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[Premierenkritik] [Zweitmeinung]

Musicalunterhaltung XXL
Deutschlandpremiere „Hairspray“ im Musical Dome Köln

Tickets für HAISPRAY in Köln! 

Am Nikolaustag, dem 06. Dezember 2009, platzte der Musical Dome in Köln aus allen Nähten und das nicht nur wegen der „schwergewichtigen“ Handlung des neuen Musicals „Hairspray“, das direkt am Rheinufer seine Deutschlandpremiere feierte. Rund 1700 illustre Gäste feierten die Geschichte eines kleinen, pummeligen Mädchens im Kampf gegen Ignoranz, Vorurteile und Rassenhass. Was sich hier nach dröger Zeigefingerpädagogik anhört, entpuppte sich schnell als überaus amüsant-rasante Musicalkomödie, die perfekt zu unterhalten weiß.

Die Erfolgsgeschichte von „Hairspray“ begann mit einem Low-Budget Film von 1988. Regisseur John Waters inszenierte die Story des recht kräftig gebauten Mädchens Tracy Turnblad (verkörpert von der damals noch unbekannten Ricki Lake), die davon träumt, in der angesagtesten Fernseh-Tanzshow von Corny Collins aufzutreten und zu tanzen. Als eine Tänzerin ausfällt, schwänzt Tracy die Schule und tanzt im Sender vor. Doch im Baltimore des Jahres 1962 gehören kleine, dicke, hässliche Mädchen nicht ins Fernsehen, findet zumindest Produzentin Velma von Tussle (Debbie Harry) nebst Gatten (Sonny Bono). Doch Tracy gibt nicht auf. Beim Nachsitzen mit ihren farbigen Mitschülern, die nur am „Negro Day“ im Fernsehen auftreten dürfen, lernt sie coole Tanzschritte, mit denen sie bei einer Party Corny Collins und Teenie-Star Link Larkin auffällt. Beide stellen Tracy vor laufenden Kameras dem Fernsehpublikum vor. Während Produzenten und Werbesponsoren empört reagieren, kommt Tracy beim Publikum überraschend gut an. Doch ihre liberalen Forderungen, schwarze Soulmusik öfter im Fernsehen zu spielen, kosten den Moderator fast seinen Job. Als Tracy sogar eine Demo organisiert und im Frauengefängnis landet, scheint der Sieg von Amber von Tussle, Tracys größter Konkurrentin und Tochter der Produzentin, bei der Wahl zur „Miss Teenage Hairspray“ gewiss zu sein. Doch Tracy kann mit Hilfe ihrer Freunde und Eltern aus dem Gefängnis ausbrechen und sich in die polizeilich gut bewachte Fernsehshow, die unter keinen Umständen nochmals von Schwarzen überrannt werden soll, mit List und Tücke buchstäblich in letzter Sekunde hineinschmuggeln…

Erst nach der Video- und DVD-Veröffentlichung erlangte „Hairspray“ Kultstatus, vielleicht auch wegen der schrägen Besetzung von Tracys Mutter Edna Turnblad durch den Travestiekünstler und Drag Queen Divine. Die Idee, aus dem Film ein Musical zu machen, wurde am 15. August 2002 am Neil Simon Theatre am New Yorker Broadway in die Tat umgesetzt, wo „Hairspray“ unter der versierten Regie von Jack O´Brian mit der phantastischen Musik von Marc Shaiman und der herrlichen Choreografie von Jerry Mitchell sieben Jahre lang in 2642 Vorstellungen spielte. 2003 heimste das Musical acht Tony Awards (u.a. bestes Musical) ein. 2007 kam „Hairspray“ ans Londoner West End und wurde – diesmal in der Musicalfassung – neu verfilmt. Auf der Leinwand tummelten sich neben der Neuentdeckung Nikki Blonsky als Tracy Kino-Stars wie Michelle Pfeiffer, Queen Latifah, Christopher Walken, Zac Efron und John Travolta als Edna Turnblad. Denn seit Divine verkörpert auf der Bühne und im Film immer ein Mann diese Rolle.

