Musical Pippin von Stage Focus © Stephan Drewianka
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Daddy Long Legs - Musical von Close Up – Kammermusical 2026 in Münster

Verstrickt in ein Netz aus Lügen

Die Wurzeln des Kammermusicals „Daddy Long Legs" reichen bis ins Jahr 1912 zurück, als die amerikanische Schriftstellerin Jean Webster ihren gleichnamigen Briefroman veröffentlichte, ein Werk, das die Ziele der frühen Frauenbewegung in eine berührende Liebesgeschichte verpackte und bis heute nichts von seinem Charme verloren hat. Der Stoff wurde bisher fünfmal verfilmt (1955 mit Fred Astaire und Leslie Caron) und sogar zu einer 40-teiligen Zeichentrickserie (im deutschen Fernsehen unter dem Titel „Das Geheimnis von Daddy Langbein") verarbeitet. Für die Musicalbühne adaptierten der Tony-Award-nominierte Komponist Paul Gordon und der Tony-Gewinner John Caird (Regisseur von „Les Misérables") den Stoff zu einem intimen Zwei-Personen-Werk. Die Weltpremiere fand am 17. Oktober 2009 in Kalifornien statt. Es folgten Produktionen am Londoner West End 2012 sowie eine Off-Broadway-Produktion 2015, die Geschichte schrieb: Der Livestream am 10. Dezember 2015 machte „Daddy Long Legs" zur ersten Off-Broadway-Produktion überhaupt, die vor 150.055 Zuschauern aus 135 Ländern live im Internet übertragen wurde. Weitere Produktionen folgten in Japan, Korea, Kanada, Russland und Australien. 

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Deutschsprachige Premiere 2018 in Bielefeld

Im deutschsprachigen Raum feierte das Stück seine Erstaufführung am 25. November 2018 im Theater Bielefeld, in der deutschen Fassung von Marie-Luise Schottleitner und Martin Fischerauer. Nun bringt das Münsteraner Ensemble „Close Up“ das Stück auf die Bühne, nach ihren Vorgängerproduktionen „Ordinary Days" (2023) und „John & Jen" (2024) abermals ein Kammerformat mit großer emotionaler Story. Die Premiere fand am 18. April 2026 im Begegnungszentrum Meerwiese statt mit Sophia Winona Ackermann als Jerusha und Sönke Westrup als Jervis in den beiden Hauptrollen sowie einer akustisch-intimen Besetzung aus Klavier (Caspar Engelkes), Gitarre (Niklas Schindler) und Cello (Felix Albert).

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Handlung von Daddy Long Legs

Neuengland, Anfang des 20. Jahrhunderts: Jerusha Abbott ist die Älteste im John-Grier-Waisenheim und hat dort ihr ganzes bisheriges Leben verbracht, ohne Familie, ohne Fürsprache, aber mit einer Begabung, die ihr letztlich eine unerwartete Chance eröffnet. Ein reicher, unbekannter Wohltäter hat ihre satirisch-witzigen Aufsätze gelesen und ist so beeindruckt, dass er ihr eine Ausbildung zur Schriftstellerin finanziert, verbunden mit einer einzigen, aber ungewöhnlichen Bedingung: Jerusha soll ihm jeden Monat einen Brief über ihr neues Leben schreiben. Er werde nie antworten und seine Identität niemals preisgeben. Jerusha fügt sich, und da sie von dem mysteriösen Mann nur seinen langen, schmalen Schatten kennt, tauft sie ihn liebevoll „Daddy Long Legs" (deutsch: Weberknecht).

