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Die Dreigroschenoper in Bad Hersfeld

  • Die Dreigroschenoper in Bad Hersfeld © Stefan Odry
  • Die Dreigroschenoper in Bad Hersfeld © Stefan Odry
  • Die Dreigroschenoper in Bad Hersfeld © Stefan Odry
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  • Die Dreigroschenoper in Bad Hersfeld © Stefan Odry
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  • Die Dreigroschenoper in Bad Hersfeld © Stephan Drewianka
  • Die Dreigroschenoper in Bad Hersfeld © Stephan Drewianka
  • Die Dreigroschenoper in Bad Hersfeld © Stephan Drewianka
  • Die Dreigroschenoper in Bad Hersfeld © Stephan Drewianka
  • Die Dreigroschenoper in Bad Hersfeld © Stephan Drewianka

Ein Käfig voller Gauner – Die Dreigroschenoper Open Air in der Stiftsruine Bad Hersfeld

Für Fußball-Fans lag der Premieren-Termin der Dreigroschenoper auf der Freilichtbühne in Bad Hersfeld gar nicht günstig, war doch am 14. Juni 2006 genau um 21 .00 Uhr zeitgleich der Anstoß zum 2. WM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Polen. So mancher verzweifelte Ehemann steckte sich heimlich einen Radio-Kopfhörer in ein Ohr und folgte simultan den Bemühungen unseres Fußballteams und dem Geschehen auf der Bühne.

Berthold Brechts Dreigroschenoper ist ein Theaterstück mit 22 Gesangsnummern von Kurt Weill und unterscheidet sich immens von einer durchkomponierten Oper, obwohl sie diesen Titel im Namen trägt. Doch diesem Fakt ist es vielleicht zu verdanken, dass dieses Stück in Bad Hersfeld aufgeführt wird. Die neue Festspielintendantin Elke Hesse, die eine Musicalausbildung am Konservatorium in Wien abgeschlossen hat und schon das Soloprogramm von Helen Schneider »A Voice and a Piano« mitentwickelte, wollte nach erfolgreichen Musical-Produktionen von Evita, Jesus Christ Superstar und zuletzt Camelot ausschließlich Opern und Schauspiele in der Stiftsruine zeigen. Vielfach wird die Dreigroschenoper nicht zuletzt durch die Interpretation der Kurt Weill-Chansons von Musicalstar Ute Lemper dem Musical zugeordnet, doch streng genommen nimmt das Stück mit Musik eine einmalige Sonderstellung ein.

Schon die Entstehungsgeschichte der Dreigroschenoper war mehr als chaotisch, suchten die Besitzer des neuen Theaters am Schiffbauerdamm in Berlin 1928 ein passendes Eröffnungsstück. In Brechts Bearbeitung der »Beggar's Opera« von John Gay (Text) und Johann Christoph Pepusch (Musik) aus dem Jahr 1728 fanden die Theaterbesitzer ein politisch engagiertes Stück, das sie inhaltlich ansprach und als Persiflage auf die voll im Trend liegenden Barockopern angelegt war:

Handlung und Geschichte der Dreigroschenoper

In London bereitet man sich auf die Krönungsfeierlichkeiten vor – auch die von Jonathan Peachum streng organisierten Bettler, die ihm zu diesem Fest ein sattes Geschäft durch die horrende Beteiligung an ihren Betteleinnahmen garantieren. Doch Tochter Polly hat sich in den größten Verbrecher der Stadt, den Geschäftsmann Mecheath mit dem Spitznamen Mackie Messer verliebt. Beide brennen durch und heiraten. Ein Hochzeitsgast ist Polizeichef Tiger Brown, der schon seit frühester Kindheit mit Mecheath befreundet ist. Mecheath gibt seine Donnerstagstermine im Bordell auch nach seiner Heirat nicht auf. Die Bordell-Hure Jenny wird von Peachem bestochen, Mecheath zu denunzieren. Er wird verhaftet und diesmal kann ihm auch der Polizeichef nicht helfen, denn Peachem droht, mit seinen Bettlern die Krönungsfeier zu stören. Die Tochter des Polizeichefs Lucy befreit ihn zwar, doch als Polly erfährt, dass Mecheath auch mit Lucy verheiratet ist, wendet sie sich von ihm ab und unterstützt ihre Eltern darin, Mecheath an den Galgen zu bringen. Die Huren kennen noch weitere intime Details des berüchtigten Frauenhelds. Buchstäblich in letzter Minute kommt die Rettung von unverhoffter Seite, Mackie Messer wird begnadigt und in den Adelsstand erhoben…