Natürlich war man gespannt, welcher namhafte Künstler die Rolle der Edna bei der Deutschlandpremiere spielen würde. Die Überraschung war gelungen, als die Produzenten Michael Brenner und Marek Lieberberg Schauspieler Uwe Ochsenknecht als Erstbesetzung Edna der Presse präsentierten. Seit Wolfgang Petersens „Das Boot“ im Jahre 1981 verkörpert Ochsenknecht stahlharte Kerle und wurde mit Doris Dörries „Männer“ Deutschlands Macho Nr.1. Zwar hatte Ochsenknecht zur Musik seit den 90er Jahren mit seiner Band und fünf produzierten Alben eine gewisse Affinität, jedoch war das Thema Musical für ihn bisher unbekanntes Neuland. Doch als Edna Turnblad tauscht der von Testosteron strotzende „Mann für jede Tonart“ gerne seine Jeans gegen ein plüschiges Tüllkleid ein. Ochsenknechts Verwandlung in die füllige Vollblutfrau mit der Doppel-D Oberweite im „Fatsuit“ dauert rund zwei Stunden.

In der Rolle von Ednas Tochter Tracy findet sich in Maite Kelly eine Frau, der die Musik in der großen „Kelly Family“ bereits in die Wiege gelegt wurde, die aber nach ihrer Solokarriere in diesem Jahr ebenfalls erstmals Bekanntschaft mit dem Genre Musical machen sollte. Mit Spannung verfolgte das Galapublikum bei der Deutschlandpremiere, ob sich diese beiden Neulinge neben dem professionellen Musicalensemble behaupten können. Gleich in der ersten Szene zeigt die 30 jährige Maite Kelly zu den schmissigen Tönen von „Good Morning Baltimore“, dass sie sowohl gesanglich als auch schauspielerisch einer Tracy Turnblad mehr als gewachsen ist. Sie räkelt sich genüsslich aus ihrem Bettchen und begegnet auf dem Weg zur Schule Ratten und dem Exhibitionisten von nebenan. Nach diesem fulminanten Start hat jeder Zuschauer bereits den energiegeladenen Flummi, der da mit graziler Leichtigkeit über die Bühne hopst, ins Herz geschlossen. Maite Kelly beweist eindrucksvoll, dass Frauen mit etwas mehr Speck auf den Rippen keinerlei Probleme haben, selbst anspruchsvoller Choreografie mühelos zu folgen. Wenn sie beim Nachsitzen von ihren schwarzen Freunden die verführerischen Tanzschritte lernt, mit denen man sich jeden Mann angelt, sieht das genauso sexy aus wie bei ihren spindeldünnen Tanzkolleginnen. Dazu gesellt sich ein überschäumender Humor und ein pointiertes Mienenspiel, wenn Tracy z.B. nach ihrem ersten Zusammenstoß mit ihrem heimlichen Schwarm Link Larkin zu „Glocken klingen hell“ ihre gemeinsame Zukunft bis ins kleinste Detail erträumt. Maite Kelly „lebt“ Tracy Turnblad bis in die Haarspitzen ihrer imposanten Frisur!

Ein ähnliches Aha-Erlebnis stellt sich bei „Mama“ Edna Turnblad ein: Uwe Ochsenknecht bügelt in weitem Kittel und Pantoffeln und philosophiert von verpassten Gelegenheiten, eine angesehene Schneiderin zu werden. Nach kurzer Zeit vergisst das Publikum, dass dort ein Mann in Frauenkleidern steckt – vielleicht das größte Kompliment, das einer Edna zuteilwerden kann. Uwe Ochsenknecht verzichtet darauf, seine eindeutig männliche Stimme zu verstellen und präsentiert auch seine Songs in einem angenehmen Bariton bis Bass. Die Rolle der Edna ist keine lächerliche Travestienummer und in diese Falle tappt „Frau“ Ochsenknecht auch nicht: wenn das Publikum lacht, dann nie über Edna, sondern nur mit ihr. Die Tragik dieser Rolle, dass sie sich wegen ihrer Figurprobleme seit über zehn Jahren nicht mehr aus den eigenen vier Wänden traut, kommt darstellerisch exzellent über die Bühne. Die Transformation Ednas von der fetten Frau zur gefragten Dame, die ihre Tochter sogar als Model für Übergrößen zu vermarkten weiß, ist bei Uwe Ochsenknecht in besten Händen. Als alternierende Edna steht Schauspieler, Comedian und Sänger Tetje Mierendorf („Mein großer, dicker, peinlicher Verlobter“, „Bewegte Männer“, „Genial Daneben“ und „Schillerstrasse“ im TV, musikalisch u.a. als „Big Bopper“ in „Buddy“) ebenfalls in Köln auf der Bühne. Zumindest optisch füllt Mierendorf die Rolle der Edna noch besser aus als der schlankere Ochsenknecht und man darf sicherlich auch auf seine Rollenauslegung gespannt sein.