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Freiheit, Neugier und aufkommende Gefühle

So beginnt für die junge Frau eine Reise in eine ihr völlig fremde Welt mit Collegealltag, Freundschaften, Literatur und einer bisher nicht gekannten Freiheit. In ihren monatlichen Briefen, die das musikalische Herzstück des Stücks bilden und fast wörtlich aus dem Briefroman ins Libretto übernommen wurden, schildert sie alles mit wachsender Neugier und Selbstironie von der ersten Prüfung, dem ersten Scheitern und ihrem ersten Erblühen als Persönlichkeit. Obwohl ihre Briefe nie beantwortet werden, entwickelt sie tiefe Gefühle für den vermeintlich alten Gönner, der ihr in ihrer Fantasie mehr und mehr zum Vertrauten wird. Als dann Jervis Pendleton, der charmante junge Onkel einer Kommilitonin, in ihr Leben tritt und sie in die Welt von Büchern, Reisen und Abenteuern einführt, gerät Jerushas Herz in Aufruhr. Denn Jervis scheint sie auf eine Weise zu kennen und zu verstehen, die sie in ihrer Einzigartigkeit ganz aufgehen lässt, fast so, als würde er ihr schon längst vertraut sein…

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Regie, Bühne, Musik und Kostüme

Unter der Regie von Kathi Laukemper und Hauptdarsteller Sönke Westrup entspinnt sich die Geschichte anders als in bisherigen Produktionen, die auf Briefpapier und Schreibfeder setzen. In Münster ist ein Webrahmen zentrales Requisit der Produktion, auf dem die bereits symmetrisch gespannten Wollfäden im Laufe der Handlung durch beide Protagonisten immer weiter mit neuen Bahnen ergänzt werden und so ein sich immer weiter entwickelndes Bühnenbild während des rund 90-minütigen Einakters kreieren. Es bleibt der Interpretation der Zuschauer überlassen, ob das Durchtrennen der grauen Fäden, die Jerusha am Anfang an den Rahmen binden, den Beginn ihrer Entwicklung zu einer neuen, bunten Gefühlswelt darstellt, während Jervis Fäden ihn in ein immer enger werdendes Netz an Lügen verstrickt, aus dem er sich nicht mehr befreien kann. Das Motiv der Wollfäden wird konsequent verfolgt: die drei Bandmitglieder, die liebevoll immer wieder durch Gesten mit in die Handlung eingewoben werden, tragen gestrickte Wollsocken und gehäkelte Fliegen. Die Kostüme von Sophia Winona Ackermann sind in Handarbeit gehäkelt, und während Jerusha von Beginn an Häkelkleider trägt, die immer farbenfroher werden, tauscht auch Jervis zum Finale seinen braunen Anzug gegen eine gehäkelte Regenbogen-Wollweste ein. Sönke Westrup hat für die Produktion extra häkeln gelernt, damit auch er während des Stückes Jerusha gehäkelte Geschenke überreichen kann.

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2-Personen Kammermusical mit bezaubernder Geschichte

Obwohl beide Laien-Darsteller im wahren Leben Regieassistentin am Osnabrücker Theater bzw. angehender Lehrer im Referendariat sind, überzeugen sie sehr sympathisch nicht nur in den Dialogsequenzen, sondern meistern auch die Gesangspartien mehr als souverän, unterstützt von einem harmonisch aufspielenden Musiker-Trio, das wie bereits erwähnt, mehr leistet als nur die instrumentale Untermalung des Live-Gesangs. Die bezaubernde Geschichte im intimen „Close Up“-Rahmen, der die Zuschauer mitten im Geschehen der Handlung sitzen lässt und fesselt, ist gute Musicalunterhaltung, die völlig ohne große Effekte wirken kann.

Nach den Aufführungen in Münster geht das Kammermusical auf eine kleine Tournee und ist vorerst bis zum 04. Juli 2026 in Telgte, Osnabrück, Beckum und Holzwickede zu sehen, wobei weitere Termine in anderen Städten noch ergänzt werden können.

© Text und Fotos: Stephan Drewianka, Musical-World.de; dieser Bericht erschien ebenfalls in der Musical-Fachzeitschrift Blickpunkt Musical Ausgabe



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