Musicalunterhaltung XXL Am Nikolaustag, dem 06. Dezember 2009, platzte der Musical Dome in Köln aus allen Nähten und das nicht nur wegen der „schwergewichtigen“ Handlung des neuen Musicals „Hairspray“, das direkt am Rheinufer seine Deutschlandpremiere feierte. Rund 1700 illustre Gäste feierten die Geschichte eines kleinen, pummeligen Mädchens im Kampf gegen Ignoranz, Vorurteile und Rassenhass. Was sich hier nach dröger Zeigefingerpädagogik anhört, entpuppte sich schnell als überaus amüsant-rasante Musicalkomödie, die perfekt zu unterhalten weiß. Die Erfolgsgeschichte von „Hairspray“ begann mit einem Low-Budget Film von 1988. Regisseur John Waters inszenierte die Story des recht kräftig gebauten Mädchens Tracy Turnblad (verkörpert von der damals noch unbekannten Ricki Lake), die davon träumt, in der angesagtesten Fernseh-Tanzshow von Corny Collins aufzutreten und zu tanzen. Als eine Tänzerin ausfällt, schwänzt Tracy die Schule und tanzt im Sender vor. Doch im Baltimore des Jahres 1962 gehören kleine, dicke, hässliche Mädchen nicht ins Fernsehen, findet zumindest Produzentin Velma von Tussle (Debbie Harry) nebst Gatten (Sonny Bono). Doch Tracy gibt nicht auf. Beim Nachsitzen mit ihren farbigen Mitschülern, die nur am „Negro Day“ im Fernsehen auftreten dürfen, lernt sie coole Tanzschritte, mit denen sie bei einer Party Corny Collins und Teenie-Star Link Larkin auffällt. Beide stellen Tracy vor laufenden Kameras dem Fernsehpublikum vor. Während Produzenten und Werbesponsoren empört reagieren, kommt Tracy beim Publikum überraschend gut an. Doch ihre liberalen Forderungen, schwarze Soulmusik öfter im Fernsehen zu spielen, kosten den Moderator fast seinen Job. Als Tracy sogar eine Demo organisiert und im Frauengefängnis landet, scheint der Sieg von Amber von Tussle, Tracys größter Konkurrentin und Tochter der Produzentin, bei der Wahl zur „Miss Teenage Hairspray“ gewiss zu sein. Doch Tracy kann mit Hilfe ihrer Freunde und Eltern aus dem Gefängnis ausbrechen und sich in die polizeilich gut bewachte Fernsehshow, die unter keinen Umständen nochmals von Schwarzen überrannt werden soll, mit List und Tücke buchstäblich in letzter Sekunde hineinschmuggeln… Erst nach der Video- und DVD-Veröffentlichung erlangte „Hairspray“ Kultstatus, vielleicht auch wegen der schrägen Besetzung von Tracys Mutter Edna Turnblad durch den Travestiekünstler und Drag Queen Divine. Die Idee, aus dem Film ein Musical zu machen, wurde am 15. August 2002 am Neil Simon Theatre am New Yorker Broadway in die Tat umgesetzt, wo „Hairspray“ unter der versierten Regie von Jack O´Brian mit der phantastischen Musik von Marc Shaiman und der herrlichen Choreografie von Jerry Mitchell sieben Jahre lang in 2642 Vorstellungen spielte. 2003 heimste das Musical acht Tony Awards (u.a. bestes Musical) ein. 2007 kam „Hairspray“ ans Londoner West End und wurde – diesmal in der Musicalfassung – neu verfilmt. Auf der Leinwand tummelten sich neben der Neuentdeckung Nikki Blonsky als Tracy Kino-Stars wie Michelle Pfeiffer, Queen Latifah, Christopher Walken, Zac Efron und John Travolta als Edna Turnblad. Denn seit Divine verkörpert auf der Bühne und im Film immer ein Mann diese Rolle. Natürlich war man gespannt, welcher namhafte Künstler die Rolle der Edna bei der Deutschlandpremiere spielen würde. Die Überraschung war gelungen, als die Produzenten Michael Brenner und Marek Lieberberg Schauspieler Uwe Ochsenknecht als Erstbesetzung Edna der Presse präsentierten. Seit Wolfgang Petersens „Das Boot“ im Jahre 1981 verkörpert Ochsenknecht stahlharte Kerle und wurde mit Doris Dörries „Männer“ Deutschlands Macho Nr.1. Zwar hatte Ochsenknecht zur Musik seit den 