Bei so viel Bühnenpräsenz der Newcomer haben es die gelernten Musicaldarsteller in den weiteren Rollen schwer, doch auch hier wurde bis in die kleinste Rolle exzellent besetzt. Leon van Leeuwenberg („Titanic“, „Elisabeth“, „Babytalk“) steht als Ednas Ehemann Wilbur und Erfinder von Scherzartikeln im Schatten seiner warmherzigen Gattin. Beim Showstopper „Du bist zeitlos für mich“ präsentierte er zusammen mit Ochsenknecht bei der Premiere eine Extrafassung des romantischen Liebesduetts mit Nikolausscherzen, die bei den Darstellern und dem Publikum gleich mehrfach vor Lachen die Tränen in die Augen trieb und einen dicken Extraapplaus erntete (Zitat: „Du bist mein Nikolaus“ – „Dann hol ich gleich die Rute raus“).

Jana Stelley als Tracys beste Freundin Penny Pingleton nutzt das Potential ihrer Rolle als bebrillte Außenseiterin, die sich sehr zum Missfallen ihrer herrischen Mutter Prudy (Sarah Schütz) ausgerechnet in den farbigen Tänzer Seaweed J Stupps (Tedros Teclebrhan) verliebt und mit dieser Milch & Schokolade-Romanze überall aneckt – das Baltimore 1962 war noch lange nicht bereit für einen schwarzen, amerikanischen Präsidenten. Unterstützung erhält das Paar von Tracy und Seaweeds Mutter Motormouth Maybelle, die von Deborah Woodson mit leichtem Akzent, jedoch mit umso großartigerer Soulstimme gespielt wird. Größte Verfechter der Rassentrennung sind TV-Produzentin und Ex-„Miss Baltimore Crabs“ Velma von Tussle, herrlich hassenswert wie die böse Stiefmutter in Schneewittchen interpretiert von der Niederländerin Nicole Berendsen („Tabaluga & Lilli“, „Mozart!“), zusammen mit ihrem Abziehbild, dem Töchterchen Amber (Tineke Ogink), die über Leichen gehen würde, um zur Schönsten im ganzen Land gewählt zu werden. Zwischen die Fronten geraten Rob Fowler („Carmen Cubana“, „Elisabeth“ in Wien) als Moderator Corny Collins und der strahlende Sonnyboy Daniel Berini („Mamma Mia!“, „Der Graf von Monte Christo“) als Teenie-Schwarm und Elvis-Reinkarnation Link Larkin, der sich zwischen Amber und Tracy entscheiden muss. In vielen kleinen Rollen, z.B. als überkandidelter Lehrer Mr. Spitzer oder unterwürfiger Mr. Pinky setzt Eric Minsk immer wieder komödiantische Mini-Glanzlichter in einer strahlenden Produktion. Das weitere Damen- und Herrenensemble zeichnet sich durch schier unermüdliche Kondition bei den ausgefeilten Tanzsequenzen der Original Broadway Choreografie von Jerry Mitchell und Michele Lynch aus.

Gesungen wird natürlich komplett in deutscher Sprache. Dass dabei der Witz und feinsinnige Humor der englischen Vorlage nicht gelitten hat, ist Heiko Wohlgemuth („Käpt´n Blaubär“, „Der Schuh des Manitu“) für die Übersetzung der Songs und Jörn Ingwersen für die Dialoge zu verdanken. Die kunterbunten Kostüme von William Ivey Long und das stimmungsvolle Lichtdesign von Kenneth Posner wurden wie auch das gesamte Bühnenbild (David Rockwell) aus der amerikanischen Urfassung übernommen. Für eine Großproduktion kommt „Hairspray“ dabei mit recht übersichtlichen Kulissen daher, mal wendet sich ein Bett zu einer Hausfassade, ein Plattenladen schwebt aus dem Schnürboden herab , im Frauengefängnis tragen die Darsteller selbst ihre Gitterstäbe und auch das TV-Studio kommt ohne Hebebühne mit drei einfachen Stufen und einer großen Haarsprühdose aus. Einfach und trotzdem effektvoll bleibt so immer genug Raum für die Darsteller, die den Platz schließlich zum Tanzen benötigen. Einen Hingucker liefern natürlich die überdimensionalen Perücken von Hannelore Uhrmacher und die Tatsache, dass in dieser Produktion der Bühnennebel nicht aus der Nebelmaschine kommt, sondern vielmehr aus den oft eingesetzten Hairspray-Sprühdosen. 13 Musiker unter der Leitung von Robert Paul machen zudem mächtig Dampf, so dass es im Finale passend heißt „Niemand stoppt den Beat“.

