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  • Carmen in Bad Hersfeld © Stephan Drewianka
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Musical Carmen in Bad Hersfeld

  • Musical Carmen in Bad Hersfeld © Stephan Drewianka
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Weltpremiere Carmen - Ein Deutsches Musical in der Stiftsruine Bad Hersfeld

Die Idee, Georges Bizets weltberühmte Oper Carmen nach der Novelle von Prosper Mérimée auf die Musicalbühne zu übertragen, ist nicht neu: In der Jazz-Version Carmen Jones ist es nicht eine Zigeunerin, die sich nach einer kurzen Affäre mit einem Sergeanten in einen Torero verliebt, sondern eine Fallschirmnäherin im zweiten Weltkrieg, deren unerfüllte Liebe eines amerikanischen Soldaten ihr Schicksal besiegelt (in der Verfilmung von 1954 spielte Harry Belafonte den GI Joe). In Carmen Cubana von Kim Duddy (2006) wurde die Handlung in die schwüle Halbwelt der tropischen Insel verlegt - natürlich mit rassigen Salsa-Klängen. Carmen - A new musical feierte 2007 in San Diego Weltpremiere und orientierte sich an der Originalhandlung, während Frank Wildhorns Carmen 2008 am Broadway Premiere feierte.

Der neue Intendant der Bad Hersfelder Festspiele Holk Freytag gab zum 60. Jubiläum der Open Air-Festspiele den Auftrag, den klassischen Stoff zu einem neuen Deutschen Musical umzuarbeiten und das Stück am 16. Juni 2010 zur Weltpremiere zu bringen. Die Schriftstellerin Judith Kuckart (Buch und Songtexte) und Komponist Wolfgang Schmidtke (Musik) transferierten die Handlung in ihrem ersten Musical “typisch deutsch” in die Nachkriegsjahre 1948 bis 1955.

Handlung und Geschichte des Musicals Carmen

Jo (Christian Alexander Müller) stammt aus gutem Hause und ist auf dem besten Wege, ein langweiliger Bürokrat zu werden. Doch seiner Jugendliebe Marie (jung: Kristin Hölck, alt: Franziska Weber), die in einem Kleidersalon arbeitet, ist dies mehr als genug und sie freut sich auf ihre Verlobung. Jos Arbeitgeber Stankowski (Martin Bringmann) soll Ordnung in den blühenden Schwarzmarkthandel bringen. Bei einem Außeneinsatz lernt er Carmen (Anna Montanaro) kennen. Als eine “Displaced Person”, eine jüdische, ehemalige KZ-Internierte aus dem Osten mit ansonsten unbekannter Vergangenheit, verdingt sie sich als Kartenlegerin und irritiert mit ihrem Überlebenswillen ihre Kolleginnen, die sie als Hure beschimpfen. Als sie sich vehement mit einem Messer verteidigt, soll Jo die Unruhestifterin festnehmen. Die erfahrene Femme fatale verdreht dem unschuldigen Jo schnell den Kopf und er lässt seine Gefangene laufen. Damit ist nicht nur Jos Karriere am Ende, der verliebte Trottel löst auch seine Beziehung zu Marie, um mit Carmen ein neues Leben zu beginnen. Aber die Karten lügen nicht: nach sieben fetten Jahren soll Carmens Beziehung zu Jo enden.

Carmen trotzt ihrem Schicksal, doch während in Deutschland das Wirtschaftswunder einsetzt und sich ehemalige Schwarzmarkthändler wie Kati (Maaike Schuurmanns) und ihr Mann Karlemann (Paul Kribbe) mit einer Bar immer weiter an die Spitze der Gesellschaft hocharbeiten und auch die einsame Marie ein eigenes Geschäft eröffnet, geht es mit Carmen und Jo immer weiter bergab. Der arbeitslose Jo vermittelt Carmen als Gesellschafterin für einen Abend an reiche Herren - so auch dem amerikanischen Rockstar Jonnie Ray (Gaines Hall). Die Eifersucht lässt Jo nicht los, während Carmen immer häufiger den Streit mit Jo sucht. Als er sieht, mit welcher Hingabe sich Carmen um ihren neuen Kunden kümmert, ersticht er seine Geliebte nach dem Konzert des Rockstars. Carmens Karten behalten Recht.

Unter der Regie von Nico Rabenald entfaltet sich die deutsche Handlung von “Carmen” eigentlich recht pfiffig, wenn auch einzelne Passagen leichte Längen aufweisen und Jos plötzliches Interesse an Carmen einfach unglaubwürdig erscheint. Hier würde ein Song oft mehr als tausend Worte Text-Dialog sagen, denn etwas mehr Musik hätte dem Musical gut getan. Die Musik von Wolfgang Schmidtke kann durchaus gut unterhalten, auch wenn echte Ohrwürmer fehlen. Zwischen Schlager, Big Band-Sound, Jazz und etwas Rock N´Roll kommen auch drei Titel aus Bizets Oper im neuen Sound-Gewand zum Zuge: die “Habanera” erfreut in jüdisch-russischer Jazz-Version, die “Seguidilla” überzeugt im Halbweltmilieu und der Torero-Marsch wird mit “Auf in den Kampf, Verführer” zu einer witzigen Persiflage auf die Macht der Werbung zur Zeit des Wirtschaftswunders. Während zumeist ältere Zuschauer diese Neuinterpretation der weltberühmten und allseits bekannten Klassiker als unerhörtes Sakrileg mit einem Kopfschütteln quittierten, wird ein aufgeschlosseneres Publikum vielleicht doch den Kniefall des Komponisten vor dem Genie Bizets erkennen und zu schätzen wissen.

