Familie, die dir Rückhalt gibt, besonders wichtig. Natürlich sind auch die Fans wichtig, denn ohne Fans wäre das Musical wie Al Bundy ohne eingespielte Lacher. Für mich ist es wichtig, jemanden zu sehen, den ich für meine Arbeit begeistern kann, dass im Zuschauerraum Leute sitzen, die sich freuen, dass ich auf der Bühne stehe. Dann weiss ich, dass ich etwas richtig mache. Außerdem bekomme ich so viel Energie von denen, die die Show unterstützen, dass mir Fans total wichtig sind. Es gibt auch unangenehme Sachen, z.B. samstags morgens vor der ersten Show Fotos machen, ist für mich die Hölle, da hab ich noch ganz zugequollene Augen und frage, ob sie solche Fotos von mir haben wollen, da lasse ich immer die Sonnenbrille auf. Dass Fans vor der Bühnentür auf dich warten ist witzig und wichtig. Das ich jetzt einen eigenen Fanclub habe, ist ganz automatisch passiert, da konnte ich gar nichts gegen machen. Es gibt plötzlich viele Leute, die an Patrick Stanke interessiert sind und was der so macht. Ganz viele Mädels möchten deinen Fanclub leiten. Ich habe eine Ausschreibung gemacht und wollte ein Konzept sehen. Danach habe ich das beste Konzept gewählt und jetzt leitet die Steffie mit viel Kompetenz meinen Fanclub.

Musical-World: Wie wichtig ist es für einen Darsteller, dass er sich mit der Rolle identifizieren kann? Würdest Du jede Rolle spielen?

Patrick Stanke: Ich glaube, dass es gar nicht in meiner Hand liegt, was ich spiele. Man bewirbt sich und der Regisseur sieht dich in irgendeiner Rolle. Und wenn man nicht mit ihm konform geht, muss man sich fragen, warum der Regisseur dich in dieser Rolle sieht. Dann denkt man sich, klar, das ist genau mein Typ, oder man denkt sich, das ist eine ganz andere Richtung, wie ich eigentlich bin, und das wird dann die Herausforderung. Wenn der Regisseur meint, ich wäre der neue Zoser, dann würde ich ab morgen den Zoser anstatt den Radames spielen. Dann suche ich mir Facetten in der Rolle, die zu mir passen, die ich einbringen kann und versuche so, den Zugang zu finden.

Musical-World: Ist es von Vorteil, ein Musicaldiplom zu haben?

Patrick Stanke: Ich glaube nicht. Für mich hat sich dadurch nichts geändert. Für einen selber bedeutet es schon etwas. Das, was ich mache, ist staatlich geprüft und ich bin qualifiziert, an einer Schule Musical-Workshop oder Gesangsunterricht zu geben. Das kann ich durch mein Diplom behaupten und das gibt dir den Mut, es auch zu tun. Das habe ich studiert und das kann ich nachweisen. Ich würde nie für eine Audition mein Diplom mitschicken, das wäre Schwachsinn und das interessiert auch niemanden. Es gibt einen Lebenslauf, in dem detailliert steht, was man bisher gemacht hat mit den entsprechenden Bildern. Das macht alles meine Agentin und sie sucht sogar die Stücke aus. Ich bin nur derjenige, der singen kann und dorthin geht und versucht, die Leute zu überzeugen. Wenn mich meine Agentin in der Rolle des Todes in Elisabeth für Stuttgart sieht, gehe ich zur Audition und gebe mein Bestes. Oder aber, die Produzenten rufen meine Agentin an und wollen mich für eine bestimmte Rolle zum Vorsingen einladen, damit es demnächst wieder heißt: Bühne frei für Patrick Stanke!

© Interview & Fotos by Stephan Drewianka

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