Spielplan der aktuellen Musicals und Musical-Premieren im Juli - Juni - Mai - April
Der Schimmelreiter - Musical Welt-Premiere 2026 im Schlosstheater Fulda
Wer reitet so spät noch durch Nacht und Wind?
Wer in diesem Sommer den „Hohen Norden“ mit all seiner Sturmflut-Wildheit erleben will, muss nicht nach Sylt, Husum oder an die Hallig reisen. Es genügt der Weg ins osthessische Fulda, wo „spotlight musicals“ am 5. Juni 2026 im Schlosstheater die Weltpremiere von „Der Schimmelreiter – Das Mystery-Musical“ gefeiert hat und damit als einziges Stück den diesjährigen Musicalsommer 2026 bestreitet. Es ist nach Erfolgen wie „Die Päpstin“, „Der Medicus“ und zuletzt „Robin Hood“ bereits die neunte Welturaufführung der Fuldaer Musicalschmiede. Komponist und Autor Dennis Martin erfüllte sich damit den langjährigen Wunsch, diesen Stoff endlich auf die Musical-Bühne zu bringen.
Theodor Storms Novelle - Schauerballade oder Sozialdrama?
Theodor Storms 1888 erschienene Novelle ist sein letztes großes Werk und zählt zu den Klassikern der deutschen Literatur. Storm fand in der Erzählung „Der gespenstige Reiter“ seine Inspiration für seine eigene Gothic Novel um die mystische Gestalt des Reiters auf dem Schimmel, die der 1817 in Husum geborene Dichter erst kurz vor seinem Tod im Juli 1888 vollendete. Die Geschichte vom Außenseiter Hauke Haien, dem Konflikt zwischen bürgerlicher Pflicht und innerem Drang, trägt unverkennbar autobiografische Züge. Storm formte daraus eine Mischung aus Schauerballade und Sozialdrama, in der das Meer als unberechenbare Bedrohung und Spiegel der Seele zum eigenständigen Charakter wird, ebenso wie jenes rätselhafte weiße Pferd, das nicht von dieser Welt zu sein scheint. Genau diese Sogwirkung wollte das Erfolgsteam von „spotlight musicals“ ins Musiktheater übersetzen.
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Rahmenhandlung: Der Reisende
Erzählt wird der Stoff aus der Distanz einer Rahmenhandlung: Ein vom Unwetter überraschter Reisender (Sascha Kurth) sucht in der Dorfschenke Zuflucht, wo ihm der belesene Schulmeister (Thorsten Tinney) die Geschichte des längst verstorbenen Deichgrafen Hauke Haien nahebringt – bis der Reisende selbst in dessen Rolle hineingleitet. Schon die Ouvertüre und das atmosphärisch dichte „Der Reiter zwischen den Welten“ stimmen auf jene Doppelbödigkeit zwischen Spuk und Realität ein, die das Stück über zwei Akte trägt und am Ende als Reprise den Kreis schließt.
Mathematik gegen Tradition und Aberglaube
Wir begegnen Hauke zunächst als hochbegabtem, von Mathematik besessenen Jungen, der schon früh überzeugt ist, bessere Deiche berechnen zu können, als die Tradition es vorsieht. „Uns’re Deiche sind nichts wert“ heißt seine trotzige Kampfansage an den Vater Tede Haien. Gegen ihn steht von Beginn an der Aberglaube seiner Großtante Trin Jans (Kaatje Dierks, alternierend Jenny Schlensker), die in den Naturgewalten dunkle Mächte am Werk sieht und mit „Die Sündenflut“ das mystische Gegengewicht zu Haukes Rationalismus setzt. Als Kleinknecht am Deichgrafenhof verliebt sich Hauke in die willensstarke Elke Volkerts (Pamina Lenn). Ihr inniges „Sternenmeer“ wird zum emotionalen Herzstück des Abends. Mit dem Credo „Wer nicht deichen will, muss weichen“ und dem aufbegehrenden „Sturm, komm’ auf!“ formuliert Hauke seinen Lebenstrotz, während der gefräßig-bequeme Deichgraf Tede Volkerts (Volker Metzger) sich in „Deichgraf sein ist eine Bürde“ selbstironisch ins Abseits singt. Ein volksfestartiges Glanzlicht setzt das winterliche Eisboseln-Wettwerfen zwischen Marsch- und Geest-Leuten, das im mitreißenden „Für die Marsch, für die Geest“ kulminiert und Hauke endgültig in der Dorfgemeinschaft ankommen lässt. Sein Aufstieg zum Deichgrafen, die Hochzeit mit Elke und sein in „Weiter als zuvor“ beschworenes, gigantisches Deichprojekt rufen alte Rivalen auf den Plan: Großknecht Ole Peters (Dennis Henschel) und die berechnende Gutsherrentochter Vollina Harders (Anja Backus), die mit „Wir müssen nur geduldig sein“ ihre Intrige spinnen.
