Peter Pan Kassel © Sylwester Pawliczek
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Spielplan der aktuellen Musicals und Musical-Premieren im JuliJuniMaiApril

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Something Rotten! - Deutsche Erstaufführung des Musicals bei den 75. Bad Hersfelder Festspielen

Hamlet? Omelett! Oder wie in der Stiftsruine das Musical! erfunden wurde

Sein oder Nichtsein? Hamlet oder Omelett? Wer in diesem Festspielsommer nach Bad Hersfeld pilgert, bekommt auf die wohl berühmteste Frage der Theatergeschichte eine erstaunlich eierlastige Antwort. Mit „Something Rotten!“ feierte am 27. Juni 2026 die Deutsche Erstaufführung des Broadway-Erfolgs in deutscher Sprache in der Stiftsruine Premiere, und selten hat es sich so gelohnt, dass in einer ehrwürdigen Klosterruine sprichwörtlich etwas „faul“ ist. Denn was die 75. Bad Hersfelder Festspiele hier zum Jubiläum auffahren, ist nichts weniger als eine gut zweistündige Liebeserklärung an das Musical selbst mit Federhut, Pluderhose, Steppschuhen und einer ordentlichen Portion Renaissance-Rock’n’Roll.

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Ein Brüderpaar gegen Shakespeare

Dass ausgerechnet ein Brüderpaar dem größten Dramatiker aller Zeiten ans Wams wollte, hat dabei eine hübsche Doppelbödigkeit, denn auch hinter dem Stück steckt ein Brüderpaar: Wayne Kirkpatrick, Grammy-prämierter Songwriter, der unter anderem Eric Claptons Welthit „Change the World“ mitschrieb, und sein Bruder Karey, in Hollywood als Drehbuchautor („Per Anhalter durch die Galaxis“, „Ab durch die Hecke“) erfolgreich, trugen die Grundidee mehr als zwanzig Jahre mit sich herum: Was wäre eigentlich, wenn das erste Musical! der Geschichte nicht am Broadway des 20. Jahrhunderts entstanden wäre, sondern im elisabethanischen London als verzweifelter Versuch zweier Underdogs, dem übermächtigen William Shakespeare Konkurrenz zu machen? Gemeinsam mit dem britischen Comedy-Autor John O’Farrell („Mrs. Doubtfire“-Musical!) goss das Trio diese Idee in ein Buch, das am 22. April 2015 am New Yorker St. James Theatre Premiere feierte, zehn Tony-Nominierungen einheimste (Christian Borle gewann die Trophäe als bester Nebendarsteller für seinen Shakespeare) und vom Magazin „Time Out“ kurzerhand zum „witzigsten Musical! seit mindestens 400 Jahren“ erklärt wurde. Wer will da widersprechen, ohne sich mit vierhundert Jahren Theatergeschichte anzulegen?

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Vom Broadway über Linz in die Stiftsruine

Der Weg über den Atlantik verlief in Etappen: 2023 zeigte das English Theatre Frankfurt das Stück erstmals in Deutschland (noch in englischer Sprache), im November 2024 folgte die deutschsprachige Erstaufführung am Landestheater Linz in der pointensicheren Übersetzung von Roman Hinze und Niklas Wagner. Und nun also die Deutsche Erstaufführung in deutscher Sprache, standesgemäß zum 75. Geburtstag der Festspiele und unter der neuen Intendanz von Elke Hesse. Dass mit Matthias Davids ausgerechnet der Regisseur der Linzer Produktion samt bewährtem Leading Team in die Festspielstadt zurückkehrt, darf man getrost als Glücksfall bezeichnen: Davids kennt das Stück in- und auswendig, und die Stiftsruine bietet dem Renaissance-Spektakel eine Kulisse, wie sie authentischer kaum sein könnte, auch wenn Davids bedauerlicherweise nicht die volle Tiefe der Stiftsruine für seine Inszenierung nutzt.

