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Theater

EVITA in der Oper Dortmund

  • Evita in Dortmund © Bettina Stöß, Stage Picture
  • Evita in Dortmund © Bettina Stöß, Stage Picture
  • Evita in Dortmund © Bettina Stöß, Stage Picture
  • Evita in Dortmund © Bettina Stöß, Stage Picture
  • Evita in Dortmund © Bettina Stöß, Stage Picture
  • Evita in Dortmund © Bettina Stöß, Stage Picture
  • Evita in Dortmund © Bettina Stöß, Stage Picture
  • Evita in Dortmund © Stephan Drewianka
  • Evita in Dortmund © Stephan Drewianka
  • Evita in Dortmund © Stephan Drewianka
  • Evita in Dortmund © Stephan Drewianka

Tango Argentino im Ruhrpott

Das Musiktheater in Dortmund wirbt für den Musicalklassiker “Evita” von Sir Andrew Lloyd Webber und Tim Rice auf ungewöhnliche Weise mit einem auf Rosen gebetteten Bilderrahmen, auf dem eine blütenweiße Frau mit Heiligenschein und Jesuskreuz vor einem Mikrophon strahlend in den Himmel blickt. Die Erhöhung der einfachen Schauspielerin zur “Santa Evita” des Volkes ist dann auch das zentrale Thema in der Neuinszenierung von Regisseur Stefan Huber, die auf der Londoner Fassung von 2006 beruht und am 12.09.09 im Opernhaus Dortmund seine Premiere feierte.

Die musikalische Erzählung des Lebens von Eva Peron beginnt in einem argentinischen Kino, dessen Vorführung unterbrochen wird, um vom traurigen Tod der Präsidentengattin zu berichten. Ein gleißend heller Sarg schwebt von der Decke und das Kino verwandelt sich mit einem blauen Neonkreuz in eine Kirche, in der sich das Volk von seiner Heldin verabschiedet. Che, der Erzähler der Geschichte, macht dem aufgesetzten Zirkus ein Ende und berichtet in einem Rückblick vom wirklichen Leben der kleinen Eva Duarte, die als mittelmäßige Schauspielerin nach Argentinien kommt, sich über die Betten einflussreicher Männer bis an die politische Spitze hinauf schläft, um schließlich an der Seite von Peron zur mächtigsten Frau Argentiniens aufzusteigen. Doch der Krebs besiegt die Ambitionen der jungen Frau und sie wird zur Legende...

“Evita” ist zu Recht ein Garant für volle Theaterhäuser und erfreut sich auch in Deutschland einer ungebrochenen Beliebtheit beim Musicalpublikum, selbst nach der Verfilmung von 1996, in der Madonna und Antonio Banderas nicht unumstritten die Titelrollen verkörperten. Für den Film komponierte Webber den Song “You Must Love Me” zum ursprünglichen Material hinzu und heimste damit auch den begehrten Oscar ein. In der Dortmunder Neufassung ist dieses Lied unter dem deutschen Titel “Verlass mich nicht” ebenfalls zu hören. Regisseur Stefan Huber zeigt nicht die angestaubte Urfassung von 1978, sondern ist mit der Neufassung von 2006, die durch erotische Tanzeinlagen mit Tango Argentino (Choreographie: Eric Rentmeister) auftrumpft, erfreulich modern.

Das Bühnenbild von Harald B. Thor, das die technischen Raffinessen der Hebebühnen des Opernhauses geschickt einsetzt und so immer wieder neue, beindruckende Bilder schafft, setzt die wechselnden Schauplätze temporeich in Szene. Glanzpunkte sind die bereits angesprochene Umwandlung des Kinos in eine Kirche, aber auch die Benefizveranstaltung in einem Stadion, wo sich Eva und Juan Peron hinter der Bühne, auf der ein argentinischer Tango dargeboten wird, zum ersten Mal begegnen, oder der bewegende Moment auf dem Balkon der Casa Rosata, wo Evita ihr “Wein nicht um mich Argentinien” anstimmt. In Dortmund senkt sich der Balkon mitten in das jubelnde Volk und dreht sich nach dem Song herum, um zu zeigen, was danach “hinter den Kulissen” abläuft. Susanna Hubrich unterstützt mit den passenden Kostümen den positiven Gesamteindruck des Bühnenbildes.

Im Orchestergraben sorgt Dirigent Kai Tietje dafür, dass der musikalische Rahmen modern und temporeich das Bühnengeschehen ergänzt. Kraftvoll symphonisch unterstützen die Dortmunder Philharmoniker die Darsteller auf der Bühne. Ann Mandrella (Barbette in Disney´s “Beauty And The Beast” in Wien, Stuttgart und New York) zeigt als hochgewachsene Frau alle Facetten vom Bauernmädchen über die verführerische Hure zur weltgewandten Modepuppe bis zum tragischen Ende der durch Krankheit in die Knie gezwungenen Frau, die allein gelassen im Krankenbett stirbt. Ann Mandrella findet bei ihrer Interpretation der Eva Duarte einen eigenen Weg und überzeugt durch ihre gesangliche sowie schauspielerische Auslegung der Rolle.

Ihr Rivale und gleichzeitig zynischer Erzähler der Geschichte ist Serkan Kaya als Che, der wie Ann Mandrella seine Ausbildung an der Essener Folkwang Hochschule absolvierte und als Rockröhre schon in “Jesus Christ Superstar” und “Chess” (beide im Aalto-Theater in Essen) sowie in “We Will Rock You” (Köln, Zürich, Wien), “Elisabeth” (Wien) und “Spamalot” (Köln) die Fans begeisterte. Kaya übernimmt bei “Evita” den Part des Regimekritikers, der immer kühl die Handlung dokumentiert und selbst beim “Walzer für Eva und Che” Distanz zur historischen Person behält. Ebenfalls Absolventen der Folkwang Hochschule in Essen sind Markus Schneider, der den herrlich schleimigen Schnulzen-Sänger Magaldi gibt, und der Geheimtipp Patrizia Margagliotta als Geliebte Perons, die mit ihrem einzigen Song “Du nimmst den Koffer wieder in die Hand” ein Highlight des Abends setzten kann. Der hauseigene Hannes Brock gibt rollendeckend den etwas blassen Juan Peron, der im Schatten seiner strahlenden Evita steht.

Fazit: Gute Musicaldarsteller, das stimmige Bühnenbild und die hervorragende Choreografie tragen im Dortmunder Opernhaus zu einem gelungenen Theaterabend bei, wenn auch der für Stadttheater leider symptomatische mittelmäßige Ton das positive Gesamtbild etwas schmälert. Die vorerst 14 geplanten Vorstellungen von “Evita” gehen nach dem 25.12.09 sicherlich 2010 in eine verdiente Verlängerung.

© Text: Stephan Drewianka; Bühnenfotos (7): Bettina Stöß, Stage Picture; Fotos Schlussapplaus (4): Stephan Drewianka

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