Hello, Dolly! Musical bei den Gandersheimer Domfestspielen 2026
Pretty in Pink
Was wäre, wenn eine New Yorker Heiratsvermittlerin des Jahres 1890 heute ihr Gewerbe anmelden wollte? Vermutlich würde man sie freundlich auf einschlägige Dating-Apps verweisen, und Dolly Gallagher Levi würde entgegnen, dass ein Algorithmus zwar Profile zusammenwürfeln, aber niemals ein Dinner im „Harmonia Gardens“ so einfädeln kann, dass am Ende gleich vier Paare glücklich sind. Das Spielzeit-Motto „Was wäre wenn“ nehmen die Gandersheimer Domfestspiele in ihrem 67. Sommer also durchaus wörtlich: Erstmals in ihrer Geschichte wagen sie sich an einen der ganz großen Broadway-Klassiker und feierten am 3. Juli 2026 bei bestem Open-Air-Wetter vor der über 1000-jährigen Kulisse der Stiftskirche eine umjubelte, wenn auch nicht ganz ausverkaufte, Premiere von „Hello, Dolly!“.
Die Dame mit dem berühmtesten Begrüßungssong der Musicalgeschichte hat eine lange Ahnenreihe: Jerry Herman (Musik und Liedtexte) und Michael Stewart (Buch) stützten sich 1964 auf Thornton Wilders Komödie „The Matchmaker“, die wiederum auf dessen „The Merchant of Yonkers“ zurückgeht – und deren Wurzeln bis zu Johann Nestroys Wiener Posse „Einen Jux will er sich machen“ von 1842 reichen. Die Uraufführung am Broadway mit Carol Channing wurde mit sagenhaften zehn Tony Awards überschüttet, Louis Armstrong machte den Titelsong zum Welthit, und spätestens die Verfilmung von 1969 mit Barbra Streisand und Walter Matthau unter der Regie von Gene Kelly zementierte den Ruhm. In Bad Gandersheim erklingt das Stück in der bewährten deutschen Übersetzung von Robert Gilbert.
Handlung von Hello Dolly!
Und die Handlung? Nun, die ist – sagen wir es diplomatisch – nicht mehr ganz taufrisch. Der „halbe Millionär“ Horace Vandergelder, Futtermittelhändler aus Yonkers, sucht eine Ehefrau, die er sich in der Hymne „Es braucht nur eine Frau“ im Wesentlichen als unbezahlte Haushaltshilfe mit Putz-, Koch- und Schweigepflicht vorstellt. Aus heutiger Sicht würde man sagen: ein Fall für die Gewerkschaft. Doch genau hier liegt der Witz des Stücks, denn die von ihm engagierte Heiratsvermittlerin Dolly Levi hat längst beschlossen, den knurrigen Geldsack höchstselbst zu ehelichen, zu ihren Bedingungen, versteht sich. Während Dolly ihre Fäden spinnt, büxen Vandergelders unterbezahlte Ladengehilfen Cornelius und Barnaby nach New York aus („Zieh dich fein an“), landen im Hutsalon der bezaubernden Witwe Irene Molloy und ihrer Assistentin Minnie Fay und stolpern von einer Verwechslung in die nächste, bis im Nobelrestaurant Harmonia Gardens alle Verwicklungen kulminieren. Wenn Dolly dort zum Titelsong die Showtreppe hinabschreitet, ist das einer jener Gänsehautmomente, für die das Genre erfunden wurde. So altmodisch das Frauenbild der Herren Vandergelder auch sein mag, die eigentliche Chefin im Ring ist von der ersten Minute an Dolly, die mit „Bevor die Parade vorbeizieht“ beschließt, das Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.
