Das Glück ist eine Orange! Sinalco – Das Musical, eine Detmolder Geschichte - Uraufführung 2025 am Landestheater Detmold
Eine typisch deutsche Firmengeschichte mit braunen Apfelsinen
In der Unternehmensgeschichte des bekannten Detmolder Getränkekonzerns findet sich die typische Verdrängungskultur der deutschen Wirtschaftswunderjahre und die mangelnde Aufarbeitung politischer Fehlentwicklungen und Einstellungen führender Unternehmenslenker. Der Detmolder Fabrikant Franz Hartmann entwickelt zusammen mit dem bekannten Naturheilkundler Friedrich Eduard Bilz 1902 ein neues Fruchtgetränk, das bis 1905 noch „Bilz-Brause“ genannt wird. Nach einem Namensstreit kreiert Hartmann den neuen Markennamen „Sinalco“, gründet in Detmold die Sinalco AG und stellt 1908 den Juden Carl Vogel als Generaldirektor ein, der 1935 aus antisemitischen Gründen abgesetzt wird und 1939 nach Amerika flieht, wo er 1943 stirbt. An seine Stelle tritt 1936 Gustav G. Hardorp, der als überzeugtes NSDAP-Mitglied, SA-Obertruppenführer und Gauschulungslehrer das Sinalco Unternehmen zum Vorzeige-Betrieb für Hitler ausbaut. Anneliese Strate wird 1937 als Ziehtochter der Familie Hardorp Stenotypistin in der Sinalco AG, um Mitarbeiter auszuspionieren. Nach dem Krieg nimmt sie sich 1947 mit nur 31 Jahren das Leben. Hardorp wird 1946 wegen NS-Belastung vom Aufsichtsrat entlassen und verbringt 14 Monate in einem britischen Internierungslager. Doch nach zwei Entnazifizierungsprozessen erhält er 1948 seinen Posten als Generaldirektor zurück, um das schwächelnde Unternehmen wieder in die Erfolgsspur zurückzuführen. 1955 wird Bernhard Willée stellvertretender Sinalco Direktor mit frischen Ideen für den Betrieb. Bis 1964 versucht Hardorp seinen Stellvertreter zu bekämpfen, unterliegt aber schließlich seinem Nachfolger, der das Unternehmen bis 1974 zu seinem wirtschaftlichen Höhepunkt bringt. Nach kostspieligen technischen Problemen mit Sinalco Dosen wird Willées Vertrag nicht mehr verlängert.
Entstehung des Musicals und Handlung
Zum 120-jährigen Firmenjubiläum der Sinalco AG vergab das Landestheater Detmold bereits 2020 ein Auftragswerk an Thomas Zaufke (Musik) und Peter Lund (Text), um über die Sinalco Firmengeschichte ein Musical zu entwickeln. Lund wollte kein Werbe-Musical schreiben und fand gemeinsam mit Dr. Hans-Joachim Keil, einem Stadthistoriker von Detmold, wo die Sinalco AG bis 1997 95 Jahre lang beheimatet war, in der historischen Person des Gustav G. Hardorp eine interessante Aufhänger-Figur, der angeblich nie ein Nazi war und nach dem Krieg schnell wieder die Firmenleitung zurückerhielt, frei nach dem Motto „So einen Opa hat doch jeder von uns in der Verwandtschaft“. Lund beginnt sein Musical „Das Glück ist eine Orange!“ in den 1960er Jahren, wo der fiktive Charakter Franziska Hinkler als Assistentin der Geschäftsführung von Hardorp eingestellt wird. Sie hat ihren Vater im Krieg verloren und sehnt sich nach einer Vaterfigur, die sie zunächst in ihrem Chef findet, der seine Firma sehr sozial führt und täglich mit seinen Mitarbeitern frühstückt. Doch Franziska ist neugierig und will mehr über die Hintergründe ihres Chefs herausfinden und befragt die langjährige Vorarbeiterin Emma Puhlmann, den Chauffeur Heinrich „Henne“ Krüger, die altgediente Chefsekretärin Elsbeth Wessling und den erfolgreichen Werbetexter Michael Brandt. Bei ihren Nachforschungen erhält sie teils widersprüchliche Äußerungen, die in Rückblenden zu ihrer Vorgängerin Anneliese Stratmann in die 1940er Jahre führen und Einblicke in die Nazi-Vergangenheit der Firmengeschichte gewähren, die eigentlich gerne verschwiegen werden, weil sie so gar nicht in das farbenfrohe Werbebild einer aufstrebenden Limonaden-Marke passt, die sogar Coca-Cola und Fanta den Rang ablaufen soll. Insbesondere für Hardorp verschwimmen die beiden Zeitebenen zwischen Franziska und Anneliese immer mehr und kosten ihn beinahe seine geistige Gesundheit. Auch der homosexuelle Werbefachmann Michael erlebt mit Franziska ein Déjà-vu, da sie sich in ihn als reifere Vaterfigur verliebt wie schon 20 Jahre zuvor Anneliese, deren amouröse Annäherungsversuche er brüsk zurückwies, was ihn damals wegen seiner angeblich „krankhaft abartigen Neigungen“ bei der Nazi-Spionin sein Leben hätte kosten können. Franziskas entlarvende Erkenntnisse führen sie zu ihrem finalen Song „Was hätte ich getan“, der auch 2025 ein erschreckend aktuelles Resümee zieht:
„Ja, wir müssen uns mehr wehren, jeder Einzelne von uns!
Doch aus Früher was zu lernen, war schon immer große Kunst.
Jagen wir die Lüge diesmal noch zur rechten Zeit zum Teufel?