 

 

„Hairspray“ ist nach „Mamma Mia!“ neben all den Drama-Musicals auf deutschen Bühnen endlich wieder ein echtes Gute-Laune Stück mit spektakulärer Choreografie, liebenswerten Charakteren, feinem Humor und der einfachen Botschaft, dass Toleranz alle Schranken überwinden kann. Die Kölner Produktion wirbt mit dem Slogan: „Riesen Haare, Riesen Musical, Riesen Spaß!“ und trifft damit genau ins Schwarze. Nachdem das Premierenpublikum 15 Minuten lang stehenden Beifall spendete und mit den Stars der Show bis in die frühen Morgenstunden Kölns neuen Musicalhit feierte, sollte es für Tracy Turnblad noch lange Jahre „Good Morning Baltimore“ in Deutschland heißen dürfen!

Hairspray-Tickets hier: HAIRSPRAY - Tickets

© Text: Stephan Drewianka; Fotos Show (13): Birgit Bernds; Fotos Premierenfeier (2): Stephan Drewianka; dieser Artikel erschien in gekürzter Fassung auch in der Zeitschrift Blickpunkt Musical, Ausgabe Ausgabe 01/10, Januar-Februar 2010


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Uwe Ochsenknecht und Maite Kelly wuchern in Köln mit Pfunden, Spielwitz und Temperament.
Foto: Guido Ohlenbostel

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Schwungvoll, rasant, witzig und bonbonbunt: Das ist „Hairspray“

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Da bebt das Parkett: Let’s dance! Tracy Turnblad (Maite Kelly), Corny Collins (Rob  Fowler) und Seewead J. Stupps (Tedros Teclebrahn) – v.l. – ergeben sich dem Rhythmus, bei dem jeder mit muss.
Foto: Nilz Böhme

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Blond, zickig, arrogant: Nicole Berendsen (Mitte) verleiht der intriganten Velma Von Tussle mit Stimmgewalt, Mimik und pointiertem Spiel eine besondere Note. Foto: Nilz Böhme

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Musical-Debütanten in der ersten Reihe: Maite Kelly als selbstbewusster XXL-Teenager Tracy Tuernblad und Uwe Ochsenknecht in seiner ersten Frauenrolle als deren Mama Eda liefern in Köln einen tollen Job ab.
Foto: Nilz Böhme

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Urkomisch und herzerfrischend: Leon van Leuwwenberg (rechts) kann als ideenreicher, aber wirtschaftlich erfolgloser Scherzartikeletrfinder Wilbur Turnblad die Familie nicht ernähren. Da muss „Muddi“ Uwe-Eda mit Putzen und Waschen aushelfen. Aber für einen Schwof zwischendurch bleibt immer mal Zeit.  Foto: Nilz Böhme

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Jana Stelley (links) spielt Tracys mutig-schüchterne beste Freundin „Penny Pingleton“ hinreißend.
Foto: Thommy Mardo

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Knallbunt und spritzig: Die Choreografie von „Hairspray“ verlangt den Akteuren auch sportliche Höchstleistungen ab. Foto: Thommy Mardo

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Abgehoben: Daniel Berini als „Link Larkin“ und Tedros Teclebrhan (Seaweed J Stupps) liefern sich einen freundschaftlichen Luftkampf. Foto: Thommy Mardo

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Die „Heimatfront“ jubelt: Aus dem Fernsehen erfahren Penny und die stolzen Eltern Edna und Wilbur, dass ihr Töchterchen Tracy den Tanzwettbewerb in der Corny Collins-Show gewonnen hat. Foto: Thommy Mardo

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[Premierenkritik] [Zweitmeinung]

„Hairspray“ in Köln: Gute Laune pur im Sprühnebel

Pfundig!  Mit FCKW und Speckröllchen auf der musical-ischen Überholspur

Tickets für HAISPRAY in Köln! 

