Ein wenig Farbe im KatiElli © Stephan Drewianka
Ein wenig Farbe im KatiElli © Stephan Drewianka
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Theater
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Kammermusical „Ein wenig Farbe“ im KatiElli-Theater Datteln 2025

Jungs schminken sich nicht!

Helena hat Angst, ganz furchtbare Angst, vor den schmerzhaften Nachwirkungen einer anstehenden Operation, die schon morgen stattfindet. Eigentlich sollte sie sich freuen, denn „Ein Wunder passiert“. Seit 52 Jahren lebt sie „Die Lüge meines Lebens“. Schon als Kind zog sich Klaus ganz „Verborgen“ die Kleider seiner Mutter an und schminkte sich „Ein wenig Farbe“ ins Gesicht. Als mit 14 die ersten Bartstoppeln sprießen, findet Klaus sich hässlich und gar nicht männlich, denn er möchte lieber eine Frau sein. Doch da ist Caro und die ist in Klaus verliebt, und Klaus möchte nichts sehnlicher als normal sein. Obwohl Klaus lieber die Freundin von „David Steiner“ wäre, heiratet er Caro und bekommt zwei Söhne. Doch statt Vatergefühle zu entwickeln, ist er eifersüchtig auf Caro und wäre gerne selbst die Mutter seiner Kinder. Heimlich besucht er Travestie-Shows und lernt die Tricks, wie man als Mann femininer wirkt. Doch Klaus will kein Mann in Frauenkleidern sein, er will weiter gehen. Beim Psychologen fasst Klaus „Auf seinem Sofa“ den Entschluss, zu seiner wahren Identität zu stehen. Aber nach dem Outing als trans-Frau verliert „Helena“ nicht nur Job und Freunde, sondern sehr einschneidend auch ihre Familie…

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Ein Darsteller - 13 Rollen - eine Lebensgeschichte

Rory Six schrieb 2018 das Kammermusical Ein wenig Farbe“. Das Ein-Personen-Stück kann sowohl von Männern als auch von Frauen gespielt werden, und schon Pia Douwes und Mark Seibert verkörperten nicht nur die Hauptperson Klaus/Helena, sondern auch die 12 weiteren Charaktere im Musical, die in Rückblicken Helenas Lebensgeschichte zum Leben erwecken. Am 06. September 2025 feierte „Ein wenig Farbe“ auch im familiären KatiElli Theater in Datteln Premiere, bei der Theaterleiter Bernd Julius Arends in die Kleider von Helena schlüpft. Während Mark Seibert von einer Orchesterfassung des Stückes träumt und die Partitur für eine fünfköpfige Band ausgelegt ist, sitzt in Datteln nur Mario Stork am Klavier, und obwohl auch ich eigentlich ein Fan orchestraler Musik bin, muss ich sagen, dass nur das Klavier für dieses Stück den nötigen intimen Rahmen liefert, der es so persönlich werden lässt. Auch das Bühnenbild ist minimalistisch, ein Krankenhausbett, ein Regal, ein Schminktisch – mehr ist nicht notwendig, denn die Bilder, die Bernd Julius Arends unter der Regie von Katharina Koch zaubert, entstehen nur durch seine Schauspielkunst, von der ansonsten nichts ablenkt. Es reicht ein auf die Stirn setzen der Brille und eine lockere Haltung, schon entsteht aus einer völlig verunsicherten Helena der machohafte Psychologe Dr. Gruber. Ein Kaugummi erweckt die ungehobelte Schulfreundin, die Klaus für schwul hält, ein Dialekt und rotes Licht beschwören den Travestie-Künstler, ein süffisantes Lächeln den Chef, der Helena erst zum Telefon-Innendienst verbannt und dann mit einer Abfindung ganz loswird, während die Mutter, zunächst streng, als sie den jungen Klaus mit ihrer Schminke im Gesicht erwischt, und später dement im Altenheim nicht mehr weiß, ob sie einen Sohn oder eine Tochter großgezogen hat. Arends Paraderolle ist Helena selbst, die er zugleich ungeheuer zerbrechlich, aber im hoffungsvollen Finale auch stark präsentiert. Stimmlich bleibt sich Arends bei den zahlreichen Songs treu und vermeidet es bewusst, in „weibliche Höhen“ abzudriften. Emotional aufwühlend gestalten sich die Szenen mit der eigenen Familie: Ehefrau Caro verlangt die Scheidung, während sich ein Sohn vollkommen wütend von Helena distanziert und auch die zahlreichen Anrufe ignoriert, spätestens hier bleibt kein Taschentuch im Publikum trocken. Da sind die „Alltagsprobleme“, wo sich Helena im Sportstudio umzieht oder welche öffentliche Toilette sie benutzen darf, echter Kinderkram. Bei dem ganzen Drama gibt es aber auch komödiantische Passagen, wenn z.B. Klaus von David Steiner schwärmt und Helena ihn viele Jahre später als Flugbegleiterin wiedertrifft. 

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Emotional - Bewegend - Begeisternd

„Ein wenig Farbe“ ist ein Stück, das emotional tief bewegt und zum Nachdenken anregt, ohne dabei woke zu sein. Für ein heteronormatives Publikum mag es nicht nachvollziehbar sein, warum eine trans-Person sich im eigenen Körper nicht zu Hause fühlt, wesensverändernde Hormone schluckt und den Weg einer schmerzvollen Geschlechtsangleichung wählt, nur um danach sogar von Freunden und Bekannten wie ein Freak angesehen zu werden. Ein Stück wie „Ein wenig Farbe“ und vor allen Dingen Darsteller wie Bernd Julius Arends können uns dabei helfen, trans-Personen als das wahrzunehmen, was sie eigentlich sind: Menschen wie Du und ich. Es ist bedauerlich, dass viele Zuschauer bei diesem Thema erst gar keine Eintrittskarte kaufen, doch die 35 Euro Ticketpreis sind in Datteln jeden Cent wert! Das Publikum war restlos begeistert, gerade auch dann, wenn sie „mit so etwas“ gar nicht gerechnet haben.

© Text & Fotos: Stephan Drewianka, dieser Bericht erschien ebenfalls in der Musical Fachzeitschrift Blickpunkt Musical 05-2025 – Ausgabe 137

Alles zum Musical Ein wenig Farbe bei Sound Of Music.

 

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