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Literatur

Thomas Siedhoffs „Handbuch des Musicals“

Handbuch des Musicals Thomas Siedhoff

Abgehoben, verquer und überflüssig: Ein Nachschlagwerk von gestern

Die Frage nach der Zielgruppe muss gestellt werden. Mag ja sein, dass der ein oder andere Theaterschaffende Nutzen aus der Schwarte ziehen kann, für den gemeinen Musicalfreund, der dem Genre unbefangen und aufgeschlossen begegnet und sich seine Begeisterungsfähigkeit bewahrt hat, ist sie jedoch völlig ungeeignet. Thomas Siedhoffs rechtzeitig zu Beginn des Weihnachtsgeschäfts veröffentlichtes „Handbuch des Musicals“ ist ein zwischen zwei schlecht verarbeiteten Buchdeckeln auf 732 Seiten gepresstes Ärgernis. Die knapp 30 EUR, die der überteuerte Wälzer kostet, wären als Spende für die deutsche Hirnforschung besser angelegt.

„Das künftige Standardwerk zum Thema“, haut die Verlagswerbung hochtrabend auf die Pferde. Damit ist es so weit aber nicht her. Andere vor Siedhoff, und da darf Günter Bartosch nicht unerwähnt bleiben, haben diese Aufgabe wesentlich besser und eleganter gelöst. Schon das Titelfoto gaukelt vor dem Hintergrund der Stuttgarter „Wicked“-Premiere eine zeitnahe Aktualität vor, die es so gar nicht gibt. Die kümmerlichen Infos zur schwäbischen Produktion finden in einem einzigen kleinen Nachsatz Platz. Aber seien wir nicht so kleinlich, wie es der Autor und Verfasser zahlreicher gelehrter Traktate („Die kultivierte Dramaturgie des unterhaltenden Musiktheaters“) in vielen Bereichen mit konstanter Borniertheit selbst ist. Welches Werk sich letztendlich zu den „wichtigsten Titeln“ (Untertitel) rechnen darf, entscheidet er nach Gutdünken selbst. Es bleibt sein Geheimnis, welche Kriterien, von den eigenen, persönlichen Vorlieben vielleicht einmal abgesehen, er dabei zu Grunde gelegt hat. Aber irgendwie drängt sich der Eindruck auf, dass der Mann vieles von dem, was sich in den vergangenen Jahren auf den Bühnen unseres Landes und im benachbarten Ausland ereignete, schlicht und einfach verschlafen hat. Oder er hat es einfach nicht zur Kenntnis genommen bzw. nehmen wollen, was genau so schlimm wäre.

Viele Stücke bleiben unerwähnt 

Vielleicht steht oder schwebt der Theaterwissenschaftler ja auch über gewissen Dingen. So ist ihm beispielsweise der Ben Eltons Queen-Kracher „We will rock you“, eine der erfolgreichsten Inszenierungen der letzten Jahre, keine Silbe wert. „Miami Nights“, immerhin eine der schwungvollsten und witzigsten deutschen Tanzproduktionen der Neuzeit, findet auch nicht statt, während „Saturday Night Fever“ ebenfalls komplett durch das Siedhoff’sche Niveauraster gefallen ist und ignoriert wird. „Das Mädchen Rosemarie“ hat es nie gegeben, Tabaluga könnte samt seiner Lilli so lange Feuer spucken, bis er grün wird - für den Oberlehrer war der kleine Maffay-Drache nie existent. Noch mehr Beispiele gefällig? Karel Svobodas weltberühmtes „Dracula“-Musical schaffte den Sprung in das erlauchte Nachschlagwerk ebenfalls nicht. Nach „Romeo & Julia“ blättert der Leser ebenso vergeblich wie nach dem „Geist der Weihnacht“. Und dass „Manderley“ brennt, hat der Autor bislang natürlich auch noch nicht mitbekommen. Da wird „Rebecca“ aber traurig sein! „Robin Hood?“ Fehlanzeige! „Barbarella“? Fehlanzeige! „Mar-i-Cel“? Fehlanzeige. Nun wird keiner ernsthaft behaupten wollen, dass die erwähnten Stücke allesamt zu den „bedeutendsten“ Werken der Musicalgeschichte zählen. Aber in ein Nachschlagwerk, das den Anspruch erhebt, den War- und Ist-Zustand des Genres abzubilden, gehören sie einfach hinein.

Noch ärgerlicher als diese Ignoranz sind die (wenigstens auch) als solche gekennzeichneten Kommentare zu den Stücken, die vom Verfasser einer „kritischen Beurteilung“ für würdig befunden wurden. Nun ist ein solches Unterfangen ja von Natur aus eine Gratwanderung, denn Recht machen können es Rezensenten niemals allen. Nicht wenige  Kritiker“ (der olle George Bernhard Shaw nannte sie einmal „Hühner, die gackern, wenn andere Eier legen“) erliegen der Gefahr, die eigenen Präferenzen zum alleinigen Maßstab der Dinge zu erheben, um sich in Folge vielleicht obendrein auch noch an der eigenen Fabulierkunst zu berauschen. Siedhoff gehört offenbar zu dieser Spezies. Eine Edelfeder ist er allerdings nicht. Dafür kommt sein Duktus zu verquer, spröde und langatmig daher.