Da hatte Michael Brenner wieder einmal den richtigen Riecher. Der Impresario mit dem ausgeprägten Näschen für hitverdächtige Bühnen- und Theaterereignisse ist angetreten, dem Rheinland eine Extraration FCKW zu verpassen. Und eins vorneweg: Gegen dieses „Hairspray“ wirkt Drei-Wetter-Taft wie ein Placebo. Wie dieser US-Stoff auf das deutschsprachige Publikum wirkt, war Anfang 2008 zunächst in kleinerem Rahmen im schweizerischen St. Gallen angetestet worden. Die Reaktionen waren schon damals äußerst viel versprechend. Jetzt ist der Coiffeur-Dampfer am Kölner Rheinufer vor Anker gegangen. Seit Anfang Dezember vergangenen Jahres erwartet die Besucher hier eine volle Packung gute Laune, gekreuzt mit überschäumender Lebensfreude und purer Energie. Die neue Inszenierung dürfte dem Musical Dome auf Monate hinaus satte Auslastungsraten bescheren. Das ist mal sicher. You can’t stop the beat! Und das will (und kann) ja auch wirklich niemand. „The Show must go on“, hatte einst ja schon der selige Freddie Mercury in einem anderen Zusammenhang postuliert. In Folge fand das Queen’sche Erbe mit „We will rock you“ unweit des Hauptbahnhofs eine würdige Nachlassverwaltung. Nun kann man beide Produktionen weder inhaltlich, noch musikalisch oder dramaturgisch miteinander vergleichen. Doch eines ist beiden gemein: Der Bouhh- und Whoww-Effekt. Das durchgeschüttelte Publikum verlässt das Theater in und mit der Gewissheit, einen tollen, geilen Abend (oder Nachmittag) erlebt zu haben.

Und dieses Aha-Syndrom ist bei „Hairspray“ quasi vorprogrammiert. Wer noch nicht ganz abgestumpft ist, wird von dem Charme und dem ausgelassenen Enthusiasmus, der sich da auf der Dome-Bühne manifestiert, zwangsläufig mitgerissen. Und allerspätestens zum Ende der ersten Halbzeit dieser sieben Millionen Euro teuren Produktion wird auch dem Letzten klar, warum das 2002 am Broadway uraufgeführte, in Folge nach London transferierte und mit 31 Internationalen Preisen überschüttete Stück zu den erfolgreichsten Musicals aller Zeiten gerechnet wird.

Mitreißende Melodien zwischen Soul, Motown und Rock’n Roll
Die Bühnenversion basiert auf dem 1998 entstandenen, gleichnamigen Film von John Waters. Auf der Brodway-Adaption wiederum fußt der „Hairspray“-Film aus dem Jahre 2007 mit John Travolta und Michelle Pfeiffer in den Hauptrollen. Die Partitur stammt von Marc Shaiman, einem der erfolgreichsten amerikanischen Filmmusikkomponisten (Harry & Sally, Sister Act,  Der Club der Teufelinnen, Southpark). Für die Bühnenfassung hatte er die Musik komplett neu entworfen. Zwischen dem feschen Opener „Guten Morgen Baltimore“ und der fulminanten Finalnummer, die eingedeutscht „Niemand stoppt den Beat“ heißt, packt Shaiman einen ganzen Sack voller eingängiger und mitreißender Melodien zwischen Rock’n Roll, Soul und Motown. Broadway-Regisseur Jack O’Brien hat auch den deutschen Hairspray-Ableger federführend begleitet, wobei die Original-Rezeptur mehr oder weniger 1:1 übernommen wurde. Die eigentliche Schwierigkeit bestand darin, den angloamerikanischen Witz adäquat ins Deutsche zu transportieren, was aber bis auf kleine, kaum ins Gewicht fallende Ausnahmen geglückt ist. Nicht nur die Dialoge, sondern auch die Liedtexte, die für das Verständnis der Geschichte eine wichtige Rolle spielen, mussten „germanisiert“ werden. Da haben Jörn Ingwersen (Dialoge), Heiko Wohlgemuth und Wolfgang Adenberg (Liedtexte) ganze Arbeit geleistet.

