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Interview mit Peti van der Velde und Jessica Kessler

Jessica Kessler & Peti van der Velde © Jürgen Heimann
Heiße Bräute, heißer Ofen: Peti van der Velde (links) und Jessica Kessler düsen mit Volldampf durchs Gaga-Land – die Eine in Köln, die Andere seit Anfang diesen Monats in Zürich.

Zwei Power-Ladies im Gaga-Land

„Ozzy“ und „Scaramouche“ über „WWRY“, Zielgruppen-Musicals und Spaßfaktoren

Was das Queen-Musical „We will rock you“ mit dem ollen, unverwüstlichen VW-Käfer gemein hat? Es läuft und läuft und läuft…..  Im Londoner Westend übrigens ununterbrochen seit Mai 2002. Nach zwei erfolgreichen Jahren am Kölner Rheinufer ist die Luft auch in Germany noch lange nicht raus. Ende Oktober konnte im Kölschen Gaga-Land der 1-Millionste Besucher begrüßt werden, und bereits zuvor war die Entscheidung gefallen, das Stück in die zweite Verlängerung zu schicken. Noch mindestens bis Ende 2007 führt in der deutschen Hauptstadt der Champions die Killer-Queen ihr straffes Regiment. Inzwischen hat Global-Soft auch in der Schweiz eine Niederlassung eröffnet. Seit dem 3. Dezember erklingt nun auch im 1500 Besucher fassenden Züricher „Theater 11“ am Hallenstadion die „Bohemian Rhapsody“. Die eidgenössische Version von WWRY hat erwartungsgemäß einen grandiosen Start hingelegt. „Ihre Majestäten“, die Queen-Titanen Brian May und Roger Taylor persönlich, hatten der Cast im Vorfeld vor Ort die Daumen gedrückt und, durchaus auch im eigenen (Produzenten-)Interesse, viel Erfolg gewünscht.

Einige personellen Schwergewichte haben die Kölner in die Schweiz abgeben müssen. So hat es u.a. auch an der Konzernspitze von Globalsoft eine Veränderung gegeben. Brigitte Oelke kehrt als Vorstandsvorsitzende des weltbeherrschenden Multis in ihre Schweizer Heimat zurück. Die nicht minder stimmgewaltige Willemijn Verkaik beerbt sie in Köln auf diesem Posten. Viele andere sind im „blauen Müllsack“ seit der ersten Stunde mit an Bord. Alex Melcher als „Galileo“ beispielsweise, Vera Bolten als „Scaramouche“, Martin Berger als Geheimdienstchef „Khashoggi“ oder David-Michael Johnson als „J.B.“. Im Vergleich dazu war das Gastspiel, das Jessica Kessler in der Jecken-Metropole gegeben hat, relativ kurz, aber intensiv. Im Ensemble sowie als Scaramouche- und Ozzy-Cover studierte die vielseitige Duisburgerin im Schatten des Kölner Doms die Gaga-Gesetzmäßigkeiten, um dann anzutreten, in der Switzerland-Produktion an der Seite von Serkan Kaya die Welt zu retten. Ein tolles Gespann, wie sich bereits bei den ersten Shows gezeigt hat.
Peti van der Velde hingegen ist eher ein WWRY-Seiteneinsteiger. Die temperamentvolle Niederländerin trat vor einigen Monaten in Köln  die Nachfolge von Michaela Kovarikova als Ozzy-Nr. 1 an. Sie und „DJM“ geben ein perfektes Tandem ab.

Peti van der Velde & DMJ © Jens Hauer
Gib’ Gas, ich will Spaß! Peti van der Velde und DJM sind als „Ozzy“ und „J.B.“ ein perfektes Tandem.

Getrennte Wege

Jessica Kessler, die große Musical-Hoffnung vom Niederrhein, und Peti van der Velde, die vor sechs Jahren den Stewardessen-Job bei der holländischen Martin Air gegen ein nicht weniger unstetes Bühnen-Dasein eingetauscht hat, sind seit langem eng befreundet. Daran wird sich auch durch die Tatsache, dass sich ihre gemeinsamen Kölner Wege nun nach kurzer Zeit wieder getrennt haben, nichts ändern. Nach ihrer letzten gemeinsamen Show am Rhein standen die beiden Power-Frauen unserem Mitarbeiter Jürgen Heimann für ein Interview zur Verfügung und plauderten locker, offen und, wie es so schön heißt, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, Rede und Antwort – über sich selbst, Gott und die Welt, ihr aktuelles Engagement, ihre Wünsche und ihre Träume.