90er Jahren mit seiner Band und fünf produzierten Alben eine gewisse Affinität, jedoch war das Thema Musical für ihn bisher unbekanntes Neuland. Doch als Edna Turnblad tauscht der von Testosteron strotzende „Mann für jede Tonart“ gerne seine Jeans gegen ein plüschiges Tüllkleid ein. Ochsenknechts Verwandlung in die füllige Vollblutfrau mit der Doppel-D Oberweite im „Fatsuit“ dauert rund zwei Stunden. In der Rolle von Ednas Tochter Tracy findet sich in Maite Kelly eine Frau, der die Musik in der großen „Kelly Family“ bereits in die Wiege gelegt wurde, die aber nach ihrer Solokarriere in diesem Jahr ebenfalls erstmals Bekanntschaft mit dem Genre Musical machen sollte. Mit Spannung verfolgte das Galapublikum bei der Deutschlandpremiere, ob sich diese beiden Neulinge neben dem professionellen Musicalensemble behaupten können. Gleich in der ersten Szene zeigt die 30 jährige Maite Kelly zu den schmissigen Tönen von „Good Morning Baltimore“, dass sie sowohl gesanglich als auch schauspielerisch einer Tracy Turnblad mehr als gewachsen ist. Sie räkelt sich genüsslich aus ihrem Bettchen und begegnet auf dem Weg zur Schule Ratten und dem Exhibitionisten von nebenan. Nach diesem fulminanten Start hat jeder Zuschauer bereits den energiegeladenen Flummi, der da mit graziler Leichtigkeit über die Bühne hopst, ins Herz geschlossen. Maite Kelly beweist eindrucksvoll, dass Frauen mit etwas mehr Speck auf den Rippen keinerlei Probleme haben, selbst anspruchsvoller Choreografie mühelos zu folgen. Wenn sie beim Nachsitzen von ihren schwarzen Freunden die verführerischen Tanzschritte lernt, mit denen man sich jeden Mann angelt, sieht das genauso sexy aus wie bei ihren spindeldünnen Tanzkolleginnen. Dazu gesellt sich ein überschäumender Humor und ein pointiertes Mienenspiel, wenn Tracy z.B. nach ihrem ersten Zusammenstoß mit ihrem heimlichen Schwarm Link Larkin zu „Glocken klingen hell“ ihre gemeinsame Zukunft bis ins kleinste Detail erträumt. Maite Kelly „lebt“ Tracy Turnblad bis in die Haarspitzen ihrer imposanten Frisur! Ein ähnliches Aha-Erlebnis stellt sich bei „Mama“ Edna Turnblad ein: Uwe Ochsenknecht bügelt in weitem Kittel und Pantoffeln und philosophiert von verpassten Gelegenheiten, eine angesehene Schneiderin zu werden. Nach kurzer Zeit vergisst das Publikum, dass dort ein Mann in Frauenkleidern steckt – vielleicht das größte Kompliment, das einer Edna zuteilwerden kann. Uwe Ochsenknecht verzichtet darauf, seine eindeutig männliche Stimme zu verstellen und präsentiert auch seine Songs in einem angenehmen Bariton bis Bass. Die Rolle der Edna ist keine lächerliche Travestienummer und in diese Falle tappt „Frau“ Ochsenknecht auch nicht: wenn das Publikum lacht, dann nie über Edna, sondern nur mit ihr. Die Tragik dieser Rolle, dass sie sich wegen ihrer Figurprobleme seit über zehn Jahren nicht mehr aus den eigenen vier Wänden traut, kommt darstellerisch exzellent über die Bühne. Die Transformation Ednas von der fetten Frau zur gefragten Dame, die ihre Tochter sogar als Model für Übergrößen zu vermarkten weiß, ist bei Uwe Ochsenknecht in besten Händen. Als alternierende Edna steht Schauspieler, Comedian und Sänger Tetje Mierendorf („Mein großer, dicker, peinlicher Verlobter“, „Bewegte Männer“, „Genial Daneben“ und „Schillerstrasse“ im TV, musikalisch u.a. als „Big Bopper“ in „Buddy“) ebenfalls in Köln auf der Bühne. Zumindest optisch füllt Mierendorf die Rolle der Edna noch besser aus als der schlankere Ochsenknecht und man darf sicherlich auch auf seine Rollenauslegung gespannt sein. Bei so viel Bühnenpräsenz der Newcomer haben es die gelernten Musicaldarsteller in den weiteren Rollen schwer, doch auch hier