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„Von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen“ - Uraufführung beim 19. Brüder Grimm Festival auf der Seebühne im Kasseler Park Schönfeld
Grimms Gruselmärchen
Es gibt Menschen, die zahlen Geld dafür, sich zu gruseln: Geisterbahn, Horrorfilm oder die letzte Mahnung vom Finanzamt. Und dann gibt es Käthe Schüssler, die das Gruseln partout nicht hinbekommt und genau das kurzerhand zu ihrem Lebensziel erklärt. Das Brüder Grimm Festival Kassel verhilft dieser furchtlosen, jungen Dame zur Uraufführung in der musikalischen Variante des relativ unbekannten Grimm’schen Märchens unter der Regie von Rüdiger Canalis Wandel und dem Buch von Christoph Steinau und Lena Baumgarte. Die Vorlage ist ein echter Grimm-Klassiker. „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ erzählt von einem Burschen, der schlicht nicht weiß, was Gänsehaut ist, drei Nächte in einem Spukschloss verbringt und am Ende trotzdem nicht das Gruseln lernt. Erst als ihm seine frisch angetraute Gemahlin einen Eimer kaltes Wasser samt zappelnder Elritzen über den schlafenden Leib schüttet, entfährt ihm das erlösende „Hu, wie mich gruselt!“. Kassel dreht elegant am Geschlechterrad, und aus dem furchtlosen Burschen wird die quirlige Käthe. Ein Mädchen, das keine Angst kennt und nicht auf einen Prinzen wartet, sondern loszieht, um das Fürchten zu erlernen. Die Vorlage bekommt so einen frischen und zeitgemäßen Anstrich.
Handlung Von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen
Die unbekümmerte Käthe treibt ihren Vater Rudi mit ihrer Furchtlosigkeit an den Rand der Verzweiflung. In der Hoffnung, die ungestüme Tochter möge endlich zur Vernunft kommen, gibt er sie in die Obhut des Küsters Gottlieb und dessen resoluter Gattin Hildegard. Doch das konservative Ehepaar hat die Rechnung ohne Käthe gemacht: Nach wenigen Szenen sind Gottlieb und Hildegard reif für die Kur und einen verwegenen Plan. Dieser Plan hört auf den herrlichen Namen Graf Prahl von Ungedanken. Der finstere Nachbar betreibt mit einer chaotischen Gauklertruppe ein reichlich heruntergekommenes Gruselschloss, in dem Käthe drei schaurige Nächte verbringen soll. Was folgt, ist ein Fest für alle, die schon immer wissen wollten, wie sich ein Grimm-Märchen anfühlt, wenn man es mit einer gut sortierten Ü40-Party kreuzt: Statt lieblicher Märchenweisen fährt die Produktion eine wunderbar respektlose Hitparade auf, von Sweet und Kiss über Metallica bis hin zu Michael Jackson, Blondie und den Spice Girls. Wenn die Gauklertruppe im Gruselschloss zwischen Hardrock-Riff und Girl-Group Power performen, wird aus dem Schauerstück eine musikalische Geisterbahn mit Ohrwurm-Garantie. Während das Original noch mit wandelnden Toten und fliegenden Kegelkugeln aufwartete, setzt Kassel auf ein Kabinett schräger Gestalten, die eher an ein aus dem Ruder gelaufenes Betriebsfest erinnern als an ein Geisterschloss. Jede Nacht überbietet die vorige an liebenswertem Unfug, und je mehr sich die Gauklertruppe abmüht, der wackeren Käthe einen Schauer über den Rücken zu jagen, desto herzhafter lacht das Publikum. Gruseln, so die augenzwinkernde Moral, ist eben auch eine Frage der Perspektive und des Musikgeschmacks.
Die Brüder Grimm und das Wetter
Die Brüder Grimm haben rund drei Jahrzehnte in Kassel gelebt und hier den Großteil ihrer Märchen gesammelt und aufgeschrieben. Grimm in Kassel zu spielen ist also so naheliegend wie Mozart in Salzburg, nur mit mehr Mückenschutz. Denn gespielt wird vom 2. Juli bis 9. August 2026 zum 19. Mal unter freiem Himmel auf der Seebühne am Schönfelder Märchenteich. Wenn hinter der Bühne die Dämmerung übers Wasser kriecht, braucht es kaum eine Nebelmaschine. Unberechenbarer Mitspieler bleibt das nordhessische Wetter, das an diesem Premierenabend ein Einsehen hatte und die angedrohten Regencapes im Rucksack beließ. Dass das Festival seit inzwischen fast zwei Jahrzehnten Sommer für Sommer ein Grimm-Märchen im neuen Gewand auf die Seebühne bringt, ist längst gute Kasseler Tradition und passt in eine Stadt, die mit der GRIMMWELT ihren berühmtesten Söhnen ein ganzes Museum gewidmet hat.
Spielfreudiges Ensemble und Live-Band
Getragen wird der Abend von einem spielfreudigen Ensemble mit Anja Dorrer (die furchtlose Käthe Schüssler), Daniele Nonnis (der kauzige Graf Erebus Prahl von Ungedanken und Käthes Vater Rudi Schüssler), Dominic Jarmer (aus der Art geschlagener Grafen-Sohn Amadeus Prahl), Inga Jamry im Wechsel mit Jessica Krüger (Käthes Bruder Siggi und Prahls Assistentin Adiata Schimpf), Adrian Kroneberger (Küster Eckart Schmollinski, genannt Gottlieb), Sabine Guth (Ehefrau Hildegard Schmolinski), Annabelle Nebe (Pipi) und Katharina Martin (Fax), das mit hörbarer Spiellust eine gute Balance zwischen Kinderaugen-Verzauberung für die jüngeren und kurzweiliger Unterhaltung mit Augenzwinkern für die erwachsenen Zuschauer erhält. Die junge Titelheldin spielt ihre Käthe mit überzeugender Furchtlosigkeit, während das Küster-Ehepaar seine Verzweiflung in komödiantische Bahnen lenkt. Ein Sonderlob gebührt dem Grafen Prahl von Ungedanken und seiner Gauklertruppe, die aus jedem Schreckmoment eine kleine Slapstick-Nummer zaubern. Für den nötigen Wumms sorgt die Live-Band um Harry Stingl, Léonie Scharfe, Christian Friedrich Lang beziehungsweise Christian Svenson und Christian Schneider, die den Stilbruch zwischen Metallica und Spice Girls hörbar genießen.
Unterhaltsame Märchen-Adaption
Am Ende bleibt die Frage aller Fragen: Lernt Käthe das Fürchten? Verraten sei nur so viel, der Weg dorthin ist deutlich vergnüglicher und der Grund des Grusels nachvollziehbarer als ein Eimer kaltes Wasser mit Elritzen. Das Brüder Grimm Festival hat wieder einmal einen unterhaltsamen Sommerabend spendiert, der nicht nur Kinder ab sechs verzaubert, sondern auch die Eltern zum Mitsummen verführt. Das Einzige, wovor man sich in Kassel fürchten muss, ist, dass die Vorstellung schneller vorbei ist, als einem lieb ist. Doch im nächsten Jahr zum 20. Festival-Jubiläum feiert eine neue Märchen-Musicaladaption an gleicher Stelle seine Uraufführung.
© Text und Fotos: Stephan Drewianka; dieser Bericht erschien ebenfalls in der Zeitschrift Blickpunkt Musical, Ausgabe