Zwischen Günter Wallraff und Heidi Klumm
Storyline, Ort und Rahmen der Handlung reißen den gemeinen Musical-Konsumenten des frühen 21. Jahrhunderts bei vordergründiger Betrachtung zunächst einmal nicht vom Hocker. Das Baltimore des Jahres 1962 und die Musik dieser Zeit sind zu weit weg. Oder doch nicht? Was haben wir aufgeklärte und tolerante Mitteleuropäer mit Rassendiskriminierung am Hut? Nun ja, Günter Wallraff hat uns ja unlängst wieder gezeigt, dass der Rassismus im Lande des deutschen Michels nach wie vor latent ist. Und dass Jugendliche gegen gesellschaftliche Konventionen aufmucken, hat es zu allen Zeiten gegeben. Und sein wir mal ehrlich: So angestaubt und vorgestrig kommt der Beat der frühen Sixties auch nicht daher, zumal wenn er, wie in Köln, mächtig aufgepeppt und mit der technischen Raffinesse der Moderne gewürzt wird. Also ist der zeitliche und thematische Bogen- und Brückenschlag von heute in die Sechziger so abwegig doch nicht. Der Identifikationsquotient entsteht quasi von selbst. Gut, die Klamotten von damals wirken auf den Top-Model verwöhnten, modisch aufgeklärten und Heidi Klumm-gestählten Textil-Freak von heute schon etwas lächerlich, zumindest aber gewöhnungsbedürftig. Gleiches gilt für die Frisuren – aber dadurch bezieht „Hairspray“ ja gerade einen Teil seines Spannungsbogens und seinen Namen.

Vital, hingebungsvoll und überschwänglich 
Was genau und im Einzelnen dem Stück aber nun ein derart ausgeprägtes Unterhaltungs- und Wohlfühlpotential verleiht, ist so dezidiert und an einem bestimmten Punkt eigentlich gar nicht fest zu machen. Diese Summe des Ganzen ergibt sich aus einer Vielzahl kleiner exakt zusammenpassender, bonbonbunten Mosaiksteinchen, die wie kleine Rädchen eines gewaltigen Getriebes ineinander greifen und die gut geölte Maschine höchsttourig laufen lassen. Vielleicht sollte man erst gar nicht versuchen, diese Faktoren analysieren zu wollen und sich stattdessen ganz einfach der Überschwänglichkeit und der hingebungsvollen Vitalität des Ganzen hingeben. Es geht um Emanzipation und Toleranz, um Gleichberechtigung und das Recht, anders sein zu dürfen. Eine Absage an Konformität, Borniertheit, Gruppenzwang und Kleinkariertheit.

Die Geschichte selbst ist in wenigen Sätzen skizziert. Traum der pummeligen Tracy Turnblad ist es, am Tanzwettbewerb der Corny Collins Show, der unter Teenagern angesagtesten TV-Sendung der Stadt, teilzunehmen und diesen zu gewinnen. Ein paar Kilochen zu viel auf den Speckhüften, entspricht das kernige, selbstbewusste und lebensfrohe XXL-Mädel aber nicht unbedingt den gängigen Schönheitsidealen ihrer Zeit, denen ihrer Altersgenossen und denen der Produzenten. Gleiches gilt für ihre Freunde, die, weil farbig, allenfalls am „Negro Day“ ins Studio gelassen werden, während selbiges an den übrigen Tagen den weißen Kids vorbehalten bleibt. Dagegen rebelliert die von Hause aus mit einer gehörigen Portion Gerechtigkeitssinn (und einem Schuss Naivität) ausgestattete Tracy erfolgreich und mutig. Sie wandelt sich zur Dancing-Queen und bekommt nebenbei auch noch ihren Traumprinzen ab. Das war’s. Eine eher belanglose Storyline, wären da nicht die Akteure, die diese mit Leben füllen. Hinzu kommen eine Fülle origineller Regieeinfälle, witzige Dialoge, atemberaubende Tanznummern (Choreografie: Jerry Mitchel, Michele Lynch)  und rasanten Szenen- und Kostümwechsel. Spätestens nach der zweiten Nummer ist der Funke endgültig auf das Publikum übergesprungen. Da geht die Post ab. Aus den Spraydosen sprühen Schwaden voller Leidenschaft, Esprit und Verve.