wurde bis in die kleinste Rolle exzellent besetzt. Leon van Leeuwenberg („Titanic“, „Elisabeth“, „Babytalk“) steht als Ednas Ehemann Wilbur und Erfinder von Scherzartikeln im Schatten seiner warmherzigen Gattin. Beim Showstopper „Du bist zeitlos für mich“ präsentierte er zusammen mit Ochsenknecht bei der Premiere eine Extrafassung des romantischen Liebesduetts mit Nikolausscherzen, die bei den Darstellern und dem Publikum gleich mehrfach vor Lachen die Tränen in die Augen trieb und einen dicken Extraapplaus erntete (Zitat: „Du bist mein Nikolaus“ – „Dann hol ich gleich die Rute raus“). Jana Stelley als Tracys beste Freundin Penny Pingleton nutzt das Potential ihrer Rolle als bebrillte Außenseiterin, die sich sehr zum Missfallen ihrer herrischen Mutter Prudy (Sarah Schütz) ausgerechnet in den farbigen Tänzer Seaweed J Stupps (Tedros Teclebrhan) verliebt und mit dieser Milch & Schokolade-Romanze überall aneckt – das Baltimore 1962 war noch lange nicht bereit für einen schwarzen, amerikanischen Präsidenten. Unterstützung erhält das Paar von Tracy und Seaweeds Mutter Motormouth Maybelle, die von Deborah Woodson mit leichtem Akzent, jedoch mit umso großartigerer Soulstimme gespielt wird. Größte Verfechter der Rassentrennung sind TV-Produzentin und Ex-„Miss Baltimore Crabs“ Velma von Tussle, herrlich hassenswert wie die böse Stiefmutter in Schneewittchen interpretiert von der Niederländerin Nicole Berendsen („Tabaluga & Lilli“, „Mozart!“), zusammen mit ihrem Abziehbild, dem Töchterchen Amber (Tineke Ogink), die über Leichen gehen würde, um zur Schönsten im ganzen Land gewählt zu werden. Zwischen die Fronten geraten Rob Fowler („Carmen Cubana“, „Elisabeth“ in Wien) als Moderator Corny Collins und der strahlende Sonnyboy Daniel Berini („Mamma Mia!“, „Der Graf von Monte Christo“) als Teenie-Schwarm und Elvis-Reinkarnation Link Larkin, der sich zwischen Amber und Tracy entscheiden muss. In vielen kleinen Rollen, z.B. als überkandidelter Lehrer Mr. Spitzer oder unterwürfiger Mr. Pinky setzt Eric Minsk immer wieder komödiantische Mini-Glanzlichter in einer strahlenden Produktion. Das weitere Damen- und Herrenensemble zeichnet sich durch schier unermüdliche Kondition bei den ausgefeilten Tanzsequenzen der Original Broadway Choreografie von Jerry Mitchell und Michele Lynch aus. Gesungen wird natürlich komplett in deutscher Sprache. Dass dabei der Witz und feinsinnige Humor der englischen Vorlage nicht gelitten hat, ist Heiko Wohlgemuth („Käpt´n Blaubär“, „Der Schuh des Manitu“) für die Übersetzung der Songs und Jörn Ingwersen für die Dialoge zu verdanken. Die kunterbunten Kostüme von William Ivey Long und das stimmungsvolle Lichtdesign von Kenneth Posner wurden wie auch das gesamte Bühnenbild (David Rockwell) aus der amerikanischen Urfassung übernommen. Für eine Großproduktion kommt „Hairspray“ dabei mit recht übersichtlichen Kulissen daher, mal wendet sich ein Bett zu einer Hausfassade, ein Plattenladen schwebt aus dem Schnürboden herab , im Frauengefängnis tragen die Darsteller selbst ihre Gitterstäbe und auch das TV-Studio kommt ohne Hebebühne mit drei einfachen Stufen und einer großen Haarsprühdose aus. Einfach und trotzdem effektvoll bleibt so immer genug Raum für die Darsteller, die den Platz schließlich zum Tanzen benötigen. Einen Hingucker liefern natürlich die überdimensionalen Perücken von Hannelore Uhrmacher und die Tatsache, dass in dieser Produktion der Bühnennebel nicht aus der Nebelmaschine kommt, sondern vielmehr aus den oft eingesetzten Hairspray-Sprühdosen. 13 Musiker unter der Leitung von Robert Paul machen zudem mächtig Dampf, so dass es im Finale passend heißt „Niemand stoppt den Beat“.