Paraderolle und Roswitha-Ring für Nadine Kühn
Dass diese Paraderolle in Bad Gandersheim an Nadine Kühn geht, darf man als Ritterschlag bezeichnen. Die Musicaldarstellerin, die ihre erste Rolle bereits mit 15 Jahren spielte, hat eine abwechslungsreiche Vita: vom „Geist der Weihnacht“ im Oberhausener Metronom Theater über die Audrey im „Kleinen Horrorladen“, die Titelrolle in „Bibi Blocksberg“ und die Belle in „Die Schöne und das Biest“ bis zur Europatournee mit „Hair“. In Fulda war sie 2019 in „Die Päpstin“ und „Bonifatius“ zu erleben, in Berlin verkörperte sie bei „Stars in Concert“ Olivia Newton-John, zuletzt tourte sie als Wednesday in „The Addams Family“. In Bad Gandersheim ist sie bereits im vierten Jahr eine Institution: Nach der Agnetha im ABBA-Konzert „Dancing Queen“, der Blanche in „Bonnie & Clyde“, dem Ensemble von „My Fair Lady“ sowie June Carter in „Walk the Line“ und Fräulein Kost in „Cabaret“ erhielt sie 2024 und 2025 als erst zweite Darstellerin der Festspielgeschichte zweimal in Folge den Roswitha-Ring des Publikums. Ihr vierter Gandersheimer Sommer krönt sie nun zur Dolly, und obwohl sie einen zu jugendlichen Eindruck für eine welterfahrene Witwe macht, ist sie damit nicht allein, denn Barbra Streisand war gerade mal 26 Jahre jung als ihre Dreharbeiten begannen. Kühns melancholische Zwiesprache mit ihrem verstorbenen Ehegatten vermittelt trotzdem den Eindruck, dass ihre vergangene Ehe lang und glücklich war und sie nach langer Trauer wieder zurück ins Leben möchte, inklusive der Besuche in ihrem Lieblingsrestaurant, dessen Personal sie schmerzlich vermisst hat. Schauspielerisch, gesanglich und tänzerisch meistert Kühn diese Rolle authentisch mit der richtigen Prise an Humor.
Die weiteren Darsteller bei Hello Dolly!
An ihrer Seite gibt Publikumsliebling Dominik Müller, bereits zum fünften Mal vor der Stiftskirche engagiert, den Horace Vandergelder, und verantwortet zugleich die schmissige Choreografie, für die er nach eigenem Bekunden dem ikonischen Film Tanzszenen abtrotzen wollte, die Wind, Wetter und den kuriosen Abmessungen der Freilichtbühne standhalten. Die Ausstattung und das Kostümbild von Aylin Kaip erinnern mit rosa bis violetten Farben für Dolly und smaragdgrünen Anzügen von Vandergelder inklusive der Stadt- und Dorfkulisse in gleichen Farben unweigerlich an Glinda und Elphaba aus „Wicked“ (mit dem interessanten Twist, dass Vandergelder zum finalen Dinner schon die Anzugfarbe zu violett wechselt und sich damit auch rein optisch in sein Schicksal einer gemeinsamen Zukunft mit Dolly ergibt). Stephan Luethy als Barnaby Tucker und Christoph Gründinger als Cornelius Hackl sind ein eingespieltes Comedy-Paar, das jeden Lacher verdient auf seiner Seite hat und durch Lisa Radl als Irene Molloy und Theresa Löhle als Minnie Fay in Liebes- und Finanznöte stürzt.
Inszenierung, Musik, Bühne, Kostüme und Fazit
Für die Inszenierung gibt Rita Sereinig als Regisseurin ihren Einstand beim Gandersheimer Publikum. Sie verdichtet den Stoff kurzweilig ohne Pause auf nur 110 Minuten Spielzeit ohne den Charme des Originals zu vernachlässigen und verankert ihn im letzten Jahrtausend, so dass das angestaubte Frauenbild mit Dollys Emanzipation weiterhin Sinn macht. Die musikalische Leitung liegt in den bewährten Händen von Ferdinand von Seebach mit der siebenköpfigen Festspielband. Bei „Hello, Dolly“ ist man aus anderen Inszenierungen ein philharmonisches Orchester und eine Ausstattungsorgie gewohnt. Bad Gandersheim kann dies Open-Air nicht leisten und liefert trotzdem eine runde Inszenierung ab, in der die Arrangements der Band nach Swing und weniger Jazz-lastig klingen und weiße Bananenkisten perfekt einen Hutladen oder Tisch und Stühle eines Nobelrestaurants bilden, ohne dabei von den wirklich schönen und gelungenen Kostümen abzulenken. Was wäre also, wenn man einem 60 Jahre alten Broadway-Dampfer mit leicht angerostetem Rollenbild eine Sommerfrische in Südniedersachsen verordnete? Die Antwort gibt es noch bis Mitte August vor der Stiftskirche zu besichtigen – und sie lautet, frei nach Dolly: Es braucht eben doch nur eine Frau.
Text © Stephan Drewianka, Fotos © Julia Lormi 2026