Die Zuschauer waren bei der Premiere geteilter Meinung über die Qualität des Stückes: wer die Oper Carmen, trotz des recht eindeutigen Zusatzes im Titel erwartet hatte, war wohl recht enttäuscht, zumal einige Songtexte von Judith Kuckart tatsächlich etwas einfach gestrickt waren und nicht immer überzeugen konnten. Doch die Bad Hersfelder Carmen ist kein schlechtes Musical und weiß durchaus gut zu unterhalten! Auf der Haben-Seite stehen die vielseitigen Kostüme von Karin Alberti, die vom Einheitsgrau der Schwarzmarkthändler zu einem elegant-mondänen Marilyn Monroe-Stil kurz vor dem Finale reichen, das dem Madonna-Video “Material Girl” in bester “Diamonds are a girls best friend”-Manier bis ins kleinste Detail nachempfunden wurde, sowie die Bühne von Roy Spahn mit schwarz-rot-goldener Showtreppe und variablem Lorbeer-Kranz, der zwischen Hammer & Sichel, Hakenkreuz, D-Mark und amerikanischer Flagge Zeichen der Zeit setzt.

Darsteller und Besetzung des Musicals Carmen

Das gesamte Ensemble ist hochkarätig besetzt und verzeiht so manche Ungereimtheit der Handlung oder Schwäche im Dialog. Anna Montanaro lebt kurz nach ihrer Babypause in der Rolle der Carmen ihr Potential als verruchte Verführerin voll aus und überzeugt von der ersten bis zur letzten Minute ähnlich wie in “Das Mädchen Rosemarie” in Düsseldorf 2004. Kristin Hölck als Marie verkörpert das unschuldige Mädchen ohne Chance gegen Carmen Verführungskünste mit Bravour und wird von ihrem “erwachsenen” Alter-Ego Franziska Weber als Erzählerin harmonisch unterstützt. Christian Alexander Müller wandelt sich vom zurückhaltenden Bürokraten zum erhitzen Zuhälter und ohnmächtigen Mörder, auch wenn seine Rolle leider die meisten Gesinnungsbrüche enthält, die nicht immer nachvollziehbar sind. Wenn diese drei Hauptdarsteller im harmonischen Trio jedoch einen Song präsentieren, darf man atemlos zuhören - hier spielt das Musical eindeutig seine größten Stärken aus.
Maaike Schuumanns und Paul Kribbe als engagierte Emporkömmlinge geben der tragischen Handlung oft den augenzwinkernden Humor, der als Auflockerung für zwischendurch auch nötig ist: wenn Paul Kribbe vor Reklametafeln der 50er Jahre von Persil bis Vorwerk mit Stöcken auf Bratpfannen den Takt schlägt und zur Choreografie von Gaines Hall auf dem Tisch tanzt, ist dies ein weiteres Highlight der Show. Die weiteren Tanzszenen des Ensembles sind durchdacht und passend, auch wenn nicht ersichtlich ist, warum ausgerechnet ein amerikanischer Rockstar anfangen sollte, zu steppen - doch der Stepptanz ist die Spezialität von Gaines Hall, die ihm gerne bei seinem großen Showauftritt gegönnt werden sollte.
Livio Cecini besorgt als “Mann mit Huhn” die gesellschaftliche Kritik des Stückes, dessen politische Tiefe jedoch nicht immer ins Schwarze trifft. Tierschützer hatten sich kurz nach der Premiere über die Statistenrolle eines lebenden Huhnes auf der Bühne brüskiert, doch eine Tierärztin konnte schnell Entwarnung geben und dem Huhn eine artgerechte Haltung auch während der Auftritte nachweisen. Zudem wird garantiert einer Stoffhenne schließlich der Hals umgedreht...

Christoph Wohlleben sorgt als musikalischer Leiter dafür, dass aus dem Orchestergraben ein satter Sound erklingt. Während der Probezeit wurde das Musical mehrfach überarbeitet und erscheint auch in der Premierenfassung noch nicht wirklich vollendet. Trotzdem ist Carmen - ein deutsches Musical schon in dieser Fassung sehens- und hörenswert. Schade nur, dass das Publikumsinteresse selbst am Premierenabend mit ca. 500 leeren Plätzen nicht besonders groß war - zumindest die exzellenten Darsteller verdienen deutlich mehr Aufmerksamkeit in der Welt des Musicals!

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© Text & Fotos by Stephan Drewianka, Musical-World.de