„Hairspray“ ist nach „Mamma Mia!“ neben all den Drama-Musicals auf deutschen Bühnen endlich wieder ein echtes Gute-Laune Stück mit spektakulärer Choreografie, liebenswerten Charakteren, feinem Humor und der einfachen Botschaft, dass Toleranz alle Schranken überwinden kann. Die Kölner Produktion wirbt mit dem Slogan: „Riesen Haare, Riesen Musical, Riesen Spaß!“ und trifft damit genau ins Schwarze. Nachdem das Premierenpublikum 15 Minuten lang stehenden Beifall spendete und mit den Stars der Show bis in die frühen Morgenstunden Kölns neuen Musicalhit feierte, sollte es für Tracy Turnblad noch lange Jahre „Good Morning Baltimore“ in Deutschland heißen dürfen! © Text: Stephan Drewianka; Fotos Show (13): Birgit Bernds; Fotos Premierenfeier (2): Stephan Drewianka; dieser Artikel erschien in gekürzter Fassung auch in der Zeitschrift Blickpunkt Musical, Ausgabe Ausgabe 01/10, Januar-Februar 2010
„Hairspray“ in Köln: Gute Laune pur im Sprühnebel Pfundig! Mit FCKW und Speckröllchen auf der musical-ischen Überholspur Da hatte Michael Brenner wieder einmal den richtigen Riecher. Der Impresario mit dem ausgeprägten Näschen für hitverdächtige Bühnen- und Theaterereignisse ist angetreten, dem Rheinland eine Extraration FCKW zu verpassen. Und eins vorneweg: Gegen dieses „Hairspray“ wirkt Drei-Wetter-Taft wie ein Placebo. Wie dieser US-Stoff auf das deutschsprachige Publikum wirkt, war Anfang 2008 zunächst in kleinerem Rahmen im schweizerischen St. Gallen angetestet worden. Die Reaktionen waren schon damals äußerst viel versprechend. Jetzt ist der Coiffeur-Dampfer am Kölner Rheinufer vor Anker gegangen. Seit Anfang Dezember vergangenen Jahres erwartet die Besucher hier eine volle Packung gute Laune, gekreuzt mit überschäumender Lebensfreude und purer Energie. Die neue Inszenierung dürfte dem Musical Dome auf Monate hinaus satte Auslastungsraten bescheren. Das ist mal sicher. You can’t stop the beat! Und das will (und kann) ja auch wirklich niemand. „The Show must go on“, hatte einst ja schon der selige Freddie Mercury in einem anderen Zusammenhang postuliert. In Folge fand das Queen’sche Erbe mit „We will rock you“ unweit des Hauptbahnhofs eine würdige Nachlassverwaltung. Nun kann man beide Produktionen weder inhaltlich, noch musikalisch oder dramaturgisch miteinander vergleichen. Doch eines ist beiden gemein: Der Bouhh- und Whoww-Effekt. Das durchgeschüttelte Publikum verlässt das Theater in und mit der Gewissheit, einen tollen, geilen Abend (oder Nachmittag) erlebt zu haben. Und dieses Aha-Syndrom ist bei „Hairspray“ quasi vorprogrammiert. Wer noch nicht ganz abgestumpft ist, wird von dem Charme und dem ausgelassenen Enthusiasmus, der sich da auf der Dome-Bühne manifestiert, zwangsläufig mitgerissen. Und allerspätestens zum Ende der ersten Halbzeit dieser sieben Millionen Euro teuren Produktion wird auch dem Letzten klar, warum das 2002 am Broadway uraufgeführte, in Folge nach London transferierte und mit 31 Internationalen Preisen überschüttete Stück zu den erfolgreichsten Musicals aller Zeiten gerechnet wird. Mitreißende Melodien zwischen Soul, Motown und Rock’n Roll Zwischen Günter Wallraff und Heidi Klumm Vital, hingebungsvoll und überschwänglich Grandios: Uwe Ochsenknecht und Maite Kelly
Nicole Berendsens glänzendes Deutschland-Comeback Dafür gibt’s die volle Punktzahl!
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