Über den Levay-Kunze-Hit „Mozart!“, der nur im Vorwort unter ferner liefen kurz Erwähnung findet, müssen wir lesen, dass die „ohrenbetäubende, nur oberflächlich Stimmungen andeutende Musik eine Beleidigung“ für das Salzburger Genie sei. Zu „Aida“, das dem Meister auch nur eine Fußnote wert ist, fällt ihm lediglich ein, dass „die Musik Elton Johns austauschbar“ sei und hier jede dramaturgische Ambition fehle. Bei „Elisabeth“ erkennt der Mann auf eine „eindimensionale Instrumentation“ und vermisst „tatsächliche musikalische Höhepunkte“. Und die Choreografie beim „Tanz der Vampire“ ist seiner Meinung nach „eintönig, monochrom und unkonturiert“. Uff!

Lesen Sie zu diesem Abschnitt bitte die Anmerkungen des Buchautoren unten [Anmerkung Musical-World]!

Schlimmer geht’s nimmer!

Belassen wir es im Interesse des eigenen Blutdrucks bei diesen wenigen Beispielen, angesichts derer man sich fragt, wie ein „Mann vom Fach“ (u.a.Chefdramaturg und Dozent für Theorie und Geschichte des Musicals an der Bayerischen Theaterakademie) nur so daneben liegen kann. Schlimmer geht’s nimmer! Andreas Luketa hat mit seinen inzwischen leider eingestellten periodischen „Jahrbüchern des Musicals“ vorexerziert, wie man den Musical-Stoff mit Esprit spannend, lesenswert, informativ und allgemeinverständlich aufbereiten kann. Hubert Wildbihlers „Internationales Kursbuch des Musicals“ hat zwar inzwischen auch schon ein paar Jährchen auf dem Einband, ist aber in vielen Bereichen immer noch aktueller und von größerem Nutzwert, als dieses unsägliche Exemplar Buchdruckkunst Siedhoff’scher Prägung.
Gut, wer immer schon mal wissen wollte, welche Stimmlage die Rolle des „Lukas von Wedel“ in dem 1924 in New York uraufgeführten „The Student Price of Heidelberg“ verlangt, oder wer bei „Sweet and Low“ aus dem Jahre 1943 die Choreografie besorgt hat, wird hier fündig und mag mit dem Band, der eine Menge weiterer elementar bedeutungsvoller Basics dieser Art bereit hält, vielleicht gut bedient sein. Aber alle anderen?  Auf Musical-Liebhaber und solche, die es vielleicht werden wollen/könnten, wirkt das Ganze aber eher abschreckend.

Soll sich Thomas Siedhoff weiterhin den Kopf darüber zerbrechen, wie das tumbe Musical-Volk und vor allem die Tausenden und Abertausenden von Fans, die, wie er beklagt, ja nach wie vor für viel Durchschnittliches überdurchschnittlich viel zu zahlen bereit sind, auf den rechten Weg zu bringen wären und mit der reinen, unverfälschten Lehre in Berührung gebracht werden können. Zur Miete für seinen Elfenbeinturm sollten wir durch den Kauf des Buches aber nicht auch noch beitragen. Hände weg! Ein Werk, das (Musical-)Welt so wenig braucht wie die Sahel-Zone eine kollektive Versicherung gegen durch Gletscherschmelze bedingtes Hochwasser. Zumal die Bindung schon nach wenigem Durchblättern erste Auflösungserscheinungen zeigt. Aber das ist vielleicht auch ganz gut so.

© by Jürgen Heimann

Thomas Siedhoffs „Handbuch des Musicals“
ISBN 3795701546; Schott, Mainz, 2007
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Bemerkungen zu dieser Kritik vom Autor:

Sehr geehrter Herr Dr. Drewianka,
über redaktionelle Kultur müssen und wollen wir uns hier nicht streiten, trotzdem scheint mir der Stil, und die Tatsache, dass er in dieser Form auf Ihrer Homepage geduldet wird, ein Indiz dafür, von welcher Warte aus diese Elaborate erarbeitet werden. Ich bitte jedoch in einem Fall um eine Korrektur, weil Ihr Rezensent, Herr Jürgen Heimann, in blinder Wut anscheinend nicht mehr in der Lage war, richtig zu lesen. Das betritt auch auf die offenbar ausgebliebene Lektüre des letzten Abschnitts „Selections: Zur Auswahl“ der Einleitung (nicht Vorwort, das ist etwas anderes), in der ich ausführlich zur Methodik der Auswahl Stellung genommen habe. Mein beanstandeter, letztlich auch rechtlich relevanter Abschnitt betritt ist im Folgenden markiert:
...Und die Choreografie beim „Tanz der Vampire“ ist seiner Meinung nach „eintönig, monochron [sic!] und unkonturiert“. Uff!
Hier ist aus einer ausführlichen und durchaus positiven Beschreibung der Musik aus dem Zusammenhang gerissen, denn da heißt es im Artikel im Vergleich zu den vokalen Kompositionen „umso monochromer und eintöniger sind dagegen die Tanzsequenzen und das unkonturierte Disco-Finale“. Nicht im Entferntesten habe ich damit die Arbeit des Choreografen Dennis Callahan kritisieren wollen.
Ich bitte höflich darum, im Sinne journalistischer Seriosität diesen Passus umarbeiten zu lassen.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Thomas Siedhoff

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