Intrige - Teufelspferd - Katastrophe
Im zweiten Akt zieht sich die Schlinge zu. Der Kauf des abgemagerten Schimmels von einem mysteriösen Unbekannten (Nico Schweers) lässt die Gerüchte vom „Teufelspferd“ überkochen, der Fanatismus der Dorfgemeinschaft wächst, und Haukes Ehe gerät zwischen Pflicht und Nähe ins Wanken. „Glaubst du noch an mich?“ und Elkes verzweifeltes „Für wen?“ markieren die Risse. Im flehenden „Lass sie leben“ ringt der sonst so nüchterne Rationalist mit Gott um das Leben seiner Frau nach der Geburt der Tochter, ehe die Katastrophe in „Die Flut“ unausweichlich hereinbricht. Dass Hauke, Elke und die geistig eingeschränkte Tochter Wienke am Ende in den Wassermassen ein letztes, fast versöhnliches Bild finden, gehört zu den stärksten Momenten des Musicals und die Reprisen von „Die Sündenflut“ und „Sternenmeer“ bilden das Finale.
Die Darsteller und ihre Rollen
Getragen wird der Abend von einer Besetzung, die auf erfahrene Kräfte der deutschsprachigen Musical-Szene „made in Fulda“ setzt. Sascha Kurth, der gebürtige Herner mit Folkwang-Ausbildung, ist dem Fuldaer Publikum längst kein Unbekannter mehr: Er stand hier bereits als Titelheld in „Robin Hood“ sowie in „Die Schatzinsel“ und „Der Medicus“ auf der Bühne und bringt für die Doppelrolle aus Reisendem und Hauke Haien die nötige Wandlungsfähigkeit mit. An seiner Seite verkörpert Pamina Lenn (Walk-In Elsa und Anna in Disneys „Die Eiskönigin“) die selbstbewusste Elke mit viel Stimmharmonie in den Liebesduetten mit Kurth. Dennis Henschel (Ole Peters) und Anja Backus (Vollina Harders) geben das ehrgeizige Gegenspielerpaar und übertrumpfen sich dabei gegenseitig im Wettkampf um den bösartigsten Charakter im Stück. Kaatje Dierks spielt mit fantastischer Bühnenpräsenz die unheilvolle Seherin Trin Jans, die in wundervoll choreografierten Ensemble-Tanzsequenzen die bedrohlichen Meergeister beschwört und in Allem Zeichen des Bösen sieht. Thorsten Tinney hält als Schulmeister, Vater Tede Haien und Oberdeichgraf gleich mehrere Fäden gekonnt in der Hand. Volker Metzger rundet das Solistenensemble als genussfreudiger Deichgraf mit manchen humorvollen Häppchen in friesischem Dialekt ab. In den Kinderrollen des jungen Hauke und der Wienke wechseln sich mehrere begabte Nachwuchstalente aus der Region Fulda ab.