Ihr beide scheint ja prima miteinander klar zu kommen. So etwas wie „Ein Herz und eine Seele“ oder etwas in der Art.
Peti: Ja, wir sind die besten Freundinnen.
Jessica: Ich kenne Peti seit meinem 15. Lebensjahr. Sie ist wie eine Schwester für mich.

Aber ihr habt noch nie in einem Stück gemeinsam auf der Bühne gestanden?
Peti: Nein, das hat bisher irgendwie noch nie geklappt.
Jessica: Nur bei Gala-Shows, da sind wir uns immer wieder begegnet, auf beruflicher Schiene, meine ich. Privat treffen wir uns oft und halten engen Kontakt.

Aber jetzt trennen sich Eure (Bühnen-)Wege schon wieder.

Peti: Ja, ich könnte heulen. Aber ich wünsche Jessie viel Glück und Erfolg in Zürich. Sie ist eine phantastische „Scaramouche“ – und eine phantastische Kollegin. Ich würde ja glatt mitgehen. Aber ich fühle mich hier in Köln auch sauwohl.

Womit wir beim Thema werden: „We will rock you“. Das ist ja eine Inszenierung, die irgendwie in keine Schublade passt und mit anderen Produktionen nicht zu vergleichen ist. Euer Kollege Martin Berger, Commander Khashoggi, der Erich Mielke aus dem Gaga-Land, hat in diesem Zusammenhang mal von „einem lebendig gewordenen Comic-Strip“ gesprochen. Wie beurteilt ihr das Stück? Was ist aus der Sicht der Künstler das Besondere daran?

© Jürgen Heimann
Kopflos: Freddie Mercury hätte sich in Gesellschaft dieser beiden Damen bestimmt wohl gefühlt.

„Es ist jeden Abend von neuem aufregend“

Peti: Also es ist aufregend. Jeden Abend wieder. Du kriegst jedes Mal einen Kick. Und dann dieses Feedback aus dem Publikum, diese super-geile Band, diese Wahnsinns-Musik und diese phantastische Cast. Whoww. Es ist unvergleichlich macht einfach Riesenspaß. Gut, es ist auch anstrengend, aber Du kriegst so viel Energie zurück…..

Jetzt beruhige Dich doch wieder…..

Beide lachen

Jessie: Nee, sie hat ja Recht. Mir geht es genau so. Es ist so ein Geben und Nehmen zwischen Künstlern und Publikum, so etwas habe ich noch nie erlebt.

Wenn man Euch so reden hört, gegen WWRY müssen alle Euren vorherigen Engagements ja die reinsten Trauerveranstaltungen gewesen sein….

Peti: Nee, das wollt ich damit nicht sagen. Die Stücke vorher waren halt anders. Dieses, sagen wir, gewisse Etwas, dieses große Wir-Gefühl, dieses gemeinsame Empfinden, an etwas wirklich Außergewöhnlichem, Neuem und Spannendem teil zu haben, war auch früher schon da, für mich beispielsweise bei Rent, aber es war halt nicht so ausgeprägt. Generell muss ich festhalten, dass ich eigentlich noch nie einen Bühnen-Job gehabt habe, wo ich gesagt habe, mein Gott, ist das öde…..

© Jürgen Heimann
Auch als Rock-Röhre nicht von schlechten Eltern: Peti gibt alles.

Gänsehautfeeling auch bei den Künstlern

Jessica: Ja, und für mich war das hier in Köln auch eine komplett neue Erfahrung. Ich habe ja vorher immer nur klassische und/oder eher düstere und ernste Stücke gespielt. Als ich in dieser Show hier das erste Mal aufgetreten bin und ich gemerkt habe, wie viel Reaktion vom Publikum kam, habe ich eine Gänsehaut bekommen. Das war echt wie eine Reizüberflutung. Da war ich total weg. Es ist auch mehr Schauspiel gefordert, ich musste mehr Text lernen, und das machte es so spannend und herausfordernd. Und dann die Musik. Ich habe schon als Teenager Queen gehört und gemocht. Insofern ist WWRY für mich so eine Art Traum, der in Erfüllung gegangen ist, weil ich hier Songs, die ich so toll finde bzw. fand, auch selbst singen kann.

