ALICE - Musical 2026 am Schauspielhaus Kassel
In einem unbekannten Wunderland, vor gar nicht allzu langer Zeit
Wer ist eigentlich verrückter – das Mädchen, das einem weißen Kaninchen folgt, das gerade die frische Quiche aus dem Ofen von Tante Tamara und Onkel Gernot geklaut hat und durch das Küchenfenster in eine andere Welt geflohen ist, oder die bunte Gesellschaft aus Faselhase, verrücktem Hutmacher und tyrannischer Herzkönigin, die auf der anderen Seite auf sie wartet? Und was ist überhaupt normal, wenn oben und unten ihre Bedeutung verlieren, wenn eine Katze nichts als ein breites Grinsen ist und eine coole Raupe weise Ratschläge raucht? Mit diesen Fragen lockt das Junge Staatstheater Kassel sein Publikum in der Spielzeit 2025/2026 mit dem Musical ALICE tief in das Kaninchenloch und heraus kommt ein Abend, der Jung und Alt gleichermaßen in den Bann zieht.
Alice - Ein Fantasiemärchen als Kinderabenteuer und Traumwelt für Erwachsene
Nach „Emil und die Detektive", „Peter Pan" und Andrew Lloyd Webbers „School of Rock" setzt das Staatstheater Kassel seine erfolgreiche JUST+-Musicalreihe mit dem Kinder- und Jugendchor CANTAMUS konsequent fort und hat mit „Alice" einen Stoff gewählt, der wie gemacht ist für eine solche Kooperation: das wohl bekannteste Fantasiemärchen der Weltliteratur, das der britische Mathematikdozent Charles Lutwidge Dodgson – besser bekannt unter seinem Pseudonym Lewis Carroll – 1865 als „Alice's Adventures in Wonderland" veröffentlichte und 1871 mit „Through the Looking-Glass" fortsetzte. Carroll schrieb die Geschichte ursprünglich für Alice Liddell, die Tochter seines Kollegen am Christ Church College in Oxford, und schuf dabei ein Werk, das auf mehreren Ebenen gleichzeitig funktioniert, als sprudelndes Kinderabenteuer und als philosophisch-satirische Traumwelt für Erwachsene.
Auf der Suche nach Identität und Orientierung
Genau dieses Potenzial hat James Leisy erkannt, als er ein temporeiches Libretto aus Carrolls episodenhafter Figurengalerie entwickelte. Gemeinsam mit Carl Eberhard schrieb er Musik und Gesangstexte, die sich durch ihre scheinbare Leichtigkeit und ihre Ohrwurm-Qualitäten auszeichnen. Die gelungene deutsche Fassung des Musicals stammt von Roman Hinze. Leisys Musical beschreibt über Carolls Original hinaus das Wachsen der eigenen Persönlichkeit, die Suche nach Identität und Orientierung in einer Welt, in der die Regeln ständig wechseln. Im Schauspielhaus Kassel funktioniert die Geschichte durch die jungen Darstellenden deshalb auch besonders gut. Der Abend unter der Regie von Marlene Pawlak dauert rund 80 Minuten ohne Pause, und diese Zeit vergeht erstaunlich schnell.