Friesische Kostüme und spektakuläres Bühnen- und Videodesign - Immersives Erlebnis für das Publikum
Künstlerisch verantwortet wird die Produktion von einem internationalen Kreativteam um Regisseur und Choreograf Simon Eichenberger, der mit Arbeiten wie „Das Wunder von Bern“, „Rebecca“ und „Catch Me If You Can“ bereits einige Highlights des Genres abgeliefert hat. Buch und Liedtexte stammen von Dennis Martin gemeinsam mit Christoph Jilo und Kevin Schroeder. Für die bildgewaltige Optik sorgt der mit dem Deutschen Musical Theater Preis ausgezeichnete Bühnenbildner Charles Quiggin mit einer einfachen und trotzdem wandlungsfähigen Drehbühne und Puzzle-artig zusammensetzbaren Requisiten, die in ihrer Kombination immer wieder erfreulich abwechslungsreiche Räume bilden. Das erdige, von friesischer Volkskunst inspirierte Kostümbild von Aleš Valášek lassen Wind, Nebel und Feuchtigkeit geradezu spürbar werden. Das spektakuläre Videodesign von Michael Balgavy und das Licht von Stephanie Affleck verschmelzen Meer, Marsch und Sturmflut zu einem immersiven Erlebnis für das Publikum, das sich mühelos inmitten einer Sturmflut oder sogar unter Wasser wiederfindet. Wie wichtig das Zusammenspiel dieser „Special Effects“ für das Mystery-Musical tatsächlich ist, zeigte eine Panne gleich zu Beginn der Weltpremiere, bei der die Videoanimation während der Ouvertüre nicht startete. Produzent Peter Scholz moderierte sehr charmant über die Wartezeit, bis die Aufführung im Film-Look mit einem Unterschied wie Tag und Nacht dann wie gewollt erneut startete.
Puppet Design des geisterhaften Schimmels - Musik verbindet norddeutsche Schwermut und Musicaldramatik
Das eigentliche Herzstück der „Mystery“-Ästhetik ist der geisterhafte Schimmel selbst, der unter der Puppenregie von Markus Schabbing und nach dem Puppet Design von Roger Titley von einem mehrköpfigen Puppenspieler-Team lebensgroß zum Leben erweckt wird. Musikalisch verbinden die Orchestrierung von Frank Hollmann, die Arrangements von Marian Lux und das Sounddesign von Fabian Kampa norddeutsche Schwermut mit großer Musicaldramatik in neuer Surround Klangqualität, die am Premierenabend während des ersten Aktes aber noch nicht optimal ausgesteuert war. Die Kompositionen tragen eindeutig die Handschrift von Dennis Martin, und doch fehlt dem Stück diesmal der unverkennbare Signature-Song, wie es z.B. „Einsames Gewand“ für „Die Päpstin“ war. Wer das Musical auf CD sein Eigen nennen möchte, muss sich noch bis zum Herbst gedulden, dann soll es eine Highlights-Live-CD geben.
Düster-modernes Mystery-Musical erzählt von Fortschritt, Angst und gesellschaftlicher Ausgrenzung
Mit „Der Schimmelreiter“ wagt „spotlight musicals“ den Schritt zu einem düster-modernen Mystery-Musical, das von Fortschritt, Angst und gesellschaftlicher Ausgrenzung erzählt. Themen, die im Zeichen des Klimawandels eine unerwartete Aktualität gewinnen. Schon vor der Premiere waren über 46.000 Karten für die mehr als 90 Vorstellungen verkauft, ehe es das Stück zum Jahresende auch beim Musicalwinter ins niedersächsische Hameln zieht. Eines aber steht schon jetzt fest: Wenn der rastlose Reiter am Ende erneut über den Deich in die Nacht jagt, dann hat Fulda dem hohen Norden ein eindrucksvolles Denkmal gesetzt.
Text © 2026 Stephan Drewianka - Fotos © 2026 spotlight musicals


