Und bei Dir, Peti? Du kommst doch von Hause aus eher aus der Jazz-Ecke….

Peti: Ja schon, aber mein Musikgeschmack ist ziemlich breit gefächert. Ich habe auch früher schon Queen gehört, aber daneben auch die Beatles. Ich mag Klassik genauso wie Pop. Derzeit arbeiten ich und die Band, in der ich singe, an einem neuen Album. Und dabei handelt es sich sogar um Metal. Was den Job hier im Gaga-Land auch so reizvoll und nie langweilig macht, ist, dass hier auch Comedy und Slapstick verlangt werden. Und das an sich ist auch eine Herausforderung. Da kommt es noch mehr auf das richtige Timing an, damit die Pointe zündet. Hängst Du eine Zehntelsekunde hinterher, ist der ganze Witz kaputt.

Um noch mal auf Deine Band zurück zu kommen. Was ist das für Projekt. Wie heißt sie?

Peti: Die Gruppe heißt „Tape“. Die gibt es schon seit dem Jahr 2000, ich bin aber erst seit diesem Jahr dabei. Das geht jetzt so richtig los, auch mit Konzerten. Am 26. Januar 2007 erscheint das neue Album: „#2“. Wer uns mal erleben will, am 22. Dezember spielen wir in der großen Jura-Halle in Neumarkt. Weitere Infos unter www.tape-music.de.

Wenn Ihr zurück blickt, welche Inszenierungen, an denen Ihr mitgewirkt habt, haben Euch am meisten gegeben, was waren die schönsten Erlebnisse?

Peti: Wie erwähnt, WWRY toppt in dieser Hinsicht alles, und auch an „Rent“ denke ich immer wieder gerne zurück. Obwohl: „Hair“ in Bremen war auch super, obwohl wir da, was die Besucherresonanz anging, ziemlich Pech gehabt haben. Aber es war eine tolle Zeit mit einer tollen Cast. Aber Tecklenburg darf ich auch nicht vergessen, das macht immer Spaß, dort mit mitmachen zu können.

Und jetzt die Standardfrage, die ja in keinem Interview mit einem Musicalkünstler fehlen darf, die nach der Traumrolle. Was würdest Du gerne mal spielen?

© Beatrix Greif
„Petri Heil!“ Hier hat „Fürst Ethan“ gerade angebissen. Die „Sarah“-Rolle, die ihre Karriere begründete, wird Jessica Kessler noch ein paar Jährchen „verfolgen“.

Der Traum von „Aida“ und der „Acid-Queen“

Peti: Da gibt es eigentlich zwei Rollen: „Aida“ und „Maria-Magdalena“ in „Jesus Christ Superstar“. Letztere ist zwar eine relativ kleine Rolle, aber die reizt mich seit Jahren. Bisher ist mir aber immer etwas dazwischen gekommen, und sei es, dass ich ausgerechnet dann, als es akut wurde, woanders unter Vertrag stand. Aber irgendwann wird es bestimmt klappen. Und was Aida angeht, das ist eigentlich ein Traumpart für jede farbige Darstellerin. Ach ja, nicht zu vergessen die „Acid Queen“ in Tommy.

Und bei Dir, Jessica, Du knabberst immer noch an „Les Mis“? Als „Eponine“ bist Du ja damals in Berlin gar nicht mehr zum Zuge gekommen?

Jessica: Ja, leider. Ich habe zwar noch zwei Wochen lang nach Premiere im Ensemble gespielt und mich in dieser Zeit auch darauf vorbereitet, den Part der „Eponine“ zu übernehmen. Doch während der Proben kam dann das Angebot für die Sarah im „Tanz der Vampire“. Da konnte ich nicht Nein sagen.

Les Misèrables ist ja so ein Stück, von dem alle schwärmen, die Künstler ebenso wie das Publikum.

Jessica: Ja unbedingt. Das „muss“ man gemacht haben. Als seinerzeit „Les Misérables“ in Lüneburg anstand, hätte ich mir meinen Eponine-Traum verwirklichen können. Aber da haben sie mich bei den Vampiren nicht (raus) gelassen…. Und es ist ja interessant, zu beobachten, wie unterschiedlich die einzelnen Inszenierungen ausfallen. Mittlerweile ist das „Dogma“, dass Les-Mis nur im ursprünglichen Original gespielt werden darf, Gott sei Dank ja gefallen. Gut, nicht alles, was da in Folge auf die Bühne kam, war gut oder hat mir, soweit ich es sehen durfte oder beurteilen kann, auch gefallen. Aber die Produktion in Tecklenburg dieses Jahr war schon gewaltig und beeindruckend.

