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Hedwig and the angry inch im Theater
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Hedwig and the Angy Inch © Stephan Drewianka
Hedwig and the Angy Inch © Stephan Drewianka
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„Hedwig and the angy inch“ vom Studio Lev in Kassel

Hedwig and the Angy Inch © Stephan Drewianka
Hedwig and the Angy Inch © Stephan Drewianka
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Hedwig and the Angy Inch © Stephan Drewianka
Hedwig and the Angy Inch © Stephan Drewianka
Hedwig and the Angy Inch © Stephan Drewianka
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Hedwig and the Angy Inch © Stephan Drewianka
Hedwig and the Angy Inch © Stephan Drewianka
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Verletzt und Verletzend

Das erfolgreiche Studio Lev aus Kassel wollte als Nachfolgestück für das Musical „Grimm“ des letzten Jahres gerne die Off-Broadway Show „Hedwig and the angry inch“ von John Cameron Mitchell (Buch) und Stephen Trask (Musik) aus dem Jahre 1998 aufführen. Doch die ambitionierten Musikstudenten bekamen als Auflage für die Rechtefreigabe die Bedingung, die beiden Hauptrollen des Stückes mit professionellen Musicaldarstellern zu besetzen. Dem Casting-Aufruf folgte u.a. Alice Macura aus Wien („Elisabeth“, „Aida“) für die Rolle des Yitzhak und Andreas Bieber („Joseph“, „Ich war noch niemals in New York“) für Hedwig. Bieber spielte bereits 2006 die Titelrolle am Wiener Metropol. Diese Spielzeit war jedoch auf wenige Vorstellungen beschränkt und erst in den letzten Shows hatte Bieber nach eigener Aussage das Gefühl, den vielschichtigen Charakter wirklich zu verstehen und „richtig“ zu spielen. Seitdem suchte der Künstler eine Gelegenheit, die noch offene Rechnung mit Hedwig begleichen zu können, doch es ergab sich bis zum 26.05.17 nicht die Möglichkeit für ihn, Hedwig ein weiteres Mal Leben einzuhauchen. An diesem heißen Freitag im Mai feierte Hedwig Premiere im neuen Studio Lev, einer ehemaligen Tresorfabrik im Schillerviertel der Stadt Kassel.

Liebevoll hergerichtet sitzt das Publikum in vier verschiedenen Themenecken aus der Welt der Hedwig. Da ist die Retro-Ecke der ehemaligen DDR, eine religiöse Kirchenecke, ein heruntergekommener amerikanischer Trailer-Park sowie ein luxuriöses New Yorker Loft im Glitter-Glam-Look (Bühne und Kostüm: Isabell Heintke). In diesen Themenwelten gibt es kleine Nebenbühnen auf der Hedwig agiert und damit in der Regie von Philipp Rosendahl mitten in ihrem Publikum auftritt. Denn die international ignorierte Chanteuse Hedwig muss in diesem schäbigen Club in Kassel auftreten, während ihr Ex, der erfolgreiche Sänger Tommy Gnosis das benachbarte Kasseler Stadion füllt und zeitgleich ein Konzert mit Hedwigs Songs aufführt und damit Millionen macht. Hedwig ist wütend und nachdem sie über Kassel und die Welt erbarmungslos abgelästert hat, erzählt die Rock-and-Roll-Drag-Queen, wie sie in dieser Bruchbude gelandet ist.

In Ostberlin wächst Hansel Schmidt auf der falschen Seite der Mauer auf und verliebt sich in den GI Luther, der verspricht, ihn nach einer Geschlechtsumwandlung zu heiraten und ihn mit nach Amerika zu nehmen. Der besoffene Chirurg verpatzt aber die OP und bei Hedwig bleibt ein zorniger Zentimeter als hässliche Narbe zurück, die sie immer daran erinnert, zu keiner Seite zu gehören. Den Mauerfall erlebt Hedwig verlassen von ihrem Sugar Daddy allein in einem Wohnwagenpark in Kansas. Als Babysitterin lernt sie den pickligen Tommy Speck kennen und lieben, schreibt ihm Glam Rock-Songs aus den 70ern und macht ihn zum Superstar Tommy Gnosis, der sie ebenfalls sitzen lässt. Und so schließt sich der Kreis mit Hedwig und ihrem jetzigen Partner Yitzhak, mit dem sie eine zerstörerische Hassliebe verbindet und beide nun nach Kassel geführt hat.

Hedwig ist aggressiv, brutal, charismatisch, devot, emotional, furchtsam, geil, hasserfüllt, ignorant, jähzornig, kompliziert, laut, maßlos, niveaulos, offen, pervers, quirlig, ratlos, sanft, traurig, unmoralisch, verletzlich, wild, xanthippisch , y-chromosomal, zügellos - mit einem Wort: von A bis Z ein Mensch wie Du und ich. Andreas Bieber verarbeitet diese Emotionen eindrucksvoll in einem Kaleidoskop szenischer Geschichten. Ihm gelingt es scheinbar mühelos, einen Charakter zu erschaffen, den man zu Beginn der Show abstoßend, vulgär und peinlich findet. Mit der Zeit lernt man aber diesen Menschen durch die widrigen Umstände, die ihn geformt haben, zu akzeptieren und schlussendlich sogar zu mögen. So wie Andreas Bieber als Mann eine Frau spielt, schlüpft Alice Macura als Frau in die Männerrolle Yizthak. Zwei Gegenpole, die sich gegenseitig anziehen, weil sie so verschieden und anders sind. Neben der Story sind die 11 Songs, die ein kurioses Gemisch aus Glam-Rock, Grunge, Rock ´n´Roll und Country sind, eher schmückendes Beiwerk. Die fünfköpfige Band der „Angry Inches“ (Gitarre: Aladin Mors, Lukas Blumenstein, Alexander Weyh, Bass: Yannick Trolldenier, rums: Lukas Prelle) unter der Leitung von Christian Köhn lässt die Industriehalle musicaluntypisch erzittern, erreicht aber das Publikum zum finalen „Lift up your hands“. 
Hedwig in Kassel ist eine Tour de force, die vielleicht nicht jedem gefällt, die aber denjenigen, der sich darauf einlässt, in seinen Bann zieht und seelisch wie Andreas Bieber am Ende praktisch nackt zurücklässt.

© Text und Fotos: Stephan Drewianka; dieser Text erschien in gekürzter Fassung auch in der Fachzeitschrift Blickpunkt Musical 4-17, Ausgabe 89, Juli-September 2017

Hedwig and the Angy Inch © Stephan Drewianka
Hedwig and the Angy Inch © Stephan Drewianka
Hedwig and the Angy Inch © Stephan Drewianka