Die Handlung - Willkommen in der Renaissance

Wir schreiben das Jahr 1595. Ein Spielmann begrüßt das Publikum mit „Willkommen in der Renaissance“ und entführt es in ein London, in dem Bildung, Beulenpest und Pluderhosen gleichermaßen blühen. Mittendrin die Brüder Nick und Nigel Bottom, Theatermacher von mäßigem Erfolg, die im Schatten eines Mannes stehen, der wie ein Popstar gefeiert wird – William Shakespeare. Der „Barde“ trägt Lederhose, Sonnenbrille und ein Ego von der Größe des Globe Theatre, seine Sonette werden bejubelt wie Stadionhymnen („Will Power“). Nick hat davon gründlich genug, was er in der herrlich rotzigen Hymne „Gott, ich hasse Shakespeare“ auch unmissverständlich kundtut. Als die Gönner der Truppe abspringt, das Geld knapp wird und Ehefrau Bea selbstbewusst mit „Meine rechte Hand“ ihren Platz an Nicks Seite einfordert, sucht Nick Rat bei der Wahrsagerin Nancy Nostradamus, ihres Zeichens Nichte des berühmten französischen Astrologen und mit einer Trefferquote gesegnet, die man wohlwollend als „ausbaufähig“ bezeichnen darf.

Blick in die Zukunft - Ein Musical!

Ihr Blick in die Zukunft fördert Revolutionäres zutage. Die nächste große Sensation des Theaters werde ein Stück sein, in dem die Menschen mitten im Dialog plötzlich zu singen und zu tanzen beginnen: ein „Musical“! Die dazugehörige Nummer „Ein Musical“ ist das komödiantische Herzstück des Abends als eine einzige, liebevoll gezündete Anspielungs-Kanonade auf gefühlt jedes berühmte Musical der letzten siebzig Jahre, die Kennern die Freudentränen in die Augen treibt und auch ohne jedes Vorwissen als schiere Nummernrevue funktioniert. Doch welcher Stoff soll es sein? Auf die Frage nach Shakespeares künftigem Superhit sieht Nancy durch ihre Augenklappe unscharf statt „Hamlet“ nur „Omelett“. Und so proben die Bottoms fortan mit vollem Ernst und tanzenden Spiegeleiern „Omelett: Das Musical!“ („Mach ein Omelett!“), während der sensible Nigel heimlich an einem Drama über einen dänischen Prinzen schreibt und sich obendrein in die Puritanertochter Portia verliebt. Shakespeare wiederum, dem das Dichten längst schwerer fällt, als seine Fans ahnen, schleicht sich inkognito in die Truppe ein, um die Konkurrenz auszuspionieren. Dass am Ende ein Gerichtsprozess, eine als Anwalt verkleidete Bea, eine drohende Enthauptung und die Auswanderung nach Amerika stehen, samt der Erkenntnis, sich selbst treu zu bleiben, sei hier nur so weit verraten: Das Musical! wurde trotzdem erfunden. Irgendwie und irgendwann…

Inszenierung, Bühne, Kostüme, Choreografie und Musik

Matthias Davids inszeniert diesen Irrwitz mit dem Tempo einer gut geölten Screwball-Komödie und dem sichtbaren Vertrauen darauf, dass Klamauk und Klugheit keine Gegensätze sein müssen. Die Bühne von Andrew D. Edwards fügt sich vorne als aufklappbare Guckkastenbühne historisch korrekt, allerdings mit Neonreklame, in das gewaltige Rund der Stiftsruine, während Adam Nees Kostüme das elisabethanische Zeitalter genüsslich zwischen historischem Zitat und Popkultur-Augenzwinkern ansiedeln, Shakespeares Rockstar-Outfit inklusive. Kim Duddys schweißtreibende Choreografie treibt das Ensemble durch Stepp-, Show- und Eiertanznummern mit beindruckendem Tempo und Witz. Da es am Premierentag selbst zum Showbeginn um 21 Uhr noch sportliche 38 Grad warm war, bat Intendantin Hesse in der eigentlich ohne Pause durchgespielten Show um Verständnis für eine der Fußball-WM entliehene 5-minütige Hydratationspause für die Darsteller, die nach dem eigentlichen ersten Akt platziert wurde und deshalb keinen „Bruch“ in der laufenden Aufführung verursachte. Unter der musikalischen Leitung von Christoph Wohlleben spielt das Bad Hersfelder Orchester in großer Besetzung einen satten Sound, der dem Drive der Inszenierung Rechnung trägt.

