Die Weihnachtsglocken (c) Toni Burkhardt
Die Weihnachtsglocken (c) Toni Burkhardt
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Die Weihnachtsglocken - Musical-Uraufführung 2025 im Theater im Anbau des Theaters Nordhausen

Arm und Reich in Charles Dickens anderer Weihnachtsgeschichte

Jedes Jahr zur Weihnachtszeit touren gleich mehrere Versionen von Charles Dickens „A Christmas Carol“ als Musical durch deutsche Theater. Dabei zieht die rührselige Geschichte um den schließlich geläuterten Geizhals Ebenezer Scrooge als „Der Geist der Weihnacht“ oder „Eine Weihnachtsgeschichte“ viele Besucher aller Altersklassen an und beschert den Theatern ausverkaufte Vorstellungen. Dabei schrieb Charles Dickens in den Jahren 1843-1848 neben weiteren Kurzgeschichten gleich fünf weihnachtliche Hauptwerke als Auftragsarbeiten. „The Chimes“, auf Deutsch erschienen als „Die Silvesterglocken“, war 1844 der zweite Roman dieser Reihe und erzählt die wenig bekannte Geschichte des Dienstboten Toby Veck, der seit dem Tod seiner Frau Audrey mit seiner Tochter Meg ein Leben in Armut und voller Entbehrungen am gesellschaftlichen Abgrund führt. Toby findet etwas Trost im Klang der Kirchenglocken und im Plan seiner Tochter, zu Weihnachten ihren geliebten Verlobten Richard zu heiraten. Doch Begegnungen mit der höheren Gesellschaft in Gestalt des verächtlichen Friedensrichters Alderman und dem Regierungsmitglied Bowley, die den Abschaum der Armen am liebsten komplett aus ihrer Stadt verbannen möchten, erschüttern Toby in seiner Weltanschauung und er verliert völlig den Glauben an das Gute. Er verfällt in einen Albtraum, in dem er die düstersten Zukunftsbilder aller Menschen, die er liebt, miterleben muss, als Strafe der Weihnachtsglocken für seine Mut- und Hoffnungslosigkeit. Geläutert erwacht Toby und erkennt, dass Mitgefühl und Verantwortung nötig sind, um die Welt zu verbessern.

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Entstehung des Musicals Die Weihnachtsglocken

Daniel Klajner, seit 2016 Intendant am TN LOS! (Theater Nordhausen/Loh-Orchester Sondershausen) und Schöpfer des Luther-Musicals „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders“ und des Singspiels „Der Stern von Bethlehem“ sowie Mitverfasser des Librettos zur Oper „Kain und Abel“, adaptierte Dickens Vorlage zu seiner Musicalversion von „Die Weihnachtsglocken“, für die er das Buch, Songtexte und Musik verfasste. Sein Klangteppich, den das Loh Orchester Sondershausen philharmonisch interpretiert, unterlegt die Handlung mit einem dramatischen und düsteren Score, der an epische Filmmusik erinnert. Er bedient sich vieler Musikstile von intimen Balladen, thematisch wiederkehrenden Kinderliedern, aber auch Jazz und Tango, wobei er seine Darsteller meist sehr klassisch singen lässt, was der Textverständlichkeit manchmal im Weg steht. So bleiben viele Songs nicht lange im Gedächtnis, tragen jedoch die Handlung, die sich nah an der Buchvorlage orientiert, bis zum erlösenden Finale, das dann doch etwas Hoffnung bereithält. Eine Ausnahme stellt ein Gute-Laune-Uptempo Song dar, der sich als Ohrwurm fest einbrennt, obwohl gerade dieser Song textlich eher banale Reime bietet.

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Regie, Rollen und Darsteller

Ivan Alboresis Regie zeichnet die Figuren aus den zwei Lagern sozialer Ungleichheit zwischen Armut und Adel detailverliebt und facettenreich. Alen Hodzovic ist ein desillusionierter Toby, der sich zu leicht in sein Schicksal ergibt, aus dem es aus seiner Sicht niemals ein Entrinnen gibt, egal wie sehr er sich auch bemüht. Jeanette Wernecke agiert dabei mit klassischer Gesangsstimme als omnipräsenter Geist seiner verstorbenen Frau Audrey, die ihm zunächst aber auch keinerlei Hoffnung, sondern nur Trauer bringt. Ganz anders Jeannine Michèle Wacker als seine Tochter Meg, die mit jugendlicher Energie von einer rosigen Zukunft mit ihrem Verlobten Richard (Florian Tavic) träumt, die Toby in seinem Albtraum ins genaue Gegenteil verkehrt. Dieselbe positive Energie verströmt die immer gut gelaunte Juliane Bischoff, die als Vermieterin Anna Chickenstalker durch ihre liebevolle Impulsivität so manchen Lacher in der ansonsten doch sehr düsteren Handlung schafft. Ebenfalls auf der Verliererseite stehen Landarbeiter Will Fern (Jörg Neubauer) mit seiner jungen Nichte Lilly (Yuval Oren), die obdachlos von den Vecks aufgenommen werden, denen in Tobys Albtraum allerdings Schicksale in der Prostitution und dem Tod drohen. Auf der schillernden Seite der reichen Adligen stehen Marian Kalus als Friedensrichter Alderman und Thomas Kohl als Parlamentsabgeordneter Sir Bowley mit seiner hochnäsig-schrillen Frau Mylady (herrlich überzeichnet Hyun Seon Kang). Selbst Marvin Scott als Sekretär Fish, Yavor Genchev als Pförtner Tugby und Jens Bauer als Staatssekretär Filer haben nur Verachtung für den Boten Toby übrig, obwohl sie selbst eine Stufe unterhalb ihrer Herrschaften stehen und eigentlich für Tobys Armut Verständnis haben sollten.

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Bühnenbild und Kostüme

Das geniale Bühnenbild eines winterlichen Londons von Wolfgang Kurima Rauschning macht aus der kleinen Bühne der Interims-Spielstätte im Theater im Anbau einen Augenschmaus. Zwei drehbare Glocken beherbergen in ihrem auf der Rückseite offenen Inneren diverse Spielorte wie die armselige Unterkunft der Vecks oder das exklusive Wohnzimmer der wohlhabenden Gesellschaft. Und wo goldverzierte Tapeten mit Kronleuchter auf rohe Bretterwandverschläge treffen, überzeugen auch die Kostüme von Anja Schulz-Hentrich, die Elend und Reichtum des viktorianischen Londons eindrucksvoll zum Leben erwecken.

Ausverkaufte Vorstellungen - Ein neuer Weihnachtsklassiker?

Die 12 Vorstellungen von „Die Weihnachtsglocken“ zwischen dem 12.12. und 28.12.2025 waren bereits vor der Premiere restlos ausverkauft, ein sicheres Indiz dafür, dass es ein interessiertes Publikum für Charles Dickens Weihnachtsmusicals gibt. Wer aber eine vergnügliche, familientaugliche und unbeschwerte Geschichte erwartete, wurde in Nordhausen möglicherweise enttäuscht, da diese Weihnachtsglocken scharfe Sozialkritik in einem sehr düsteren Handlungsrahmen statt positiver Weihnachts-Vibes verbreiten. Aber vielleicht weckt gerade dies auch das Interesse anderer Theater an diesem Musical. Man darf gespannt die Geister zukünftiger Weihnachten befragen, ob „Die Weihnachtsglocken“ sich in der Adventszeit zu einem ähnlichen Dauerbrenner etablieren, wie die „andere“ Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens und das eventuell über die Thüringer Landesgrenzen hinaus. 

© Stephan Drewianka

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