Spielplan der aktuellen Musicals und Musical-Premieren im Oktober - September - August - Juli
„Der Medicus – Das Musical“ in der neuen, spanischen Version 2026 bei den Freilichtspielen Tecklenburg
Vom Quacksalber zum studierten Mediziner
Wenn ein Waisenjunge im mittelalterlichen London den nahenden Tod eines Menschen mit bloßen Händen spüren kann und auszieht, das Heilen zu lernen, ist das der Stoff, aus dem große Epen gemacht sind. Noah Gordons Weltbestseller „Der Medicus“ von 1986 wurde allein in Deutschland über acht Millionen Mal verkauft, die Kinoverfilmung von 2013 mit Tom Payne und Sir Ben Kingsley lockte Millionen vor die Leinwände und gleich zwei Musicalfassungen versuchten sich daran, den über 800 Seiten starken Roman auf der Bühne zu verdichten. Mit der Premiere am 24. Juli 2026 kehrt der wissbegierige Rob Cole nun auf Deutschlands größte Freilicht-Musiktheaterbühne zurück. Die Freilichtspiele Tecklenburg zeigen „Der Medicus“ nach „Rocky“ als zweite große Musicalproduktion der Saison 2026, allerdings mit spanischen statt mit osthessischen Klängen.
Entstehung: Zwei unterschiedliche Fassungen
Die Entstehungsgeschichte der beiden Musicalfassungen liest sich fast so spannend wie der Roman selbst: Im Juni 2016, auf den Monat genau vor zehn Jahren, feierte „Der Medicus“ mit der Musik von Dennis Martin bei Spotlight Musicals in Fulda seine umjubelte Uraufführung und entwickelte sich über mehrere Spielzeiten zum Publikumsmagneten des Schlosstheaters. 2018 folgte in Madrid mit „El Médico“ von Iván Macías (Musik und Buch) und Félix Amador (Liedtexte und Buch) eine zweite, völlig eigenständige Musicalfassung. Nach dem Tod Noah Gordons im Jahr 2021 entschieden sich dessen Erben exklusiv für die spanische Version, während die Fuldaer Fassung seither nicht mehr aufgeführt werden darf. Über die deutschsprachige Erstaufführung im Oktober 2023 im Deutschen Theater München und die erste Open-Air-Produktion 2025 in Plauen führt der Weg des Werkes in der deutschen Übersetzung von Hartmut H. Forche und Jaime Roman Briones nun nach Tecklenburg.
Eingängige Popmelodien vs. sinfonisches Epos
Wer beide Musical-Fassungen kennt, erlebt dabei ein erstaunliches Déjà-vu: Obwohl Gordons Roman mit Figuren, Schauplätzen und Handlungssträngen geradezu verschwenderisch umgeht, greifen beide Autorenteams auf nahezu dieselben Episoden zurück: von Robs Kindheit über die Lehrjahre beim Bader bis zur berühmten Medizinschule von Isfahan. Der entscheidende Unterschied liegt in der musikalischen Handschrift: Setzte Dennis Martin in Fulda auf eingängige, hymnische Popmelodien mit Ohrwurmgarantie, komponiert Iván Macías ein durchweg sinfonisches Musical-Epos, das eher an „Les Misérables“ oder „Titanic“ erinnert als an ein Popmusical. Die spanische Fassung baut die Figur des Baders deutlich aus und verleiht dem ersten Akt neben allem Elend auch wohldosierte komödiantische Farbe, wenn dabei auch Längen entstehen, die die Handlung nicht so flüssig wie die Fulda-Version voranbringen.