Bühne, Kostüme und Licht
Das Bühnenbild von Vincent Stephan Großer setzt auf eine fantasievolle, farbstarke Raumgestaltung, die dem Wunderland seine verschrobene Eigenlogik lässt. Zunächst muss Alice allerdings einen Weg durch die zahlreichen für sie verschlossenen Türen eines recht bürokratisch wirkenden Vorzimmers finden und bekommt dabei ihren neuen Namen Marie und die Aufgabe, den Himmel neu zu bemalen. Dann im Wunderland angekommen treffen Anna Rudolphs Kostüme den richtigen Ton zwischen märchenhafter Überhöhung und Verankerung in der realen Welt. Trotzdem sind die Figuren des Wunderlandes sofort erkennbar. Victoria Kobersteins Videodesign ergänzt die Bühne und katapultiert das Wunderland in eine moderne Zeit, in der bewegte Bilder politische Statements sind und keine „lebenden Gemälde“ wie in der Welt eines Harry Potters. Auch Brigitta Hüttmanns Lichtdesign ist eher klinisch kühl als regenbogenbunt. Man könnte fast annehmen, das Publikum hat wie Neo in der „Matrix“ die Wahl zwischen der roten Pille für die schmerzhafte Wahrheit und das Erwachen aus der Wunderwelt oder der blauen Pille für das bequeme Weiterleben in einer Illusion…
Meisterhafte Leistung der jungen Darsteller
Das Herz dieser Produktion schlägt in der meisterhaften Leistung von fast 50 Kindern und Jugendlichen des CANTAMUS-Chors, die bis auf zwei Ausnahmen sämtliche Rollen übernehmen. Chorleiterin Annika Derlin sogt für mehrstimmig sauber und ausdrucksstark klingende Ensemblenummern, während die solistischen Songs eine individuelle Note behalten. Dazu trägt auch das zehnköpfige Orchester unter der musikalischen Leitung von Peter Schedding maßgeblich bei, das die jungen Darsteller sicher und sensibel trägt und Leisys und Eberhards Songs zu ihrem besten Klang verhilft. Die Choreographie von Nele Neugebauer bündelt den Bewegungsdrang der jungen Darsteller zu immer neuen Bildern.
Zwei Premieren - Zwei gleichwertige Besetzungen
Wie bei den Musicals mit dem CANTAMUS-Ensemble in Kassel üblich, gab es am 25. und 30. April 2026 zwei gleichwertige Premieren, von denen wir die Besetzung der zweiten Premiere genauer unter die Lupe nehmen. Hier spielt Kristina-Sophia Katsagiorgis die Titelrolle einer neugierigen und mutigen Alice, die von ihrer neuen Umgebung mit ihren komischen Regeln, die ständig gebrochen werden, verunsichert und ratlos zurückgelassen wird, stimmlich sowie darstellerisch überzeugend. Als ihr ständiger Begleiter zeigt Jonathan Suras das Weiße Kaninchen mit nervöser Energie und komischen Qualitäten. Marco Schlotzhauer (ebenfalls Dance Captain) überzeugt als extrem coole Raupe mit der nötigen gelassenen Nonchalance, während Leevke Pauli als Grinsekatze ein permanentes Lächeln zeigt. Helena Gabrys ist die melancholische Suppenschildkröte und Luis Pepe Sack ein imposanter Greif. Milou Klee und Liane Dingel ergänzen sich als das sich ewig widersprechende Zwillingspaar Zwiddeldum und Zwiddeldei mit köstlich gespielter Bockigkeit erst gemeinsam zu einem einzigen Charakter mit Ober- und Unterkörper.
Erwachsene als royales Unglückspaar
Den beiden einzigen Erwachsenen im Ensemble kommt eine besondere Aufgabe zu: Nora Quest legt die Herzkönigin (alias Tante Tamara) als herrische Furie an, die mit ihrem gefürchteten „Ab den Kopf!" die Wunderlandgesellschaft terrorisiert und in ihrer übertriebenen Comic-Exzentrik zu einer Lachnummer wird und trotzdem eine permanent dunkle Bedrohung ausstrahlt. Philipp Staschull vervollständigt als König (alias Onkel Gernot) das royale Unglückspaar mit dem notwendigen Maß an Unterwürfigkeit.
Fazit - Familientheater auf hohem Niveau
„Alice" am Jungen Staatstheater Kassel ist Familientheater auf hohem Niveau. Es nimmt seine jungen Darsteller ebenso ernst wie sein junges und erwachsenes Publikum, erzählt eine zeitlose Geschichte über Identität und Mut mit musikalischer Substanz und beweist einmal mehr, dass Lewis Carrolls verrückte Wunderwelt auch über 160 Jahre nach ihrer Entstehung nichts von ihrer Anziehungskraft verloren hat und auch in einer völlig neuen Interpretation nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken anregen kann. Malt den Himmel mit neuen Farben an!
© Text: Stephan Drewianka; Fotos © Isabel Machado Rios; Dieser Bericht erschien ebenfalls in der Musical Fachzeitschift Blickpunkt Musical Ausgabe
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