Grandios: Uwe Ochsenknecht und Maite Kelly
Die beiden Hauptrollen mit Musical-unerfahrenen Protagnonisten zu besetzen, erweist sich als Glücksgriff, zumindest in der aktuellen personellen Konstellation. Mit Maite Kelly als Tracy und Uwe Ochsenknecht als deren warmherzige Frau Mama Edna („So schöne Beine hatte ich noch nie“)  haben die Macher der Show zwei grandios und in jeder Sekunde souverän agierende „Gastarbeiter“ engagiert, die sich mit ihrem hingebungs- und temperamentvollen Spiel nahtlos in die Riege der übrigen 37 professionellen Musical-Routiniers einfügen und den Eindruck erwecken, als hätten sie nie im Leben anderes gemacht als auf einer solchen Bühne zu stehen. Uwe Ochsenknecht, in der ersten Frauenrolle seines Lebens anrührend und komisch zugleich, wechselt sich im Part der Kittelschürzen-Mom mit Schwergewichts-Comedian Tetje Mierendorf ab. Dritter im Bunde ist hier Martin Berger, der als Alternate ebenfalls eine hoch interessante Rollenauslegung verspricht. Ihnen gegenüber steht Papa Wilbur, dem Leon van Leeuwenberg eine herrlich herzenswarm-einfältige Note verpasst. Ein klein wenig erinnert das an seinen „Mr. Cellophane Man“ aus alten Düsseldorfer „Chicago“-Tagen, nur eben noch ein paar Nuancen pointierter. Weil er als ideenreicher, aber geschäftlich eher erfolgloser Scherzartikelerfinder die Familie nicht über Wasser kann, muss halt seine pfundige, bessere Hälfte Edna, an der er jedes überflüssige Speckröllchen aufrichtig liebt, mit anpacken und das Budget durch Waschen und Bügeln aufbessern. Daneben hat die wuchtige Frau ihre Prinzipien und Grundsätze. Und dazu zählt auch die anfängliche Ablehnung der ihr höchst suspekten Nigger-Musik, auf die die Kids so stehen, ihre eigene Tochter und deren beste Freundin „Penny Pingleton“ (Entzückend: Jana Stelley) eingeschlossen.

 

Nicole Berendsens glänzendes Deutschland-Comeback
Mama Turnblads liebenswertem Charakter diametral entgegengesetzt ist der von Velma Von Tussle, einer hochnäsigen, arroganten und intriganten blonden Schickse. Als solche glückt der Niederländerin Nicole Berendsen ein glänzendes Bühnencomeback in Deutschland. Als Produzentin der Corny Collins-Show, deren Moderator Rob Fowler gibt, versucht sie mit allen Mitteln ihrem nicht minder tumben, blond-blöden und zickigen Töchterchen Amber (Tinete Ogink) den Sieg des Tanzwettbewerbs zuzuschustern, was ihr auch beinahe gelingt, aber eben nur beinahe. Neben Berendsen vermag vor allem noch Deborah Woodson als Plattenladenbesitzerin Mothermouth Maybelle vokale Glanzlichter zu setzen. Der nachhaltige Eindruck, den diese pfundige, soulige Power-Frau hinterlässt, wird jedoch durch ihre mitunter kaum verständliche Artikulation des Deutschen etwas getrübt.

Dafür gibt’s die volle Punktzahl!
Dreh- und Angelpunkt des turbulenten Spektakels ist und bleibt jedoch nun mal Tracy Turnblad, die zur Heldin heldenhafter Eltern wird. Ein ganz schöner Druck, der da auf Maite Kelly lastet. Sie, die es als erster dicker Teenager in den 90er Jahren auf den „Bravo“-Titel schaffte, überrascht als quirliges Energiebündel, das sich als Tänzerin und Sängerin mühelos zwischen den „alten Muscial-Hasen“ behauptet . Maite Kelly personifiziert die zentrale, sich wie ein roter Faden durch alle Szenen ziehende Botschaft des Stücks: Sich und andere lieben und respektieren, nicht nur ob ihrer Stärken, sondern auch wegen ihrer Schwächen. Scheißegal, ob Du dick, dünn, schwarz, weiß, klein, groß oder anders bist, entscheidend ist, dass Du das Herz auf dem rechten Fleck hast. Und dann ganz nebenbei noch ein klein wenig Toyota -Philosophie: Nix ist unmöglich, wenn man nur will! Ob das jetzt im wahren, realen Leben immer und überall so ist, sei einmal dahingestellt. In Köln-Baltimore jedenfalls scheint es so zu sein. Und das ist gut so. Und es funktioniert. Volle Punktzahl!

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© Text: Jürgen Heimann

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