Die Handlung des Medicus
Die Story folgt dem bekannten Weg: Im 11. Jahrhundert verliert der kleine Rob Cole in London seine Mutter und entdeckt im Moment ihres Todes seine unheimliche Gabe, das Sterben vorauszuspüren. Der Bader, ein geschäftstüchtiger Scharlatan mit Wundermitteln von zweifelhafter Wirkung, nimmt den Jungen als Gehilfen auf und wird wider Willen zum Ersatzvater. Doch Rob will den Menschen wirklich helfen, statt ihnen nur das Geld aus der Tasche zu ziehen. Ein praktischer Arzt gibt den entscheidenden Impuls, beim größten Gelehrten seiner Zeit Avicenna in Isfahan zu studieren. Da Christen der Zugang dorthin verwehrt ist, gibt sich Rob als Jude aus und macht sich auf die lebensgefährliche Reise durch halb Europa und die Wüste Persiens. Unterwegs begegnet er der schottischen Kaufmannstochter Mary Cullen, der Liebe seines Lebens, die er aus Angst vor der Enthüllung seiner Tarnung zunächst belügen und zurückweisen muss. In Isfahan angekommen, steigt Rob zum Meisterschüler des legendären Avicenna auf, doch die Pest, ein drohender Krieg und die Intrigen des fanatischen Mullahs Quandrasseh bedrohen alles, was er sich erträumt hat.
Inszenierung, Bühnenbild, Maske, Kostüme und Choreografie
Regisseur Werner Bauer, in Tecklenburg längst kein Unbekannter mehr, verdichtet die gewaltige Romanvorlage zu großem Freilichttheater. Er verdeutlicht den kulturellen Kontrast zwischen dem rückständigen Europa und der Hochblüte Persiens nicht allein durch den farblichen Gegensatz eines düsteren Londons gegenüber den strahlenden Farben Isfahans im detailverliebten Bühnenbild von Jens Janke und den unzähligen Kostümen von Fabienne Ank, ergänzt vom stimmigen Maskenbild Philip Hagers. Auch in der Choreografie von Bart De Clercq werden die Unterschiede beider Welten schon rein optisch greifbar, wenn er gebückte und durch Elend gezeichnete Menschen in England ruckartig über die Bühne kriechen lässt, während leichtfüßiger Tanz das prachtvolle Persien auf eine ganz andere Stufe hebt. Und wenn Rob und der Schah ihre Partie Schach mit menschlichen Figuren austragen, verschmelzen Macht, Strategie und Schicksal der Welt auf einem kleinen Spielfeld mit 64 schwarz-weißen Feldern. Genial auch der Einfall, Gevatter Tod als nur für Robs Augen sichtbare Person immer dann erscheinen zu lassen, wenn Rob seine Gabe spürt.
Sinfonische Partitur mit beeindruckender Klangfülle
Musikalisch fährt Tecklenburg auf, was im kommerziellen Musicalbetrieb längst zur Ausnahme geworden ist: Unter der Leitung von Juheon Han, der bereits bei „Titanic“ 2025 sein Können bewies, entfaltet das 26-köpfige Orchester die sinfonische Partitur mit beeindruckender Klangfülle und das trotz aller akustischen Herausforderungen unter freiem Himmel. Der von Ralf Junghöfer einstudierte Chor verleiht den großen Massenszenen zwischen England und Persien zusätzliche Kraft.
Die Darsteller und Ihre Rollen
Im Zentrum steht Thomas Hohler (Rob Cole), der nach D'Artagnan („3 Musketiere“ 2010), Simon („Jesus Christ Superstar“ 2011), Artie („Sunset Boulevard“ 2014), Bobby C („Saturday Night Fever“ 2016), Esel („Shrek“ 2017), Frank („Rebecca“ 2017) und Robin („Spamalot“ 2018) nach längerer Pause eindrucksvoll auf die Freilichtbühne zurückkehrt und die Entwicklung vom lebensfrohen Jungen über den wissbegierigen Studenten bis zum gereiften Arzt mit markanter Stimme und großer Spielfreude glaubhaft macht. Navina Heyne (Mary Cullen) ist ihm eine ebenbürtige Partnerin mit unglaublich starker Bühnenpräsenz und kristallklarem Gesang. Wolfgang Höltzel verleiht dem Avicenna Würde, Weisheit und menschliche Wärme, während Gerben Grimmius mit ungewöhnlich klassischer Gesangsstimme den Schah mit eindrucksvoller Autorität und stets spürbarer Bedrohlichkeit ausstattet (beide übrigens in Doppelrollen auch als Fritta bzw. Edgar Thorpe zu erleben). Mathias Meffert kostet als skrupelloser Quandrasseh die Facetten seines Bösewichts genüsslich aus. Der heimliche Publikumsliebling des Abends aber ist Benjamin Eberling, dessen Bader Witz, Charisma und Herz vereint.
