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Theater

Into the Woods am Staatstheater in Kassel

  • Into The Woods in Kassel © N. Klinger
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  • Into The Woods in Kassel © Stephan Drewianka
  • Into The Woods in Kassel © Stephan Drewianka
  • Into The Woods in Kassel © Stephan Drewianka

Rauchen kann tödlich sein!

Musicals am Originalschauplatz haben immer ihren ganz besonderen Reiz. Seit dem 30. Oktober 2010 steht das Sondheim-Musical „Into The Woods“ auf dem Spielplan des Staatstheaters Kassels, wo die Gebrüder Grimm die Märchen der Dorothea Viehmann ab 1812 zu Weltruhm brachten. Stephen Sondheim (Musik und Liedtexte) und James Lapine (Buch) verarbeiteten 1987 Motive der Grimmschen Märchen von Rotkäppchen, Aschenputtel und Rapunzel in ihrem Märchenmusical, das in der Übersetzung von Michael Kunze erstmals 1990 in Heilbronn unter dem Titel „Ab in den Wald“ in Deutschland aufgeführt wurde.

In der Märchenstadt Kassel inszeniert Regisseur Matthias Davids den vielzitierten Wald nicht mit Laub- oder Nadelhölzern, sondern lässt die bösen Wölfe und tapferen Prinzen in einem Gewirr aus überdimensionalen Streichhölzern aufeinander treffen. Selbst der Bäcker und seine Frau bewohnen eine Welt-Hölzer Streichholzschachtel (Bühne: Mathias Fischer-Dieskau), um von dort aus den Fluch der Nachbar-Hexe zu brechen und endlich Kinder bekommen zu können. Die Aufgabenreihe, eine schneeweiße Kuh, ein blutrotes Mäntlein, korngelbes Haar und einen goldenen Schuh bis zur Mitternachtsstunde des dritten Tages zu besorgen, erfüllt das kinderlose Ehepaar in letzter Minute und die hässliche Hexe erstrahlt erneut in jugendlicher Schönheit.

Alle Wünsche gehen in Erfüllung, doch nach dem Happy End müssen die Figuren im gar nicht mehr so märchenhaften Alltag weiterleben, in dem sich Prinzen langweilen und sich nach neuen Taten (und neuen Prinzessinnen) sehnen. Hans hat mit den Zauberbohnen das Schloss des Riesen in den Wolken ausgeräubert und seiner Mutter zu Reichtum verholfen, jedoch steigt nun die Riesin herab, um ihren toten Mann zu rächen. Und diese Bedrohung trifft alle Figuren, die sich gegenseitig die Schuld zuschieben und erst spät erkennen, zu den Konsequenzen ihres Handels zu stehen und gemeinsam ihre Verantwortung zu teilen. Der düstere Charakter des zweiten Aktes wird durch das Bühnenbild verstärkt, in dem nun die Streichhölzer geknickt und halb heruntergebrannt sind und die Riesin mit überdimensionalen Zigarettenkippen nach ihren winzigen menschlichen Feinden wirft – Rauchen schadet in dieser Form definitiv der Gesundheit!

Sondheim schrieb seine Musicalpartitur für den ersten Akt zügig, heiter und leicht, während der zweite Akt weniger albern und düster ausfiel. Unter der musikalischen Leitung von Alexander Hannemann ist die anspruchsvolle Musik in guten Händen, das Staatsorchester Kassel präsentiert den symphonischen Sound Sondheims mit den Highlights „Liebesleid“, „Ab in den Wald“, „Mitternachtsstunde“, „Niemand ist allein“ und „Kinder versteh´n schon“ perfekt auf den Punkt gebracht. Die deutschen Songtexte, deren Komplexität schon so manchen Musicaldarsteller um den Schlaf gebracht haben dürften, werden vom großartigen Ensemble, das neben den Darstellern des Hauses mit einigen hochkarätigen Gästen aufwarten kann, mal mit hintersinnigem, feinen Humor, mal mit aufbrausendem Temperament oder zarter Schmusestimme perfekt umgesetzt.

