Musical „Pippin“ von Mask & Music 2025 im Audimax der Technischen Universität Dortmund
Die Suche nach Erfüllung im Leben
Lange bevor Stephen Schwartz grüne Hexen gegen die Erdanziehung kämpfen („Wicked“) und einen verunstalteten Glöckner in Liebe zu einer Zigeunerin entbrennen ließ („Disney´s Der Glöckner von Notre Dame“), schrieb er nach seinem Erstlingswerk „Godspell“ 1972 das Musical „Pippin“. Der junge Prinz Pippin, erster, aber unehelicher Sohn Karls des Großen, sucht verzweifelt nach Sinn, Erfüllung und einem „außergewöhnlichen“ Leben. Angefeuert von der geheimnisvollen Prinzipalin und einem Ensemble probiert Pippin verschiedene Lebenswege aus: Ruhm im Krieg, bei der er die Sinnlosigkeit von Gewalt erkennt, Macht als Herrscher, bei dem ihn politische Verantwortung und Moral überfordern, und sexuelle Ausschweifungen, die ihn leer zurücklassen. Keiner dieser Wege erfüllt ihn dauerhaft. Erst bei der einfachen Witwe Katharina und ihrem Sohn erlebt er echte Nähe und Menschlichkeit in privatem, aber vielleicht zu eintönigem, Glück. Als das Ensemble ihn zu einem spektakulären, selbstzerstörerischen Finale drängen will, entscheidet sich Pippin bewusst dagegen. Er wählt ein unscheinbares, ehrliches Leben und erkennt, dass wahres Glück nicht im einmaligen, großen Auftritt, sondern im Alltäglichen liegt.
Pippin – Die Kunst des Lebens 2025 von Mask & Music
Für die Originalinszenierung (Regie und Choreografie) war noch Bob Fosse verantwortlich, aber auch das spektakuläre Revival 2013, das die Handlung mit Akrobatik in einen Zirkus verlegte, wurde mit mehreren Tonys ausgezeichnet. Seit 10 Jahren ist der Amateur-Musicalverein „Mask & Music“ aus dem Ruhrgebiet im Bereich Musical vertreten, und vom 22.11.25 bis 01.02.26 zeigen alternierend die rote und violette Besetzung das Musical „Pippin – Die Kunst des Lebens“ bei freiem Eintritt. Unter der musikalischen Leitung von Jonathan Büker / Florian Koch spielt ein 36 Personen Orchester, das die Bühne im Audi Max auf eine kleinere Fläche reduziert, auf der die 19 Darsteller einer Besetzungsfarbe aus einem goldenen Glitzervorhang hervortreten und das „Stück im Stück“ als einheitlich geschminkte Theatertruppe in Signalfarben präsentieren. Für eine ausladende Choreografie von Natalie Schieferstein ist zu wenig Platz, im Mittelpunkt stehen aber das Schauspiel unter der Regie von Katharina Priestley und der künstlerischen Leitung von Salome Graf und die Songs, von denen „Corner of the sky“ auch über das Stück hinaus bekannt geworden ist.
Darsteller der violetten Besetzung von Pippin
In der violetten Besetzung überzeugen Lisa Schönert als verführerische Prinzipalin, die Sonderling Pippin (Lucas Prats González) die komplette Bandbreite menschlichen Daseins ausprobieren lässt und dabei sogar die Macht einer Erzählerin hat, bereits Geschehenes, wie Pippins Mord an seinem Vater Karl (Christopher Sondermann), mit einem Wimpernschlag rückgängig zu machen. Weiterhin überzeugt Anton Staudt als Pippins jüngerer Bruder Ludwig und gerissener Herkules-Muskelmann, Charlotte Schwartpaul als ehrgeizige und machthungrige Stiefmutter Pippins, Mónica González als freche und lebenslustige Großmutter Bertha und Marilena Kersting als bodenständige Witwe Katharina, die Pippin davon überzeugt, dass ein einfaches Leben nicht das Allerschlechteste sein muss.
Als Zuschauer ist es immer wieder ein ungewöhnliches Erlebnis, im Audi Max der technischen Universität Dortmund auf Holzstühlen zu sitzen und die quietschenden, schrägen Tische herunterzuklappen. Trotzdem lohnt sich ein Besuch von „Mask & Music“ dank des großen Live-Orchesters und der ambitionierten Truppe meist jugendlicher Darsteller, die mit vollem Herzblut bei der Sache sind. Wenn alles im üblichen Rotations-Ablauf des Vereins bleibt, können wir Ende 2026 als nächste Produktion wieder ein kurzweiliges Musicalkonzert zu einem bestimmten Motto erwarten.
© Text und Fotos: Stephan Drewianka, Musical-World.de; dieser Bericht erschien ebenfalls in der Musical-Fachzeitschrift Blickpunkt Musical Ausgabe 139 - 01-2026