Auch die zweite Reihe überzeugt: Jan Altenbockum heilt als Merlin Krankheiten, während Michael Berres (Mirdin), Jürgen Brehm (Karim), Tim Grimme (Tuveh), Niklas Roling (Simón) und Christian Rosprim (Meir) Robs Studienzeit an der Medizinschule glaubwürdige Konturen geben. Dazu verkörpert ein 23-köpfiges Ensemble, verstärkt um die Statisten des Tecklenburger Chores, die zahllosen weiteren Charaktere dieses Musical-Epos. Dass der erste Akt mit Robs Kindheit und Baderjahren trotz knapp dreistündiger Gesamtspieldauer (die spanische Originalfassung dauerte noch deutlich länger) etwas gemächlich in die Gänge kommt, liegt weniger an der Inszenierung als an der Bühnenbearbeitung des Mammutromans, aber spätestens mit der Ankunft in Isfahan nimmt der Abend gehörig Fahrt auf.
Vergleich der beiden Fassungen
Auch wenn sich beide Musicalfassungen thematisch stark ähneln, hat jede Version ihre eigenen Stärken und Schwächen. Die Spotlight-Fassung erzählte die Story gradliniger mit rasantem Tempo und ließ Coles Mutter an der Seitenkrankheit sterben, was ihn dazu antrieb, gerade diese Krankheit heilen zu wollen, auch wenn die Entweihung einer menschlichen Leiche zwecks innerer Anatomiestudien Rob buchstäblich den Kopf hätte kosten können. In der spanischen Version hingegen fasziniert Rob die Heilung des grauen Stars durch einen echten Arzt, die weit über das dilettantische Können eines Baders und Quacksalbers hinausgeht, was als Motivation zum aufopferungsvollen Fernstudium der Medizin doch wesentlich blasser bleibt. Interessant ist auch die unterschiedliche Auslegung der Beziehung von Rob zum Schah: in Fulda waren sie beste Kumpel, was das sexuelle Interesse des Schahs an Coles Ehefrau unglaubwürdiger macht als in der spanischen Version, wo der Schah zwar Neugier auf europäische Gebräuche hat, aber im Schachspiel immer der überlegene Stratege bleibt, den die rothaarige Schottin als Trophäe anzieht und ihm als Herrscher auch wie selbstverständlich zusteht. Musikalisch haben beide Versionen ihre Reize und überzeugen auf unterschiedliche Weise. Verspielt-charmant-unterhaltsam mit Ohrwurmcharakter im Spotlight-Musical, oder dramatisch-symphonisch mit Rasse und Klasse aus Madrid, wobei die Tecklenburger Fassung weit weniger opernhaft klingt als die spanische Originalpartitur: hier entscheidet der persönliche Musikgeschmack.
Historien-Epos Die Säulen der Erde 2027
So beweist Tecklenburg nach „Titanic“ erneut ein glückliches Händchen für das große sinfonische Musical-Epos: opulente Bilder, eine fantastische Besetzung und ein symphonisches Orchester mit sattem Klang. Man braucht wahrlich nicht Rob Coles seherische Gabe, um dieser Produktion eine erfolgreiche Spielzeit zu prophezeien. Das Premierenpublikum war zu Recht enthusiastisch begeistert vom hohen künstlerischen Niveau und dem optischen und akustischen Reiz, den diese Produktion ausstrahlt. Noch bis zum 13. September 2026 bestand die Möglichkeit, sich diese Diagnose selbst zu stellen! Und wer Gefallen fand am spanischen Musicalflair, bekommt auch 2027 eine weitere Chance, das „El Médico“-Autorenteam besser kennenzulernen, das mit der Musicaladaption von Ken Folletts „Die Säulen der Erde“ erneut einen Historien-Roman klangvoll auf die Bühne gebracht hat, welches im nächsten Sommer in Tecklenburg seine Deutschlandpremiere feiern wird.
© Text und Fotos: Stephan Drewianka; dieser Bericht erschien ebenfalls in der Musical Fachzeitschrift Blickpunkt Musical


