Als Erzähler und geheimnisvoller Mann führt Erwin Bruhn (Frollo in Disneys „Der Glöckner von Notre Dame“, Herr von Unruh in „Die Schöne und das Biest“) immer präsent durch die Handlung und hält dabei alle verwirrenden Handlungsfäden fest in der Hand. Detlef Leistenschneider (Harry in „Mamma Mia!“, Dimitry in „Der Schuh des Manitu“) ist ein herzlicher und liebenswerter Bäcker, der zusammen mit seiner emanzipierten Frau, gespielt von der warmherzigen Mary Harper (Johanna Spyri in „Heidi das Musical“, Schwester Amnesia in „Nonnsens“), zu der trefflichen Einsicht gelangt, dass es zwei Menschen braucht, wenn man ein Kind haben will und sie deshalb mit auf die gefahrvolle Suche nach den vier Gegenständen in den Wald nimmt.

Die gebürtige Norwegerin Ann Christin Elverum (Fantine in „Les Miserables“, Königin Anna und Milady de Winter in „Die 3 Musketiere“) hat mit leichtem Akzent am deutlichsten mit dem schwierigen deutschen Libretto zu kämpfen, überzeugt jedoch in ihren Solopassagen. Bei der Verwandlung von der schrulligen Hexe in die liebreizende Schöne ist für den Theaterbesucher jedoch überdeutlich sichtbar, wann Frau Elverum in der Maske zum Umkleiden verschwindet und durch ein Double auf der Bühne vertreten wird, bewegt die Vertretungshexe mit übertriebenen Gesten nie die Lippen zur Stimme aus der Garderobe – hier könnte etwas mehr Sorgfalt die Verwandlung mit Schall und Rauch zur wirklichen Überraschung statt zum peinlichen Bäumchen-verwechsel-Dich Spiel werden lassen.

Voll in ihrem Element spielt sich Lisa Antoni (Mary Vetsera in „Rudolf – Affaire Mayerling“, Constance in „Die 3 Musketiere“) vom schmutzigen Aschenputtel bis zu den „Stufen des Schlosses“ und ins Herz ihres Prinzen Serkan Kaya (Udo in “Hinterm Horizont”, Galileo in „We Will Rock You“, Anatoly in „Chess“, Judas in „Jesus Christ Superstar“). Kaya hat als Prinz und Wolf jeden Lacher auf seiner Seite und ist das komödiantische Highlight in dieser Inszenierung. Zusammen mit Julian Looman als Rapunzels Prinz und Wolf geben beide Darsteller schon rein äußerlich ein herrlich unterschiedliches Brüdergespann ab (Looman als blonder Riese, Kaya als schwarzhaariger „Zwerg“). Als muskelbepackte Wölfe in den fantasievollen Kostümen von Judith Peter verführen sie das ewig futternde Rotkäppchen, das mit Marianne Curn ebenfalls fulminant besetzt ist und sich im Laufe des Stückes zu einer messerfuchtelnden Ninja-Kämpferin mausert. Ein wahrer Hans im Unglück ist Tom Schimon (Travis in „Footloose“), der immer in Sorge um seine Kuh Milchweiß ist, die selbst als mechanische Puppe darstellerisch überzeugen kann.

Nach drei Stunden hochkarätiger Musicalunterhaltung, zu der auch die Choreografie von Simon Eichenberger beiträgt, kann man Kassel zur gelungenen Umsetzung des Märchen-Musicals nur gratulieren. Leider scheint das Publikumsinteresse an diesem in Deutschland noch recht unbekannten Stück nicht besonders groß zu sein, waren für die ersten Vorstellungen nach der Premiere trotz überragender Kritiken der Tagespresse noch viele Karten an der Abendkasse erhältlich. Auch wenn man in Kassel etwas märchen-müde zu sein scheint, sollte man sich als Musicalfan diese gelungene Inszenierung von „Ab in den Wald“ nicht entgehen lassen! 

Lesen Sie auch unsere Theaterkritik zu Into the Woods in Hagen!

Alles zu Into The Woods bei Sound Of Music!

© Text: Stephan Drewianka, Fotos: N. Klinger; dieser Bericht erschien auch in der Zeitschrift Blickpunkt Musical, Ausgabe 01/11, Januar-Februar 2011

  • Into The Woods in Kassel © Stephan Drewianka
  • Into The Woods in Kassel © N. Klinger
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