Cabaret in Kassel © Nils Klinger
Cabaret in Kassel © Nils Klinger
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Theater
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Cabaret - Premiere bei den 66. Gandersheimer Domfestspielen 2025

Politik? Was geht uns das an?

Musicals dürfen neben guter Unterhaltung auch gesellschaftskritisch und eventuell sogar politisch sein. Ein Stück, das definitiv in diese Kategorie fällt, ist Kander und Ebbs Musicalklassiker „Cabaret“, bei dem die grell-bunten Auftritte des Conférenciers im verruchten „Kit Kat Klub“ in Berlin 1931 die Hass-Parolen der aufmarschierenden Braunhemden nur noch teilweise übertönen können. Zuletzt 2013 Open-Air vor der Bad Gandersheimer Stiftskirche aufgeführt, zeigt Intendant Achim Lenz mit der Premiere vom 04.07.2025 seine Inszenierung von „Cabaret“ als stringenten und fokussierten Einakter in rund 120 Minuten.



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Die Darsteller und Ihre Rollen

„Willkommen, Bienvenue, Welcome“ sind beim Conférencier eigentlich alle Wesen dieser Welt. Hagen-Goar Bornmann interpretiert als recht jugendlicher Bariton mit Opern-Background von der Essener Folkwang Universität der Künste den Bändiger der Kit Kat Girls mit ungewohnt klassischer, aber sehr beindruckender Stimmfarbe, die den angestaubten Musical-Hits neue Impulse bringt. Marlene Jubelius (Studien-Abschluss Osnabrück 2019, Helga in „Ku´Damm 56“) ist eine energiegeladene Nachtklubsängerin Sally Bowles, die das bisher recht geordnete Leben des jungen Schriftstellers Clifford Bradshaw gehörig auf den Kopf stellt. Johannes Krimmel („Berlin, Berlin“-Tournee) zeigt einen zunächst bodenständigen Clifford, der sich aber im Sog des Berliner Nachtlebens sogar als Schmuggler für heiße Ware einspannen lässt. Das „Erwachsenen“-Paar wird von einer darstellerisch starken Tabea Scholz als geschäftstüchtige Fräulein Schneider und dem für diese Rolle eigentlich viel zu jungen Kevin Dickmann als jüdischer Obsthändler Herr Schultz gespielt. Sehr schön herausgearbeitet ist hier der Wandel eines bei der Verlobungsfeier glücklichen Paares zu dessen radikaler Trennung, als der Jude von jugendlichen Nazis zusammengeschlagen wird, denn eine weitere Beziehung wäre für die Zimmervermieterin geschäftsschädigend. Frank Bahrenberg zeigt mit der Figur von Max beindruckend die Wandlung von Sallys und Cliffords Freund zum Parolen zitierenden Nationalsozialisten, den nur ein rassistisches Wiegenlied beruhigen kann. Nadine Kühn lockert als Fräulein Kost die angespannte Atmosphäre mit ihren wechselnden Matrosen-Freiern quasi als Running Gag auf. Bei den Nachtklubtänzerinnen überzeugen neben Felicia Aimée, Vera Lorenz, Theresa Löhle und Lisa Radl auch Julio Adrián Yanes als „männliches“ Kit-Kat Girl gesanglich und tänzerisch in der Choreografie von Dominik Müller.

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Musik, Bühne und Inszenierung

Im Eingang der Stiftskirche unter einer Brücke mit dem „Cabaret“-Schriftzug sitzt eine 7-köpfige Band, die unter der musikalischen Leitung von Ferdinand von Seebach den unvergänglichen Songs von „Mein Herr“ bis „Maybe This Time“ neues Leben einhaucht. Einige rollende Tische und Stühle, mehr braucht die Bühne von Birte Wallbaum nicht. Regisseur Achim Lenz zeigt eine erfreulich klare und zielgerichtete Inszenierung, in der die Songs aus dem Nachtklub perfekt in die straffe Handlung integriert sind und sich nicht wie Fremdkörper eines „Stücks im Stück“ anfühlen. Die Dialoge sind knapp und verlieren sich nicht in Nebenhandlungssträngen. Seine Kernaussage einer Welt am Abgrund, die erst unterschwellig, aber dann immer deutlicher und mit klarem Ziel von allen Protagonisten im Stück und damit auch von den Zuschauern wirklich wahrgenommen wird, ist kristallklar herausgearbeitet und fassbar. Die Frage eines Darstellers, was den kleinen Mann die Politik der Führer angehe, löst sich eindrucksvoll beim Schlussapplaus auf, bei dem das Ensemble schwarze T-Shirts mit dem Aufdruck „Nie wieder!“ trägt. So wird die „Cabaret“-Inszenierung in Bad Gandersheim zu einer aktuellen Mahnung, aus den Fehlern unserer deutschen Geschichte zu lernen und die Verantwortung für Tendenzen in unserer Gesellschaft selbst zu übernehmen und nie wieder wegzusehen.

© Stephan Drewianka, Musical-World.de, dieser Bericht erschien ebenfalls in der Musical Fachzeitschrift Blickpunkt Musical - Ausgabe

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