Warum packt mich da der Zweifel?
Es mag sein, dass Menschen lernen, oder lernen wir es nie?“
Musik, Choreografie, Kostüme
Lund hat ein politisches Musical geschaffen, welches die Musik von Zaufke mit schwungvollen musikalischen Zitaten der 1940er bis 1960er Jahre im Stil der Comedian Harmonists bis Caterina Valente sanft entschärft. Mit kraftvollen Balladen im Sondheim-Sound und großen Revuenummern unterhält die Musik in den Arrangements von Markus Syperek bestens, die auch die typische Sinalco-Werbemelodie in unzähligen Variationen enthält, die Zaufke in seiner Partitur liebevoll mit Smilies markiert hatte. Mathias Mönius als musikalischer Leiter führt das symphonische Orchester des Landestheaters Detmold mit dem Opernchor durch die an Filmmusik erinnernden Melodien, die eine gelungene Balance zwischen dramatischen Dialogen in den Schauspielszenen und den gesungenen Sequenzen herstellt. Als willkommene Auflockerung dienen die vom zehnköpfigen Ballett in der Choreografie von Bart De Clercq enthusiastisch vertanzten Limonaden-Werbespots, die an die ikonischen und weltweit bekannten Originale erinnern. In diesen Szenen dürfen sich die Kostüme von Daria Kornysheva farbenfroh und verspielt austoben, wobei besonders die zitronengelben Outfits mit dem Sinalco-Schriftzug sehr gut bei den ehemaligen Konzern-Mitarbeitern im Publikum ankamen. In allen anderen Szenen herrscht klassischer Chic in der typischen Mode der damaligen Zeit vor, unterbrochen von den jüngeren Rebellen, die mit ihrem aufgelockerten Stil ein eigenes Statement setzen. Die Bühne von Ulrike Reinhard beherrscht eine alte Fotografie des Sinalco-Firmengeländes, die im Licht von Florian Bajer mal blau oder grün in die verschiedenen Zeitebenen führt. Requisiten des Hardorp Büros mit wechselndem Portrait des Firmenchefs in NS-Uniform oder bürgerlichem Anzug helfen ebenfalls bei der Einordnung der Spielzeitebenen. Regisseur Peter Lund kann sehr zufrieden sein, wie ihn das Landestheater Detmold bei der Umsetzung seines Musicals unterstützt hat.
Die Darsteller und ihre Rollen
Auch bei den Darstellern konnte er einige Wünsche bei der Besetzung realisieren. So engagierte er als Gäste den charismatischen Thorsten Tinney („Anastasia“, „Don Camillo und Peppone“), der als Gustav G. Hardorp den Balanceakt zwischen herrischem NS-Anhänger und wohlwollender Vaterfigur mit Bravour meistert, die sympathische Sandra Leitner (Monika in „Ku'Damm“), die sich als Franziska Hinkler vom schüchternen Mäuschen in eine reflektierende und selbstbewusste Frau verwandelt, sowie Patrik Cieslik (Ku'Damm56) als feinfühliges Kreativ-Wunderkind, der trotz seiner homophilen Neigung vom Chef wegen seines Talents in der Firma „geduldet“ wird. Die Gäste spielen perfekt mit den hauseigenen Darstellern zusammen. Operntenor Nikos Striezel beweist, dass in ihm ein wahrlich rebellischer Heinrich Krüger steckt, der mit seinen manchmal unbedachten Äußerungen überall aneckt und trotzdem die unbequeme Wahrheit ausspricht. Ganz anders als die treue Vertraute Elsbeth Wessling, mit Eleganz gespielt von Annette Blazyczek, und das immer positive Energiebündel Emma Puhlmann, ein echter Publikumsliebling KS Brigitte Bauma, die beide zu ihrem Chef Hardorp aufsehen und ihn trotz seiner NS-Vergangenheit auch in den 1960er Jahren schätzen. Franziska Pfalzgraf als Mitglied im Opernstudio verkörpert die tragische Rolle der Anneliese Stratmann darstellerisch in ihrer Zerrissenheit zwischen loyaler Angestellten und Werks-Spionin bis zu ihrem Selbstmord intensiv und harmoniert gesanglich perfekt mit ihrem Alter Ego Franziska Hinkler. Die wichtige, jedoch kleinere Nebenrolle des Juden Carl Vogel spielt Heiner Junghans.
„Das Glück ist eine Orange!“ am Originalschauplatz ist trotz seiner politischen Handlung ein unterhaltsames Musical, an dem kein Detmolder vorbeikommt. Geplant sind nach der ausverkauften und frenetisch vom Publikum gefeierten Weltpremiere am 24. Oktober 2025 zunächst 13 Aufführungen bis 03. Juli 2026. Wie es danach mit dem Sinalco-Musical weitergehen wird, steht noch in den Sternen, einer überregionalen Präsentation an anderen Spielorten würde der Stadtbezug fehlen, obwohl es nach dem zweiten Weltkrieg viele Firmen in Deutschland gab, die dem Beispiel der Sinalco AG folgten und ehemalige NS-Mitglieder wieder in den Firmenbetrieb zurückholten. Autor Lund könnte sich zwar vorstellen, sein Musical für andere Unternehmen umzuschreiben, doch wird es wohl bei diesem Werk bleiben, das auch nur in Detmold authentisch funktioniert. Detmold ist also eine Musical-Reise wert.
© Text & Fotos: Stephan Drewianka, dieser Bericht erschien ebenfalls in der Musical Fachzeitschrift Blickpunkt Musical Ausgabe 06-2025
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