Apropos Vampire. Das Engagement als Sarah war ja für Dich eigentlich der Durchbruch, gleichzusetzen mit dem Aufstieg in die erste Liga. Was hast Du dabei gelernt?

Jessica: Vor allem Disziplin. Erstbesetzung zu sein und jeden Abend an der Seite einer First-Class-Cast das wirklich Beste geben zu müssen, ist schon eine riesige Herausforderung und etwas anderes, als im Ensemble zu spielen. Da merkst Du sehr schnell, ob Du wirklich für diesen Beruf geschaffen bist. Ich habe die Entscheidung übrigens nie bereut. Lacht.

Und der Unterschied zu WWRY?

„Es ist wichtig, wenn man viel von sich selbst einbringen darf“

Jessica: Bei WWRY ist jede Scaramouche, jede Ozzy anders. Du kannst sehr viel von deiner eigenen Person einbringen. Bei den Vampiren hast Du nicht so viel Freiheit, Deine Rolle individuell auszukleiden. Obwohl: Sarah war ich, da steckte viel von mir selbst drin. Trotzdem: Bei TdV ist mehr oder weniger alles sehr genau vorgegeben. Stecke irgend jemand in das Sarah-Kostüm, gib’ ihm das Staging und es funktioniert - und ähnelt sich aber auch im Resultat.

Peti: Das Gleiche gilt für den „König der Löwen“. Disney ist da noch einen Grad ausgeprägter. Da wird Dir wirklich jeder Augenaufschlag vorgeschrieben. Das läuft wie eine perfekt eingeölte Maschinerie ab. Irgendwie fühlst Du Dich da als Künstler wie eine Marionette und kannst das, was Du machst, nicht mehr genießen. Vielleicht auch, weil man auf Grund dessen emotional nicht mehr so beteiligt ist. Da kannst Du selbst nichts Eigenes mehr einbringen. Und wenn Du es dann doch mal versuchst, kriegst Du gleich einen auf den Deckel.

Ihr Beide seid ja nun mittendrin in dem, was man „Musical-Circus“ nennt. Ist es so o.k., wie es momentan in Deutschland (und anderswo) läuft, oder was könnte man verbessern bzw. was würdet Ihr Euch dahingehend wünschen?

Peti: Mehr Mut zu neuen Stücken.

Jessica: Mehr Offenheit und Ehrlichkeit – auch uns Künstlern gegenüber. Oft ist für die Verantwortlichen ja schon bei der ersten Audition klar, dass der- oder diejenige für die Rolle überhaupt nicht in Frage kommt. Aber man wird dann zu zig weiteren Callbacks eingeladen. Dann ist es doch besser, man sagt gleich von Anfang an, dass Du nicht der Typ für diesen Part bist. Das erspart allen Beteiligten Arbeit und Nerven.

Gibt es eine bestimmte Tendenz, einen Trend, den ihr in der Musicallandschaft beobachtet?
Peti: Ja, ich glaube der Hase wird noch stärker in Richtung Zielgruppen-Orientierung laufen.

Wie ist das zu verstehen?

Auf „Umwegen“ ins Theater

Jessica: Peti meint, und ich auch, dass bei der Auswahl der bzw. der Entscheidung für eine Produktion mehr und mehr versucht wird, Leute ins Theater zu locken, die sonst einen großen Bogen drum machen.
Peti: Wir können das bei „Mamma Mia“, „Dirty Dancing“ oder vor allem auch bei „We will rock you“ beobachten. Bei „Daddy Cool“, dem Stück, das um die Hit von Boney M. herum gestrickt ist, wird es nicht anders sein. Und ich finde es auch in Ordnung.

Jessica: Solche und ähnliche Stücke haben auch so eine Art Türöffner-Funktion. Die Produzenten erschließen sich neue Publikumskreise und bringen vielleicht den ein oder anderen auf den Geschmack, ins Theater zu gehen und sich auch einmal andere Stücke anzuschauen. Und das macht Hoffnung.

So sei es!. Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg im Kampf gegen Global-Soft.

© Interview by Jürgen Heimann

Alles zu Jessica Kessler bei Sound Of Music!
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