Mit dem Engagement von Komponist Kurt Weill, der mit seinem dissonanten Jazz-Stil nur von wenigen Kritikern geschätzt wurde, war man zunächst nicht besonders glücklich. Doch Weill vertonte Brechts Ideen mit Bravour, schrieb er doch einige Balladen seiner Frau Lotte Lenya, die in der Uraufführung die Spelunken-Jenny gab, auf den Leib. Während der Proben sprangen viele Schauspieler aus den unterschiedlichsten Gründen kurzfristig von dem »völlig unzugänglichem Stück« ab. Hauptdarsteller Harald Paulsen wollte nicht darauf verzichten, mit seiner geliebten blauen Fliege aufzutreten, die jedoch gar nicht zu der Rolle eines Gangsterbosses passen wollte und verlangte kurz vor der Premiere einen eigenen Song, der besser seinen Charakter im Stück einführte. Daraufhin schrieb Kurt Weill mit knirschenden Zähnen den Song »Die Moritat von Mackie Messer« (»Und der Haifisch, der hat Zähne«), der später ein Welthit werden sollte. Nach der erfolgreichen Premiere am 31. August 1928 sang man auf den Strassen Berlins den »Kanonensong«, die »Ballade von der sexuellen Hörigkeit«, den »Song vom Nein und Ja« und »Denn wovon lebt der Mensch?«. Die Dreigoschenoper wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt (u.a. 1962 mit Curd Jürgens, Hildegard Knef , Gert Fröbe, Lino Ventura  und Walter Giller).

15 Jahre sind seit der letzten Produktion in Bad Hersfeld vergangen, da wurde es wieder einmal Zeit für die gesellschaftskritische Korruptions-Parabel, in der jeder nur an sich denkt, die ihm zugeordnete Rolle ohne Rücksicht auf Verluste spielt und die Grenzen zwischen angesehenem Bürger und skrupellosem Verbrecher verschwinden. Regisseur Dominique Horwitz, der als bekannter und renommierter Schauspieler (Tatort) sein Fach versteht, legt in dieser Neuinszenierung viel Wert auf das Schauspiel und vereint ein ausgezeichnetes Ensemble: Axel Prahl, bekannt als Tatort-Kommissar Frank Thiel bei der Mordkommission der Kripo Münster, wechselt Brecht-gerecht die Rolle und verkörpert hier Mackie Messer. Er findet im Ehepaar Peachum mit Ralf Dittrich und Josefin Platt würdige Gegenspieler, die ihm schauspielerisch beeindruckend Paroli bieten können. Anna Kubin als unschuldige Polly, die sich mit Claudia Wiedemer als Polizeitochter Lucy das herrliche »Eifersuchtsduett« liefern, sowie Tamara Stern als resolute Hure Jenny verkörpern die drei Hauptfrauen von Mecheath, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Nino Sandow gibt schon rein optisch einen imposanten Tiger Brown im Gewand eines Zirkusdirektors.

Überhaupt sind die Kostüme recht farbenfroh - genauso bonbonfarben-grell-kunterbunt, wie sich Bettler kleiden würden, wollten sie die High Society kopieren. Leider ist dies schon das einzige Highlight der Ausstattung von Katarina Sichtig, kommt das Stück doch mit extrem wenigen Requisiten aus (ein Gefängniskäfig, eine lange Sitzreihe für das Ensemble, ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett und eine Uhr, die die Zeit bis zu Meckie Messers Hinrichtung zeigt, sind schon alles). Die Handlung spielt sich, von großen Wänden vom hinteren Bühnenteil abgetrennt, ausschließlich im vorderen Teil der eigentlich imposanten Stiftsruine ab und bezieht das besondere Flair der Freilichtbühne nicht mit ein. Unspektakulär auch das Licht von Lukas Kaltenbäck, das nur im Bordell rote Farbakzente setzt. So konzentriert sich die Inszenierung voll und ganz auf das schauspielerische Talent der Hauptdarsteller. Brecht und Weill haben die Dreigroschenoper für Schauspieler geschrieben, die nicht zwingend eine Gesangsausbildung vorweisen mussten und so liegt das Hauptaugenmerk auch in Bad Hersfeld nicht auf schönem Gesang. Der Sprechgesang der Moritaten soll auch nicht musicaltypischen Ohrwurmcharakter haben, sondern mit seinem zynischen Libretto provozieren. Trotz einem engagiert aufspielenden Ensemble Quillo im Orchestergraben unter der musikalischen Leitung von Hans Rotmann bleiben die Weill-Chansons für Musicalfans sehr gewöhnungsbedürftig.

Fazit: Wie unsere Fußballelf in letzter Minute noch das 1:0 gegen Polen hinbekommen hat, ist auch die Dreigroschenoper in Bad Hersfeld dank der soliden schauspielerischen Leistung ein anspruchsvolles Theatererlebnis.

Für Besucher, die mehr über den historischen Hintergrund der Dreigroschenoper erfahren möchten, findet 75 Minuten vor Vorstellungsbeginn in der Konrad-Duden-Stadtbibliothek eine ca. 40 minütige Einführungsveranstaltung zum Preis von 3 Euro statt.

© Photos Schlussapplaus(5) & Text by Stephan Drewianka, Musical-World.de; Fotos Bühne: Stefan Odry (7); Dieser Artikel ist ebenfalls in der Fachzeitschrift Blickpunkt Musical (Ausgabe 04/06, Juli-August 2006) erschienen

Infos zu der Freilichtbühne unter www.bad-hersfelder-festspiele.de

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