Riccardo Greco als Shakespeare

Riccardo Greco (William Shakespeare) kehrt für diese Partie nach Bad Hersfeld zurück, wo er 2018 als Berger in „Hair“ zu erleben war und vollzieht dabei eine reizvolle Kehrtwende in seiner Shakespeare-Performance. Hatte er den „Will“ in der Hamburger Produktion von „& Julia“ noch als reflektierten Autor sehr sympathisch angelegt, gibt er nun den eitlen, selbstverliebten Superstar der Renaissance, der jede Pose auskostet und seinen Applaus als Naturrecht betrachtet. Seine Power-Stimme bleibt markant und unverändert stark, er avanciert zum „Greaseball“ des Musicals!, in dem die Menschen später schnell wie Kutschen auf Kufen gleiten werden. 

Das ungleiche Brüderpaar und die Wahrsagerin

Christopher Bolam (Nick Bottom) und Benjamin Sommerfeld (Nigel Bottom) tragen als ungleiches Brüderpaar den Abend, einer als getriebener Ehrgeizling, dessen Pläne regelmäßig an der Realität zerschellen, der andere als zart besaiteter Poet mit dem Herzen auf der Feder. Ein Coup ist die Besetzung der Wahrsagerin mit Entertainerin Gayle Tufts als Nancy Nostradamus (in der deutschen Fassung wird aus dem Seher kurzerhand dessen verschrobene Nichte). Sie bringt ihr ganz eigenes transatlantisches Timing mit und macht die schrullige Prophetin zur Publikumslieblingin. 

Vorbotin der Emanzipation und Dichter-Groupie

Johanna Zett (Bea) gibt Nicks Ehefrau als resolute Vorbotin der Emanzipation, die in Männerkleidung Geld verdient und ihrem Gatten mehr als einmal die Show stiehlt, wenn sie wie als Ex-Marian aus Fuldas „Robin Hood“ erneut gekonnt den Bogen spannt, um das Mittagessen zu schießen. Dagegen ist Valerie Luksch, die die Rolle bereits in Linz verkörperte, eine streng erzogene Portia, die bei Nigels gereimter Poesie orgasmusartige Schnappatmung bekommt und als schwärmerisches Dichter-Groupie die Zuschauer-Herzen im Sturm gewinnt. 

Weitere Darsteller und Rollen

Nicolas Tenerani (Bruder Jeremiah) wettert als puritanischer Prediger mit herrlich verbohrtem Eifer und unfreiwillig doppeldeutigen Moralpredigten gegen die lasterhafte Kunst, Ulrich Talle (Lord Clapham/Richter) setzt als Lord Clapham und Richter markante Akzente, und Klaus Brantzen (Shylock) verleiht dem theaterverliebten Geldverleiher, dem das Sponsorentum im alten England noch verboten ist, augenzwinkernd Profil. Das spielfreudige Ensemble – darunter Veronika Hörmann, Janina Steinbach, Natascha Cecilia Hill, Claudia Artner und Hanna Kastner als traurigstes kleines Ei der Musical!-Geschichte – wechselt Rollen und Kostüme in atemberaubendem Takt. 

Bleibt die Frage, ob dieser Broadway-Import mit seinen Meta-Gags und Musical-Anspielungen im Herzen Hessens funktioniert. Die Antwort der Premiere: minutenlange Standing Ovations auch schon mitten im Stück zum Showstopper „Ein Musical!“ Man muss weder Shakespeare-Kenner noch Musical-Enzyklopädist sein, um an diesem Abend seinen Spaß zu haben und wer beides ist, bekommt schlicht die doppelte Dosis. Dass die Bottom-Brüder am Ende ausgerechnet mit einem Omelett Theatergeschichte schreiben, ist dabei vielleicht die schönste Pointe von allen: Manchmal muss man eben ein paar Eier zerschlagen, um ein Genre zu erfinden. Die Bad Hersfelder Festspiele jedenfalls setzen mit dieser Deutschen Erstaufführung im Jubiläumsjahr ein Ausrufezeichen und das steht bei „Something Rotten!“ ja bekanntlich schon im Titel und dem neuen Zauberwort „Musical!“

© Text und Fotos: Stephan Drewianka

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